Institut

"Ahnengalerie" mit Lehrenden und Studierenden des Instituts
"Ahnengalerie" mit Lehrenden und Studierenden des Instituts Bildquelle: Michael Fahrig
Nachbau eines Lehmofens im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften
Nachbau eines Lehmofens im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften Bildquelle: Michael Fahrig

Eine „Ahnengalerie“ im Treppenhaus präsentiert Lehrende und Studierende des Instituts. Für andere Fächer wie die Rechtswissenschaft oder die Germanistik undenkbar, wären doch – selbst bei kleineren Fotoformaten – riesige Wände für die viel zahlreicheren Absolventen dieser Fachrichtungen vonnöten. Die Atmosphäre am Institut für Prähistorische Archäologie ist familiär und dennoch geprägt von wissenschaftlichem Ernst.

Das dem Institut für Archäologie zugehörige „Seminar für Ur- und Frühgeschichte“ wurde im Jahr 2000 in ein eigenständiges Institut umgewandelt und entsprechend der internationalen Entwicklung des Fachs „Prähistorische Archäologie“ benannt. Als 1981 Bernhard Hänsel als Professor an die Freie Universität Berlin berufen wurde, wirkte er noch am „Seminar für Ur- und Frühgeschichte“. Der Ur- und Frühgeschichte in Berlin haftete über lange Zeit der Makel der „Germanenforschung“ an, für die maßgeblich Gustaf Kossinna (1858–1931) verantwortlich zeichnete.

Er wurde 1902 zum planmäßigen außerordentlichen Professor für Deutsche Archäologie an die Philosophische Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin berufen – die spätere Humboldt Universität zu Berlin – und lehrte dort bis zu seinem Tod 1931. An der von ihm gewählten Ausrichtung unter nationalistischen Vorzeichen konnten auch die Anstrengungen Max Eberts (1879–1929), der sich bis zu seinem Lebensende um eine stärkere Einbindung in die internationale wissenschaftliche Diskussion bemühte, nur bedingt etwas ändern.

Die von ihm angestoßene geographische Öffnung der Forschung nach Ost- und Südosteuropa bezog den Schwarzmeer- und Mittelmeerraum ein. Eberts Anstrengungen wurden nach 1933 gänzlich zurückgedreht. Die gesamte Disziplin wurde ideologisch auf nationalsozialistische Linie gebracht und galt nach Kriegsende als wissenschaftlich ruiniert.

Erst vom Wintersemester 1958/1959 an erweiterte das Fach Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin sein Angebot mit einer Vorlesung zur Frühgeschichte. 1959 erhielt Horst Kirchner (1913– 1990) einen Ruf an die Freie Universität Berlin, und 1960 wurde ein eigenes Seminar für Ur- und Frühgeschichte in der Habelschwerdter Allee 19 etabliert.

Die wissenschaftliche Arbeit konzentrierte sich auf die Vermittlung von Grundlagenkenntnissen und war eher als Zusatzstudium für angehende Lehrer gedacht sowie für die kuratorische Tätigkeit in Museen, die Grundkompetenzen in der Bestimmung von Fundstücken verlangt. Der frühere Leiter des Museums für Vor- und Frühgeschichte, zugleich Leiter der Bodendenkmalpflege, Otto-Friedrich Gandert (1898–1983), bot auf diesem Gebiet als Honorarprofessor eigene Lehrveranstaltungen an.

Kirchner wurde von 1966 an von der Prähistorikerin Clara Redlich (1908–1992) unterstützt. Redlich, in Riga geboren, hatte 1933 an der Universität Göttingen promoviert und sich dort 1946 in der Vor- und Frühgeschichte habilitiert, in diesem Fach als erste Frau in Deutschland. Doch erst nach mehr als 20 Jahren konnte sie im Mai 1967 an der Freien Universität Berlin ihre Antrittsvorlesung halten. Bis 1935 leitete sie zeitweise das Rigaer Dommuseum, musste diese Arbeit aber im Sommer 1936 aufgeben, als das Museum geschlossen wurde. Nach Tätigkeiten im Museumsbereich in Köln, Posen und Hannover gelangte sie durch die Anstellung an der Freien Universität Berlin doch noch in die Lehre und wurde schließlich Professorin.

Als das Seminar für Ur- und Frühgeschichte 1976 in die Schwendenerstraße 31 umzog, verstand es sich noch als Nebenfach. So wurden zwischen 1959 und 1980 nur zwei Magisterabschlüsse am Institut abgelegt – beide betreut von Clara Redlich. Insgesamt fanden in dieser Zeitspanne keine vom Institut ausgehenden Grabungen statt, den Studierenden wurden lediglich Exkursionen angeboten. Bernhard Hänsel, der hier von 1981 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 tätig war, würdigte seinen Vorgänger Horst Kirchner, weil er maßgeblich die heute international anerkannte Bibliothek mit 36 000 Bänden aufgebaut hatte, mit den Worten: „Er war nicht bibliophil, sondern biblioman.“

Der Umzug des Seminars in die Villa in der Altensteinstraße 15, der nach der Berufung Hänsels 1981 stattfinden sollte, zog sich bis 1986 hin. Bei den Baumaßnahmen waren Kompromisse nicht immer leicht zu finden. Die strikte „Modernisierung“ des Gebäudes konnte mit Hartnäckigkeit und kleinen Tricks verhindert werden: Der alte Zaun wurde mit der kühnen Behauptung gerettet, dass die Villa insgesamt unter Denkmalschutz stehe (was nicht zutraf ). Doch auf diese Weise blieben auch Stuckdecken, alte Türdrücker und andere historische Bauelemente erhalten. Das Seminar wurde nun zu einer allgemein anerkannten Forschungseinrichtung aufgebaut.

Ein Forschungsschwerpunkt des Instituts war die Bronzezeit in Südost-, Mittel- und Nordeuropa. Eine Grabung in Feudvar im damaligen Jugoslawien (1986–1990), gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), widmete sich einer bronze- und eisenzeitlichen Siedlung. Im nordgriechischen Siedlungshügel Agios Mamas fanden von 1993 bis 1996 Grabungen statt; im kroatischen Monkodonja an der Adria wurde von 1998 bis 2008 eine dicht bebaute Bergsiedlung von 300 Metern Länge in der steinigen Region freigelegt und erforscht.

Mit der Übernahme von Professur und Institutsleitung durch Wolfram Schier 2006 wurde die Ausrichtung des Instituts auf die Erforschung der jüngeren Vorgeschichte Südost- und Osteuropas beibehalten, erweitert um die Epochen des Neolithikums und der Kupferzeit. Bis 2009 fanden, wiederum gefördert durch die DFG, Grabungen im jungsteinzeitlichen Siedlungshügel von Uivar in Rumänien statt, es folgten seit 2010 Untersuchungen in neolithischen Kreisgrabenanlagen in Bayern und Sachsen- Anhalt, zu noch immer rätselhaften Monumenten ritueller Funktion mit astronomischen Bezügen.

Mit der Berufung von Michael Meyer auf die zweite Professur bildet seit 2008 die vorrömische Eisenzeit und römische Kaiserzeit einen zweiten Forschungsschwerpunkt am Institut. Neue Forschungsprojekte zur frühen einheimischen Eisenproduktion, zur Siedlungsarchäologie der jüngeren Eisenzeit im Südharzvorland sowie zum spektakulären, Historikern bis dato unbekannt gebliebenen römischen Schlachtfeld am Harzhorn in Niedersachsen erweiterten das Spektrum und schärften das Profil des Institutes.

2014 wurde eine im Rahmen des Exzellenzclusters Topoi geschaffene Professur für die Archäologie des westlichen Eurasien mit Elke Kaiser besetzt – mit dieser fachlichen Ausrichtung steht das Institut im deutschsprachigen Raum einzigartig da. Heute sind am Institut, neben zwei Professoren und einer Professorin, fünf Privatdozenten tätig. Unterstützt werden sie von sechs Honorarprofessoren, zu denen Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Alexander Koch, Präsident des Deutschen Historischen Museums, gehören.

Die Arbeit der Dozenten am Institut für Prähistorische Archäologie ist gekennzeichnet durch die enge Verwobenheit von Forschung, Lehre und Praxis. Längst können hier eigene Abschlüsse im Hauptfach abgelegt werden, seit 2008 existiert auch ein eigenständiger Masterstudiengang. Seit der Eingliederung in den Fachbereich Geschichtsund Kulturwissenschaften, hier in die Wissenschaftliche Einrichtung Altertumswissenschaften, werden Abschlüsse im gemeinsamen Bachelorstudiengang mit dem Profilbereich Prähistorische Archäologie abgelegt.

Die Forschung reicht im Wesentlichen vom Neolithikum, der Jungsteinzeit, bis hin zur Völkerwanderungszeit – mit einem Fokus auf Siedlungen und ihrem landschaftlichen Kontext sowie wirtschaftsarchäologischen Fragestellungen. Auch die experimentelle Archäologie findet zunehmend Eingang in Lehre und Forschung. Das Institut ist maßgeblich am Exzellenzcluster Topoi beteiligt, dessen Sprecher für die Freie Universität seit 2012 Michael Meyer ist. Zugleich ist es Teil des Interdisziplinären Zentrums Alte Welt, zu dem sich verschiedene altertumswissenschaftliche Disziplinen der Freien Universität zusammengeschlossen haben.

Nachdem 2011 der 1953 an der Humboldt-Universität eingerichtete Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte aufgelöst wurde, kommt der Freien Universität Berlin mit ihrem Institut für Prähistorische Archäologie ein Alleinstellungsmerkmal in Berlin zu – einer Stadt, die mit ihren Museen, dem Deutschen Archäologischen Institut und dem Archäologischen Zentrum insgesamt über eine große Dichte an wissenschaftlichen Einrichtungen auf diesem Gebiet verfügt.

Die familiäre Atmosphäre im alten Gebäude des Instituts kam den Studierenden zugute und war auch bei den vielen, zumeist ausländischen Gastwissenschaftlern sehr beliebt. Doch führten die wachsende Zahl an Drittmittelprojekten und der stetige Zuwachs im Bibliotheksbestand zu immer stärkerer Raumnot. Im Neubau in der Fabeckstraße sind größere Räumlichkeiten für die Forschungsprojekte vorhanden. Der räumliche Verbund mit den anderen Altertumsdisziplinen bringt neben häufigeren kollegialen Begegnungen den großen Vorteil einer Zusammenführung der Bibliotheken.

Nur für publikumswirksame Veranstaltungen müssen in Zukunft neue Ideen entwickelt werden. Der Neubau bietet da weniger großzügige Möglichkeiten als das alte Haus: So wurden etwa in der Vergangenheit bei der Langen Nacht der Wissenschaften im Garten der Villa Lehmöfen konstruiert. Bei einer anderen öffentlichen Veranstaltung durften sich Kinder ganz praktisch in der Archäologie versuchen und hinter der Villa nach dem Wasserspiel des einstigen Hausherrn Bohrdt graben.