Seminar

Detail in der Altensteinstraße 33
Detail in der Altensteinstraße 33 Bildquelle: Michael Fahrig
Balkon
Balkon Bildquelle: Michael Fahrig
Treppenhaus in der Altensteinstraße 33
Treppenhaus in der Altensteinstraße 33 Bildquelle: Michael Fahrig
Innenansicht des Ägyptologischen Seminars
Innenansicht des Ägyptologischen Seminars Bildquelle: Michael Fahrig

Berlins berühmteste Ägypterin ist ohne Zweifel Nofretete (ägyptisch Neferet-iti: „die Schöne ist gekommen“), die im 14. Jahrhundert v. Chr. als Gemahlin des Pharaos Echnaton lebte. Ihre Büste wurde 1912 in einem Bildhaueratelier von Tell el-Amarna, der Residenzstadt des sogenannten Ketzerkönigs, gefunden, das wie die Stadt selbst nach dessen Regierung aufgegeben worden war.

Dreieinhalb Jahrtausende später steht die Plastik, eigentlich ein Bildhauermodell, sorgfältig ausgeleuchtet und inszeniert wie eine Reliquie in einer Rotunde des Neuen Museums auf der Museumsinsel und zieht Tausende Besucher in ihren Bann. Für die ägyptologische Forschung mindestens so interessant wie das Kunstwerk, als das Nofretete heute wahrgenommen wird, ist der historische Kontext, die altägyptische Kultur. Es ist ebenso wichtig, den Betrieb der Werkstatt zu verstehen, in der Nofretete einst als Modell diente, wie das Haupt selbst.

Das Seminar für Ägyptologie gehört zu den altertumswissenschaftlichen Institutionen an der Freien Universität. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich mit den altägyptischen Kulturen und ihren materiellen Hinterlassenschaften. Dabei ist der Bogen weit gespannt; er reicht von den frühen Kulturen des 5. und 4. Jahrtausends v. Chr. über die pharaonische Zeit, also die Phasen nach der Zusammenführung von Ober- und Unterägypten in einem Reich, nach 3000 bis 332 v. Chr.

Er umfasst darüber hinaus auch die Ära der hellenistischen Ptolemäerdynastie (332 bis 30 v. Chr.) nach der Eroberung Ägyptens durch Makedonenkönig Alexander den Großen, die Jahrhunderte Ägyptens als Provinz des römischen beziehungsweise byzantinischen Imperiums (30 v. Chr. bis 641 n. Chr.) und die ersten Jahrhunderte nach der arabischen Eroberung, in denen die jüngste Stufe der ägyptischen Sprache – das Koptische – noch virulent war. Räumlich entspricht der Forschungsbereich der Ägyptologie dem ägyptischen Niltal, das durch die östlich und westlich des Nils gelegenen Wüsten begrenzt wird, samt den umliegenden Oasen, dem Sudan und dem Sinai.

Das Studium der Ägyptologie ist gekennzeichnet durch die Querschnittbetrachtung; es werden alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens einer Epoche untersucht. So kann auf dem Weg der Textanalyse zugleich die staatliche Verfasstheit Ägyptens untersucht und nachvolllzogen werden. In der Ägyptologie werden sowohl die philologischen als auch die archäologischen Aspekte der Kultur behandelt.

In der Philologie werden sowohl die Schriftsysteme der Hieroglyphen und das Hieratische als auch die Sprachstufen des Früh-, Alt- und Mittelägyptischen sowie Neuägyptischen vermittelt, wahlweise ergänzt durch die Sprachstufen und Schriften des Demotischen und des Koptischen. Zum Verständnis der Forschungsliteratur ist die Beherrschung moderner Sprachen erforderlich.

Die Ägyptologie wurde an der Freien Universität Berlin erst 1968 begründet; ihren ersten Sitz hatte sie lange Zeit im Rudeloffweg 9. Als erster Professor wurde Gerhard Fecht (1922–2006) berufen. Sein Assistent Jürgen Osing trat ihm wenig später selbst als Professor zur Seite. 1981 übernahm Peter Munro (1930–2009), der zuvor Direktor des Museums August Kestner in Hannover gewesen war, die Professur für Ägyptologische Archäologie und Kunst. 1993 zog das Seminar für Ägyptologie in die Villa an der Altensteinstraße 33, die bis dahin von den Geowissenschaften genutzt worden war.

2003 wurde Stephan Johannes Seidlmayer Professor, der schon länger mit dem Seminar vertraut war und bereits das Projekt zur Erstellung eines Altägyptischen Wörterbuchs an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften leitete. Er ist seit 2009 Erster Direktor der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts; für seine Forschungsleistungen erhielt er 2014 den renommierten Gerda-Henkel-Preis.

Seit 2008 vertritt Jochem Kahl die ägyptologische Forschung und Lehre an der Freien Universität, er befasst sich unter anderem mit der Sprach- und Schriftgeschichte. Seit 2003 leitet Jochem Kahl die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als langfristiges Vorhaben geförderten deutsch-ägyptischen Ausgrabungen in der altägyptischen Nekropole von Assiut.

Eine 2014 eingerichtete Professur mit dem Schwerpunkt Koptologie ist mit Sebastian Richter besetzt, der ein DFG-Langfristvorhaben zu den griechischen Lehnwörtern im Ägyptischen leitet und auch die Leitung des ägyptologischen Wörterbuchprojekts an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften übernommen hat. In der ägyptologischen Archäologie wird gegenwärtig unter anderem eine Grabung im Nildelta in Quesna ausgeführt, unter Leitung von Joanne Rowland gemeinsam mit der britischen Egypt Exploration Society im Gouvernement Minufiyeh.

Die Studierenden können ihre philologischen und archäologischen Studien durch Praktika vertiefen. Das Studium ist in den Grundlagen eingebettet in den Bachelorstudiengang Altertumswissenschaften. Das Ägyptologische Seminar beteiligt sich am Netzwerk Interdisziplinäres Zentrum Alte Welt.