Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Was heißt Prokrastination?

Was heißt Prokrastination?
Was heißt Prokrastination? Bildquelle: Volker Möller

Der Begriff Prokrastination (Aufschieben, von procrastinare; auf morgen verlegen) bezeichnet eine Störung des Arbeitsverhaltens.

Betroffene vermeiden es, sich einer Aufgabe, von der sie selbst behaupten, dass sie vorrangig erledigt werden muss, konsequent, zeitnah und relativ stressfrei zu widmen. Sie schieben die Angelegenheit vor sich her und erledigen stattdessen andere, weniger wichtige Dinge. Oft geht Prokrastination mit folgenden Gedanken einher:

  • Ich warte, bis ich in der richtigen Stimmung bin.
  • Ich muss erst noch all die anderen Sachen erledigen.
  • Es ist zu anstrengend.
  • Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.
  • Ich habe doch noch jede Menge Zeit.
  • Wieso habe ich auch so viele Aufgaben bekommen? Das ist nicht fair.
  • Ich arbeite sowieso unter Druck besser, also mache ich es später.
  • Ich hab einfach keine Lust.

Prokrastination betrifft Probleme von Absichtsbildung, Handlungsplanung, Handlungskontrolle und dem Zugang zum Selbst an der Schnittstelle zwischen Motivation, Aufgaben und Persönlichkeitsfaktoren. Fehlende Fertigkeiten, unterentwickelte Selbststeuerungsfertigkeiten oder bewusste/unbewusste Konflikte können dazu führen, dass Handlungen nicht begonnen oder nicht zu Ende geführt werden. Die Forschung unterscheidet dabei zwischen „arousal procrastination“ und „avoidance procrastination“; bei Ersterem geht es um die Erzeugung von Spannung und Nervenkitzel, bei Letzterem um die Vermeidung negativer Gefühle, die mit dem Arbeitsvorhaben in Verbindung stehen.

Akademische Prokrastination

Das Aufschieben nimmt beim Herauszögern von Studienabschlüssen und Promotionsvorhaben eine zentrale Rolle ein und wird somit zum entscheidenden Risikofaktor für unerwünschte Studienzeitverlängerungen und Karrierebeeinträchtigungen. Im akademischen Bereich ist die Prokrastination einer der Hauptanlässe für das Aufsuchen von Hilfe in der psychologischen Beratungsstelle der Universität.

Schwierigkeiten mit dem selbstregulierten Arbeitsverhalten an der Universität sind nichts Außergewöhnliches, sondern eher alltäglich. So ist die Anpassung an die neuen, noch ungewohnten Lern- und Arbeitsstrukturen an der Universität bei den meisten Studienanfängern zunächst mit Gefühlen der Unsicherheit und Frustration verbunden. Im weiteren Verlauf des Studiums gelingt es zwar vielen Studierenden, geeignete Arbeitsstrategien zu entwickeln, bei anderen können sich die anfänglichen Probleme jedoch verfestigen, bzw. noch ausweiten. Man schätzt, dass 70% aller Studierenden phasenweise aufschieben, unter denen 25% chronische Aufschieber sind.

Studierende mit hartnäckigen Arbeitsstörungen erleben aufgrund der permanenten Anforderungssituation im Studium wiederholte Misserfolgs- und Versagenssituationen, die ihr Selbstwertgefühl erheblich erschüttern können. Dies kann im Einzelfall zu depressiven Verstimmungen und/oder psychosomatischen Problemen führen. Manch einem mag die Vermeidung/Flucht vor der als frustrierend erlebten Arbeitssituation als Lösung erscheinen, was allerdings nur kurzfristig beruhigt.

Die Rolle der Studienbedingungen

Eine Erklärung für das Entstehen von Arbeitsstörungen liegt in der Struktur wissenschaftlichen Arbeitens: Je mehr Freiräume ein Studiengang bietet, desto höhere Ansprüche an Selbstorganisation werden an die Studierenden gestellt.

So muss z.B. die Aufstellung und Durchsetzung von Arbeitszielen häufig selbst formuliert und kontrolliert werden, was ein hohes Maß an Disziplin erfordert. Rückmeldungen für erbrachte Leistungen sind leider häufig spärlich und oft undifferenziert, was zu Unsicherheiten hinsichtlich der geforderten Qualitätskriterien, aber auch hinsichtlich der eigenen intellektuellen Fähigkeiten führen kann.

Individuelle Bedingungen

Diese für den Aufbau adäquater Studientechniken ungünstigen Studienbedingungen können verstärkt werden, wenn sie beim Studierenden auf individuelle Faktoren treffen, die die Bewältigung studienbezogener Anforderungen zusätzlich erschweren, wie z.B. Leistungs- und Versagensängste, überhöhte Ansprüche an sich selbst oder unbewältigte Autoritätskonflikte.

Weitere Erklärungsansätze liegen in der Persönlichkeit der Betroffenen. Ein perfektionistischer Anspruch kann dazu führen, dass Menschen nicht anfangen, aus Angst, die Erwartungen nicht erfüllen zu können. Prokrastination hat in diesem Fall eine selbstwertschützende Funktion. Andere Motive um aufzuschieben sind Unlustvermeidung, Trotz und Ärger, Scham oder Minderwertigkeitsgefühle.

Medien

Der folgende Filmbeitrag zeigt ein aufschlussreiches Interview mit Dipl.-Psych. Hans-Werner Rückert, der als Experte zum Thema „Aufschieben“ erklärt, warum Menschen aufschieben und verrät Tipps und Strategien, was man dagegen tun kann. Außerdem erläutert Rückert die dahinterliegenden Mechanismen und dass man dem ewigen Aufschieben sogar Positives abgewinnen kann.

Interview mit Dipl.-Psych. Hans-Werner Rückert
 

 Was heißt Aufschieben?
 Ab wann ist Aufschieben problematisch?
 Was weiß man über Aufschieben?
 Aus welchen Gründen schieben Menschen auf?
 Welche Mechanismen kennzeichnen das Aufschieben?
 Kann man dem Aufschieben etwas Positives abgewinnen?
 Wie erklärt man das Aufschieben?
 Was kann man gegen das Aufschieben tun?
 Was fasziniert Sie an dem Thema aufschieben?

Neben dem vollständigen Interview können Sie sich auch zu den Interviewfragen die jeweils passenden Sequenzen im Einzelnen anschauen.

Nachfolgend ein Radiointerview mit Dipl.-Psych. Lena Reinken zum Thema Prokratination, gesendet auf DeutschlandradioWissen am 13. August 2014.

Interview mit Dipl.-Psych. Lena Reinken

 DeutschlandradioWissen: Sendung "Geht doch" vom 13. Augist 2014 um 20 Uhr (Ausschnitt)

ppp_banner_links