Freie Universität Berlin


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Rede von Gerhard Roth anläßlich der Immatrikulationsfeier im Wintersemester 2002/03, FU Berlin

Prof. Dr. Gerhard Roth, Neurobiologe und Philosoph

Wie funktioniert mein Gedächtnis und wie kann ich es verbessern?

Rede anläßlich der Immatrikulationsfeier an der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2002/03
zur Begrüßung der neuimmatrikulierten Studierenden am 16. Oktober 2002

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen, Herr Präsident, bei Ihnen allen Studieren den und den Kollegen, dass ich hier reden darf und ich betrachte das als eine große Ehre. Es geht hier um eine Frage, die uns alle betrifft, Sie natürlich ganz besonders, wegen des Studiums, nämlich im wesentliche geht es um das Gedächtnis, und es stimmt, dass ich, zu meiner Schulzeit zumindest, ein sehr gutes Gedächtnis hatte und meine Lehrer in Angst und Schrecken getrieben habe, weil ich immer zitieren konnte, was sie am Tag vorher oder in der Woche vorher gesagt hatten. Das müssen Sie sich merken, das ist das Wichtigste, auch bei Professoren. Also: wie funktioniert mein Ge dächtnis, natürlich auch unser aller Gedächtnis, wie kann ich es verbessern? Gute Frage.

Also Fallbeispiel: Ich fahre mit dem Auto durch die Gegend, sofern ich ein Auto habe, und höre intensiv einer Radiosendung zu. Warum bin ich nicht in der Lage, das Geschehene auf der Straße während der vergangenen Minuten zu beschreiben, während ich mich auf die Radiosendung konzentriere? Wird gefragt, was hast du da gerade gesehen, hast du da die Autos gesehen: weg! Nun, wie eben erst erlebt, vor ein paar Tagen.

Anderes Beispiel: Ich gehe zum Telefonbuch und schlage eine Nummer nach. Wäh rend ich die wenigen Meter zum Telefon gehe, nachdem ich das nachgeschlagen habe, werde ich kurz abgelenkt, am besten durch eine andere Nummer, und die Nummer ist weg.

Drittens, besonders peinlich, tagtäglich: Ich stehe vor einer Person, die ich kenne, und mir fällt ihr Name nicht ein. Sehr peinlich, besonders wenn sie sagt, hallo, Herr Roth, wie geht's Ihnen denn. Dann überlege ich, wer das ist. Und natürlich die wichtigste Sache: ich habe mich sorgfältig auf eine Prüfung vorbereitet, aber im entscheidenden Augenblick fällt mir die Antwort auf eine Frage nicht ein, obwohl sie mir im Grunde bekannt ist. Was ist da los? Gucken wir erst einmal an, wie das Gedächtnis, um das es beim Studium geht, das deklarative, also im Prinzip bewusstseinsfähige Gedächtnis ­ es gibt viele andere Gedächtnisse, das sehen wir gleich noch ­ wie es um dieses deklarative Gedächtnis steht. Es ist nämlich auch zeitlich außerordentlich heterogen zusammengesetzt, und es gibt ein Gedächtnis, das wir eigentlich gar nicht als Gedächtnis ansehen, nämlich, es hat eine Spanne von wenigen Sekunden, ein bis zwei Sekunden, und zwar benötigen wir das zum Beispiel beim Lesen. Wir müssen beim Lesen im Gedächtnis behalten bei ein bis zwei Sekunden wie der Anfang hieß, besonders im Deutschen, wenn das Verb ganz am Ende kommt, worüber die Ausländer ja so stöhnen. Und ohne dieses Ultra-Kurzzeit- oder Augengedächtnis wären wir überhaupt nicht in der Lage, einen Satz zu lesen. Es gibt Patienten, die haben solche Störungen, und die können nicht lesen. Es ist sehr störanfällig, extrem begrenzt, und es ist nicht we sentlich verbesserbar. Das haben Sie, oder Sie haben es nicht, aber meistens hat man es. Dann kommt das Kurzzeitgedächtnis oder Arbeitsgedächtnis. Es hat eine Spanne von zwei bis dreißig Sekunden. Seine Kapazität ist chronischerweise sehr begrenzt. Es sind die fünf plus/minus zwei oder sieben Itens, also Gegenstände, das ist das, was uns so quält, wir versuchen, etwas im Gedächtnis zu behalten, eine Telefonnummer und die ist weg, sobald irgend etwas anderes passiert, und sie ist ins Gedächtnis nur durch ständige Wiederholung und ganz einfache Assoziationen verbesserbar. Also ich sage: 45 7 92, 45 7 92, sage ich mir vor, dann greife ich zum Telefon, wenn mir einer eine andere Nummer dazwischenschreit, ist es weg. Und das ist die Qual unseres Arbeitsgedächtnisses. Da gibt es ein intermediares Gedächtnis, eine Spanne von dreißig Sekunden bis dreißig Minuten ungefähr, auch in der Kapazität begrenzt, kann aber durch Memotechniken, durch Gedächtnistricks, von denen ich ein paar gleich verrate, verbessert werden, und schließlich das Langzeitgedächtnis, zu dem wir ja alle hinwollen, das reicht von dreißig Minuten bis Jahrzehnte, und diese Kapazität ist unbegrenzt.

Das Langzeitgedächtnis hat überhaupt keine Grenzen, es hat nur sekundäre Grenzen, und ich sage immer gerne, es ist genauso wichtig zu vergessen wie zu behalten. Es gibt Leute, die können nicht vergessen, Gedächtniskünstler, und die leiden extrem darunter. Nicht vergessen zu können ist extrem qualvoll.

Die Organisation des Gedächtnisses ganz allgemein: Gedächtnis ist überhaupt nichts Einförmiges, sondern außerordentlich verschieden, und wir machen uns eigentlich gar keine Gedanken darüber, wie verschieden unsere Gedächtnisse sind, und in welchen Schwierigkeiten wir arbeiten. Es gibt das schon erwähnte deklarative oder explizite Gedächtnis, das, worüber wir reden können, worüber wir Bewusstsein haben. Das zerfällt nur wieder ­ ich zeige es noch gleich ­ in wieder ganz unterschiedliche Gedächtnisse, das episodische Gedächtnis, das wie ein autobiographisches und Quellengedächtnis ­ ich sage das gleich noch ­ das Wissensgedächtnis, das, was an der Universität gefordert wird, Faktenwissen, und schließlich ein ganz merkwürdiges Gedächtnis: Vertrautheitsgedächtnis. Mir kommt das irgendwie vertraut vor, aber mehr weiß ich nicht. Ich habe den schon einmal gesehen und das schon einmal gehört, mehr weiß ich nicht. Da gibt es etwas, woran Sie gar nicht denken würden: das emotionale Gedächtnis. Das ist das allerwichtigste Gedächtnis. Und das hat Untergedächtnisse, darauf gehe ich nicht ein, nämlich ein positives und ein negatives Gedächtnis, wobei das negative leider viel wichtiger ist. Das Negative im Leben ist wichtiger als da Positive. Einmal nicht aufgepasst, hat man Pech gehabt. Wie viele Lustzustände man im Leben hatte, ist leider nicht so relevant, und es gibt ein Gedächtnis, das Sie alle kennen, ohne dass Sie es wissen, nämlich da implizite Gedächtnis, das, wozu man, abgesehen vom Anfang, überhaupt kein Bewusstsein braucht, und das sind die ganzen Fertigkeiten die Sie haben, und das ist auch das Auswendiglernen. Ich sage hier schon einmal: Pauken gehört zum impliziten Gedächtnis, das ist ein sinnentlehrtes Gedächtnis. Pauken ist insofern schlecht, als es mit Sinn wenig bis nichts zu tun hat. Es ist eine Fertigkeit, und die frühere Didaktik war eine Paukdidaktik, und wenn die das Schema gehabt hätten, hätten sie sich überlegt, dass das an der Universität sehr viel besser ist als das. Es sind die ganzen Gewohnheiten, die man hat, es ist die klassische Konditionierung, und das, vielleicht können Sie es lesen, Priming, etwas, worauf man nicht kommt, was einem auf der Zunge liegt, und wenn man den Anfangsbuchstaben hört, oder irgend einen kleinen Hinweis, dann ist es da. Das nennt man Priming, darauf will ich aber jetzt nicht eingehen. Gucken wir uns einmal das deklarative Gedächtnis an. Auch das zerfällt nun in ganz merkwürdige Schubladen, Unterschubladen, zu denen ich gleich noch komme; das wichtigste ist natürlich das episodische Gedächtnis. Das ist das, was von Ihrer eigenen Person handelt. Der Kern ist das autobiographische Gedächtnis, das, was Ihnen sagt, was Sie gestern in Berlin und vorige Woche in Hamburg oder irgendwo getan haben, mit all den vielen oder weniger zahlreichen Details, und, was ganz wichtig ist, dazu gehört auch das Quellen-, das Orts- und das Kontext-Gedächtnis. Das sagt nämlich, wo etwas passiert ist und in welchem Kontext, außerordentlich wichtig, und von wem man irgend etwas erfahren hat. Am Anfang werden Sie immer etwas über das autobiographische Gedächtnis lernen, Sie werden wissen, von wem, wo, wann und wie, unter welchen merkwürdigen Umständen oder nicht merkwürdigen Umständen Sie irgend etwas an der Universität gehört haben. Und dann wird das immer mehr, die in das zweite Gedächtnis, das Wissens- und Faktengedächtnis, übergehen, das sind Tatsachen ohne persönlichen Bezug und ohne Kontext. Zuerst wissen wir, Professor Müller und Herr Dozent Meier hat mir das erzählt, und da gab es also irgendwelche Umstände, de fiel der Beamer aus, als ich dann die Differentialgleichung lernte oder irgend ein historisches Faktum, verblasst immer weiter, und schließlich bleibt das Faktum ­ hoffentlich ­ übrig. Und schließlich das Vertrautheits-Gedächtnis, reine Klassifikation nach Bekannt und Unbekannt. Das ist biologisch sehr wichtig: kenne ich den, kenne ich den nicht, auch wenn ich sonst nichts weiß, und man kann sich natürlich leicht vorstellen, dass es einen Gedächtnis-Zerfall gibt, scheinbaren Verfall vom episodischen Gedächtnis mit all den vielen Details zum Wissen- und Faktengedächtnis und der Reduktionsstufe, sozusagen, Vertrautheitsgedächtnis. In der Prüfung kommt einem das irgendwie noch bekannt vor, aber man kann nichts mehr sagen. Irgendwann habe ich das mal gelernt, aber leider ist es weg. Wo sitzt das im Gehirn?

Hier haben wir ein Abbild unseres Gehirns. Wir alle haben Gehirn, interessanterweise merken wir nichts davon. Eines der größten Rätsel, dass man nicht darauf kommt ohne weiteres, dass man Gehirn hat. Das Gehirn erzeugt das, was wir sehen, hören, fühlen, schmecken, Bewusstsein, Gefühle, aber es existiert selbst nicht. Deshalb haben schon die alten Griechen gedacht, Gefühle und Gedanken sitzen im Herzen, und nicht im Gehirn, das haben die Chirurgen gesagt, dass das mit dem Gehirn zu tun hat. Das sind die schönen, vielen Windungen, auf die wir so stolz sind. Wir sollten das aber nicht. Es gibt nämlich viele Tiere, die haben sehr viel größere Gehirne als die 1,4 Kilo, nämlich 5 Kilo, 10 Kilo, und sehr viel mehr Windungen. Also, auf die Windungen sollten wir uns nichts einbilden. Das ist vorne, und das ist hinten, und diese Windungen überwuchern nun fast alles im Gehirn und sind für uns das Wichtigste, nämlich wir merken uns, diese Großhirnrinde, die wir sehen, ist der Sitz von Bewusstsein und von Ich und von Selbst, da werden wir produziert. Das Gefühl, dass ich ich bin, dass ich jetzt hier stehe, wird dort produziert. Interessanterweise aber ist es nicht die Kommandozentrale, wie man meint, da komme ich gleich noch drauf. Das ganze Elend mit unserem Gedächtnis kommt davon, dass die Großhirnrinde, die ich gerade gezeigt habe, zwar der Sitz des bewusstseinsfähigen Gedächtnisses ist, des Bewusstseins überhaupt, und dass da der Speicher drinnen ist. Alles, was wir bewußtseinsmäßig wissen, ist in der Großhirnrinde gespeichert, aber die Großhirnrinde organisiert das nicht selbst, sondern das tut eine Struktur, die zum Lindischen System im weiteren Sinne gehört, oder auch nicht, das ist eine akademische Frage, nämlich diese merkwürdige Struktur, die wir gleich im Querschnitt sehen, die heißt Hippocampus, das ist Lateinisch und heißt auf Deutsch Seepferdchen. Sie werden gleich sehen, warum das Seepferdchen heißt. Diese Struktur und die umgebenden Strukturen, die organisieren unser deklaratives Wissen, und sie tun das völlig unbewusst. Das ganze Elend mit unserem Gedächtnis kommt daher, dass diese unbewusste Struktur Macht über unser Gedächtnis hat und wir nicht umgekehrt, wir sind dem ausgeliefert.

Hier sehen wir, warum das Seepferdchen heißt. Kreative Berliner Professoren vor vielen hundert Jahren, vor hundertfünfzig Jahren, haben das studiert, natürlich nicht nur Berliner Professoren, aber vor allem, und haben darin ein Seepferdchen gesehen, deshalb heißt das Hippocampus. Und da habe ich geschrieben, der Organisator des deklarativ-bewußtseinsfähigen Gedächtnisses. Man hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ausführlich darüber gearbeitet und hat nun erstens sehen können, was man lange annahm, dass in der Großhirnrinde ­ die habe ich hier so aufgeklappt gezeigt, die ist hier eigentlich so darüber, und jetzt gucken wir hier so ins Gehirn rein ­ da bewusstseinsfähige Gedächtnis ist überall, in vielen, vielen Details, wie ich das hier kurz zeigen werde, über die Großhirnrinde verteilt, all die vielen Schubladen, und deshalb sind Sie bewusstseinsfähig. Aber was, wann, wie, wo und warum und in welchem Kontext gespeichert wird, wird von diesen Strukturen hier, Hippocampus, diesem Hellgrünen und der umgebenden Rinde organisiert, bestimmt. Und hier im Hippocampus selber ist das Ereignis im Kontext-Gedächtnis und in der umgebenden Rinde ist das Faktengedächtnis und das Vertrautheitsgedächtnis. Es sind also ganz verschiedene, aber eng zusammenarbeitende Strukturen im Gehirn, und die bestimmen nun, was wir lernen, das können wir uns gar nicht aussuchen, und wie wir das lernen, wo es abgelegt wird, und wie es abgelegt wird, damit wir es rausholen können. In den letzten Jahren hat man entdeckt, dass die beiden Hälften des Gehirns die Hemisphären, ganz unterschiedlich mit dem Gedächtnis umgehen. Die rechte Hemisphäre, also das, was hier ist, speichert eher die episodisch-emotionalen Inhalte, die Ich-Bezogenheit, die linke Hemisphäre also eher das Fachwissen. Also, was Sie über sich selbst wissen, wird rechts verarbeitet, überwiegend, und was Sie in der Universität lernen, wird eher links verarbeitet, nämlich dort sitzen die Sprachzentren. Sprache und Faktenbewusstsein hängen sehr eng zusammen, und Gefühle, hat weniger mit Sprache zu tun, das ist im Gehirn geteilt. Ganz interessant ist die Behauptung, ob sie nun stimmt oder nicht, dass der rechte teil unserer Hemisphäre eher episodisch emotionale Inhalte abruft, diese und der linke Fortalkortex Faktenwissen abrufen. Also, es gibt nicht nur Strukturen, die das speichern, sondern die das auch abrufen. Wie funktioniert das? Unsere Großhirnrinde hat etwa hundert Milliarden ­ vielleicht sechzig Milliarden ­ niemand wird das so genau zählen können, sechzig Milliarden dieser Pyramidenzellen. Hier sehen Sie so eine, und diese Pyramidenzellen bilden Netzwerke, wenn die alle gezeichnet worden wären, wäre das ganz einfach, dann hätte man das alles einfach schwarz gemacht

Bandumschaltung auf 2. Seite

Somit sind das ein Prozent in einer berühmten Abbildung von Santiago da Monicajal. Jede dieser Zellen ist mit zehn- bis zwanzigtausend anderer Zellen verknüpft in der Großhirnrinde, und es gibt die stattliche Summe von 1015 oder eine Trillion synaptische Kontakte. Eine Trillion, unglaublich viele. Und dazu muß man wissen, dass diese synaptischen Kontakte selbst schon Wunderwerke an Erregungsverarbeitung sind. Hier gibt es so eine Dornensynapse, diese Zellen der Großhirnrinde haben überwiegend diese Dornensynapsen, und da passiert, was Gedächtnis angeht. Nämlich, man nimmt heute an, dass sich, entschuldigung, während unserer Gedächtnisbildung, auch der ganz schnellen, innerhalb von wenigen Sekunden, die Übertragungseigenschaften an diesen Kontaktpunkten ganz schnell ändern. Innerhalb von einer Sekunde, oder auch länger. Sie sind also, das merken wir uns, bei den zeitlichen unterschiedlichen Gedächtnissen jeweils ganz unterschiedliche Prozesse. Ganz, ganz schnelle, innerhalb von einer Sekunde, etwas langsamere von dreißig Sekunden, noch langsamere von einer Minute bis einer halben Stunde, und schließlich große, Anatomische Umbauten, die Stunden bis Tage brauchen. Und so erklärt sich, weshalb man ganz unterschiedliche zeitliche Fenster des Gedächtnisses hat, das sind einfach die Mittel des Gehirns, wie man ganz schnell umbauen kann, und wie man das aber nachher richtig in Strukturen verfestigen muß. Das ist biochemisch, biophysikalisch, physiologisch so, deshalb gibt es da enorme Grenzen. Besonders wichtig ist, dass es Systeme gibt, die gar nicht mit Wissen und Wissenserwerb zu tun haben, sondern die mit Gefühlen, Gefühlszuständen zu tun haben, sogenannte neuromodulatorische Systeme, dass die unser Gedächtnis und all unser Denken, Wünschen, Hoffen und Abirren und Planen beherrschen. Wenige Stoffe, die uns in userer Psyche ausmachen. Das sind vier, die haben mit dem Stoff Neutroverlin zu tun, Dopamen, Serotonin und Acetylchlorin. Das sind kleine Inseln in unserer Großhirnrinde, so ganz schamhaft verborgen im sogenannten Hirnstamm, hier, aber sie beherrschen uns, insbesondere die Hundert Milliarden Zellen, die unser Bewusstsein ausmachen. Was machen die? Das Noradrenalin, von dem Sie vielleicht mal gehört haben, das aktiviert uns ganz allgemein, es erzeugt diese unspezifische Regung, die der eine oder andere jetzt fühlen mag, und die unspezifische Aufmerksamkeit. Ohne diese unspezifische Aufmerksamkeit, der allgemeine Lernwille, läuft überhaupt nichts, und es ist die Kunst des Lehrers, des Vortragenden, überhaupt allgemein zum Lernen zu motivieren. Des geht im Wesentlichen nur über das Adrenalin. Der Gegenspieler ist das Serotonin. Es dämpft, es beruhigt, es erzeugt Wohlbefinden, man lehnt sich zurück, alles ist o.k., und sagt auch, ich brauche jetzt nicht zu lernen, ich habe genug gelernt. Das drückt runter, und Sie wissen, dass ein Mangel an Serotonin zu schweren Depressionen führt, unter anderem. Der Gegenspieler davon ist das Dopamin. Das treibt an, es belohnt, oder, besser gesagt, es verspricht eine Belohnung, und es ist an Neuigkeit interessiert. Ohne dieses Dopamin lernt man überhaupt nichts. Dieser Stoff sagt dem Gehirn, es ist natürlich nur ein Molekül, das eine Information überträgt: Du musst jetzt lernen, weil sich das lohnt. Völlig egal, aus welchen Gründen. Weil ich damit etwas anfangen kann, weil ich wissbegierig bin, weil ich einen Preis bekomme, weil ich jemandem einen Gefallen tue, dass ich da lerne, völlig egal, es muß nur gesagt werden, es lohnt sich. Wenn ein Gehirn dieses Signal nicht bekommt, tut es überhaupt nichts. Das Gehirn ist extrem opportunistisch und sagt, ich tue nur etwas, wenn ich eine Belohnung versprochen bekomme, und die Belohnung selber sind die berühmten endogenen Opiate. Diese endogenen Rauschmittel, die das Gehirn produziert, um sich zu belohnen. Wenn die Belohnung ausbleibt, dann hat auch das Dopamin verloren. Also: ohne Dopamin null Lernen. Das heißt, das ist, was die Professoren und die Lehrer schaffen müssen, das Noradrenalin und das Dopamin anzukurbeln, und schließlich das Acetylchlorin. Das erzeugt nun die gezielte Aufmerksamkeit und direkt die Gedächtnissteuerung. Man muß das ganz klar so sehen, wenn wir jetzt diese eine von den Hundert Milliarden Nervenzellen in der Großhirnrinde, die lernen soll, angucken, dann geht es erst einmal darum, wie ist der sensorische Input, wo passiert was. Aber da wird überhaupt nichts gelernt, allein. Dann muß da Gedächtnissystem sagen: ist das neu oder alt, lohnt sich das? Und das Bewertungssystem, dieses limbische System, das muß sagen, ist das wichtig oder unwichtig. Und erst wenn diese Neuromodulation sagt: Du lernst jetzt, dann verändern sich diese Synapsen, schneller oder langsamer, und dann lernen wir.

Das ist das Geheimnis, das Grundgeheimnis des Lernens. Das heißt, Lernen beruht auf einer Umstrukturierung von Netzwerken in ganz unterschiedlichen Zentren des Gehirns. Beim bewusstseinsfähigen, deklarativen Lernen in der Großhirnrinde. Dabei wird die synaptische Übertragungsstärke physiologisch und später anatomisch verändert, und zwar je nach zeitlichem Gedächtnis. Im Sekunden-, Minuten-, Stunden-, Tage- und Jahrebereich, in ganz unterschiedliche Mechanismen sind unterschiedlich anfällig. Am unanfälligsten ist natürlich das Langzeitgedächtnis. Diese Veränderungen, und das ist das Allerwichtigste, werden durch das limbische System, und damit durch Aufmerksamkeit, Motive und Emotionen gesteuert. Ohne Motivation, Emotion, läuft gar nichts.

Deklaratives Langzeitgedächtnis als magische Kommode: Diese Kommode ist eher merkwürdig. Sie hat viele Schubladen, die nennt man Gedächtnismodule, und die sind, anders als bei einer nicht-magischen Kommode, hierarchisch angeordnet, das heißt, es gibt wenige große Schubladen, die enthalten viele kleinere, und die enthalten noch viel kleinere. Das ist natürlich bei einer normalen Kommode sehr unpraktisch, aber es gibt Großmodule, kleine Module, noch kleinere, noch kleinere Module, und deshalb Hunderte von verschiedenen Gedähtnis-Modulen. Merkwürdig ist und magisch ist, dass alle Schubladen sich gegenseitig in ihrer Gängigkeit fördern und hemmen. Es ist ja auch extrem unpraktisch bei einer normalen Schlafzimmerkommode, aber hier ist es so, Das heißt, was Sie lernen, beeinflusst automatisch das, was Sie schon können, und beeinflusst auch, ob Sie das wieder abholen können. Auf sehr merkwürdige Wese, und das kann man natürlich auch trainieren, jetzt kommt etwas Wunderbares, das Fassungsvermögen der Kommode ist unbegrenzt. Und dann noch etwas, was noch vie komischer ist: je mehr in einer Schublade abgelegt ist, desto mehr geht hinein. So eine Kommode wünscht man sich natürlich in einer Wohnung.

Die speziellen Eigenschaften der Kommode: Die Schubladen sind nach Typ des Inhalts unterschieden. Es gibt also ganz unterschiedliche Großschubladen nach den Modalitäten, das heißt, nach Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken und so weiter, und es gilt, die Netzwerke, mit denen wir wahrnehmen, mit denen bearbeiten wir auch das Gedächtnis, und übrigens auch die Vorstellungen, die sitzen dort, in den selben Netzwerken. Es gibt andere Schubladen, da geht es um auffallende Merkmale und um Gestaltmerkmale. Das ist das Wichtigste und Einfachste, da man sich Dinge merkt, weil sie auffallen, weil sie prägnante Gestalten präsentieren, wie man sagt. Dann ist besonders wichtig, ohne Bedeutungsmerkmale, ohne Sinn, ohne Zusammenhang, können Sie nicht gut lernen, da müssen Sie pauken und pauken, es ist sinnfrei, sinnlos. Sie können umso besser lernen, je mehr Sinn, auch bizarren Sinn, Sie darein verstecken. Gedächtnis ist ja zur Verhaltensteuerung da, und nicht zum Pauken. Dann gibt es kategoriales Gedächtnis, es gibt Kontext-Abhängigkeit nach Zeit und nach Ort, und insbesondere wird auch immer mitgespeichert die emotionale Tönung. Sie werden sich an etwas erinnern, und in den meisten Fällen werden Sie irgendein merkwürdiges Gefühl dabei haben, weil Gefühle unabdingbar sind für den Behaltenserfolg. Das Einspeichern ist ein sehr komplizierter Vorgang. Man kann sich da so vorstellen, dass völlig unbewusst das, was wir hören, was wir mitkriegen von dem Hochschullehrer, der vor uns steht, völlig automatisiert von Ihrem Gedächtnis sortiert wird, je nach Inhalt, Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken, aber genaue Inhalte, Farben, Formen, Buchstagen, Sprache und so weiter, und so fort, in die verschiedenen Schubladen reingelegt wird. Das geht ruck zuck. Und es gilt, in je mehr Schubladen unterschiedlichen Typs ein Inhalt abgelegt wird, desto leichter kann er abgerufen werden. Die zuständigen Schubladen fördern sich dabei. Das heißt, ein großes Prinzip ist, dass man Dinge unter verschiedenen Aspekten lernt. Nicht nur unter einem Aspekt, also man kriegt eine Formel, und die ist es dann, sondern erklären, Gedächtnis fördern, heißt, dass man die verschieden erläutert, dass man verschiedene Bilder zeigt, dass man verschiedene Sätze dafür variierend erklärt. Und all das ist nicht irgendwie so ein Spökes, sondern dient dazu, dass derselbe Inhalt in verschiedene Aspekte aufgeteilt wird. Das tut das Gehirn völlig automatisiert, und in viele Schubladen gleichzeitig ablädt, und die verknüpfen sich automatisiert. Und wenn man jetzt einen Aspekt hat, von einer Sache, die man memorieren muß, dann ziehen sich umso leichter die anderen auch auf, und plötzlich ist das ganze Bild da. Es gilt, je anschlussfähiger ein Inhalt an den vorhandenen Schubladeninhalt ist, desto besser. Das Mühsamste ist, wenn noch nichts in den Schubladen drinnen ist. Je mehr drinnen ist, desto besser, nämlich der Anschluß ist umso besser. Deshalb ist es beim Lehren das Allerwichtigste neben der Motivation, zu wissen, wie viel können die Studierenden, und das wird sträflich vernachlässigt. Man redet und redet, nun behaltet das, merkt Euch das, ich habe Euch das schon dreimal erzählt. Der Erfolg ist null, weil nichts in den Schurladen drinnen ist. Das muß man erst einmal reinlegen und bauen. Und schließlich: je bild-, gestalt- oder sinnhafter, auch je bizarrer, je merkwürdiger, desto besser.

Zum Schluß: Wie kann ich aufgrund dieser Dinge mein Gedächtnis verbessern? Ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht heißt: Ihr Gedächtnis können Sie überhaupt nicht verbessern. Das ist genetisch vorbedingt, und jemand hat ein tolles Zahlengedächtnis, verirrt sich aber zwischen Toilette und Wohnzimmer oder umgekehrt, also es gibt eklatante Unterschiede, und daran können Sie nichts ändern. Das haben Sie von Geburt, oder was weiß ich woher, da ist nichts zu machen. Die gute Nachricht ist aber: Sie können durch Tricks indirekt Ihr Gedächtnis verbessern, indirekt. Das Prinzip ist, dass Sie Gedächtnisse, in denen Sie gut sind, oder allgemein man gut ist, zu Hilfe nehmen, um die schlechten Gedächtnisse aufzupäppeln. Das geht. Aber Ihr schlechtes Zahlengedächtnis kriegen Sie Ihr Leben lang nicht weg.

Was ist das Wichtigste? : Erhöhung der Aufmerksamkeit!! Was nicht mit Aufmerksamkeit belegt wird, wird nicht bewusst gelernt. Man kann unbewusst , ohne Aufmerksamkeit, lernen, aber das spielt erst einmal an der Uni keine Rolle, aber ansonsten muß man sich konzentrieren. Das ist eine triviale Wahrheit. Sie ist aber physiologisch wichtig, nämlich Aufmerksamkeit ist ein besonderer Aktivitätszustand von Synapsen. Ganz trivial physiologisch, und wenn der nicht hoch ist, lernen die Synapsen nichts, und damit auch Sie nicht.

Also: Konzentration ist das Allerwichtigste. Was wir lesen, und dabei an etwas anderes denken, ist wie nicht gelesen. Siehe dieses Autofahren; ich höre der Radiosendung zu, und was ich da gesehen habe, ist weg.

Das Zweite ist auch relativ trivial: Erhöhung des Organisationsgrades und der Gestalthaftigkeit des Inhaltes. Das sind die Gruppierungen und die Schüttelreime und sonst was, was man so primitiv tut. Es gilt: Je organisierter der Inhalt schon vorher, desto besser geht er ins Gedächtnis ein. Alle diesen vielen Tricks, diese Merkreime, und so weiter, dienen nur dazu, dass Datenkompression, modern ausgedrückt, gemacht wird, nämlich durch Gestaltung erhält man eine ganz enorme Datenkompression. Und die Gestalt merkt man sich dann damit, also, den Reim merkt man sich, und damit kommt dann der Inhalt. So, wie man aus dem Power Point formal das in TIF oder in GIF entfalten kann. Genau so passiert das. Ansonsten hat Gehirn mit Computer nichts zu tun.

Jetzt wird es aber kompliziert. Das ist trivial, jetzt wird es aber kompliziert. Es gibt semantisch oder bedeutungsmäßig problematische Gedächtnisse: Namen, Zahlen, Reihenfolgen. Unglaublich schwer für die meisten Leute, sich Zahlen zu merken, man schafft so bis zu zwanzig vielleicht, Namen zum Teil noch schwieriger, und Reihenfolgen: was sollte ich jetzt nun kaufen, habe ich da was vergessen, und wie soll ich einen Vortrag halten. Zum Schluß hat man die Rede, die Argumente, nicht genannt. Das sind Probleme, die seit zweieinhalbtausend Jahren die antiken Redner hatten. Sie mussten da auf dem Forum stehen und natürlich frei sprechen. Cicero musste frei sprechen, gleichzeitig musste er alle Feinde des Römischen Reiches und alle Gegner und persönlichen Feinde natürlich aufzählen, alle die Argumente. Ich erzählt Ihnen gleich, wie Cicero das gemacht hat. Und der Trick ist: man verbindet die semantisch problematischen Gedächtnisse mit den hochsemantischen Gedächtnissen, die allen leicht fallen, nämlich Gesichter, Bilder, Raum, Melodiegedächtnis, emotionales Gedächtnis sind alle gut. Die meisten Leute sind bei Namen, Zahlen, Reihenfolge schlecht, bis auf wenige Ausnahmen. Gut, ich zeige gleich ein Beispiel. Und schließlich, der letzte Trick ist die Benutzung von Mediatoren, von Zwischengliedern, wie Konsonanten oder einfachen Objekten für Ziffern, die dann zu sinnhaften, absurden Wörtern oder Sätzen oder zu einfachen Geschichten zusammengestellt werden. Das heißt, man nimmt das gute Gedächtnis, um das schlechte aufzupäppeln. Also: Behalten von Familiennamen anhand auffälliger körperlicher Merkmale. Der beste Trick, wenn man vor jemandem steht, und man kennt den, aber man weiß den Namen nicht. Also, da muß man sich etwas einfallen lassen. Also, bei Herrn Schmidt, der ist vielleicht kräftig wie ein Schmied, das kann ruhig ulkig und komisch sein, aber hoffentlich ist er kräftig, oder man nimmt das Gegenteil: der sieht eigentlich gar nicht aus wie ein Schmied, also, das ist völlig egal, aber irgend etwas muß einem zu Schmidt und Schmid einfallen. Oder man stellt sich eine Schmiede vor, oder er hat einen Hammer in der Hand und einen Amboß, irgend etwas. Herr Schreiber, da stellt man sich vor, der hat zufällig große Ohren, da stellt man sich vor, er hat einen Bleistift hinter den großen Ohren. Und Sie können darauf wetten, wenn Sie das nächste Mal Herrn Schreiber sehen, diese großen Ohren da sehen, fällt Ihnen sofort ein, der Mensch heißt Schreiber. Das ist todsicher. Der Metzger hat eine Nase wie ein Fleischerhaken. Ich hoffe, dass ich keinen Herrn Metzger oder Frau Metzger hier beleidige, es müssen ja auch nicht alle Metzger eine Nase wie ein Fleischerhaken haben, aber wenn der Herr Metzger eine Nase wie ein Fleischerhaken hat, werden Sie nie vergessen, dass der mit dieser Nase Metzger heißt. Oder irgend etwas anderes. Und ein Herr Busch hat buschige Augen(brauen), hoffentlich, oder er hat buschige Haare, oder irgendwas Buschiges an sich, oder er versteckt sich hinter einem Busch, oder irgendwas. Keine Ahnung, aber es muß einfach möglichst bizarr sein. Und das fällt einem ein. Das ist die Neuigkeit, die Aufregung, da geht es nämlich in sehr viele Schubladen gleichzeitig. Und der Herr Weidemann ist hoffentlich schlank wie eine Weidengerte, oder ist eben besonders dick und sieht nicht wie eine Weidengerte aus. Diese Assoziationen kommen Ihnen absolut sofort. Jetzt wird es kompliziert. Wie ist das mit den Zahlen? Sechs Fünf Neun Zwei ist meine Geheimzahl, die ich immer wieder vergesse. Also, das ist nicht wirklich meine, nicht, dass Sie jetzt an mein Konto gehen. Oder sie ist drei-vier-sieben-eins, oder sieben-sieben-drei-neun, was macht man da? Hier gibt es einen uralten Trick. Es gibt eine international standardisierte Codierung der Zahlen von ein bis neuen und null in Konsonanten, das ist wichtig. Eins ist T, zwei ist N, drei ist M, vier ist R fünf ist L, sechs ist SCH, sieben ist K oder G, das ist wichtig, dass manchmal doppelt belegt ist, acht ist F, V oder PF, neun ist D, P und G und null ist Z oder S. Das muß man sich einhämmern. Das muß man lernen, da gibt es auch wieder Tricks, zum Beispiel zwei, wenn man das richtig schreibt, hat das zwei Fuße, drei hat drei Füße, vier können Sie sich Tür merken oder irgendwas. Aber das muß man merken. Aber wenn Sie das einmal können, das lernen Sie innerhalb von einer Viertelstunde, dann ist doch völlig klar: sechs-fünf-neun-zwei ist ein SCH, ein L, ein D und ein N. Und jetzt ist es Ihrer Imagination überlassen, bei Ihrer Geheimzahl, bei Ihrem Bankkonto an Schulden zu denken. Woran denkt man, wenn man zur Bank geht? Man muß Schulden bezahlen! Und wann Sie sich das in fünf Minuten einprägen, und Sie haben das gelernt, werden Sie Ihre Geheimzahl nie wieder vergessen. Ich habe also drei Geheimzahlen meiner Frau mit diesen Trick gelernt, und ich vergesse die bestimmt nicht. Sie steht immer davor und fragt mich dann. Weil ich das gelernt habe. Oder Sie haben die Geheimzahl drei-vier-sieben-eins, das ist M-R-G-T, was liegt näher, als ein eine liebe Bekannte zu denken, die vielleicht Margot heißt.

Oder, es geht auch mit Sätzen. Wir haben die Geheimzahl oder was auch immer sieben-sieben-drei-neun, und das gibt den schönen Satz: Keine Kohle mehr da. Deshalb geht man zur Bank. Also, der Witz ist der, Sie basteln irgend ein komisches Wort, einen komischen Satz, und Sie können darauf warten, Sei werden das nicht mehr vergessen. Eine vorletzte Sache ist, wenn das nicht hilft, oder wenn Sie das nicht mögen, Zahlen als Figuren bzw. als Bilder. Das funktioniert auch ganz toll. Da gibt es im Englischen diesen Reim: One is a bun, two is a shoe, three is a tree, four is a door, five is a hife und so weiter, und das habe ich jetzt, unzulänglich, wie ich zugebe, übersetzt ins Deutsche, es gibt keine deutsche Übersetzung dafür, merkwürdigerweise. Jetzt sehen Sie die erste deutsche Version: Ein ist ein Schwein das muß eben absurd klingen, zwei ist ein Schrei, drei ist Heu, vier ist eine Tür, fünf sind Strümpf, sechs sind eine Hex, sieben ist ein Sieb, acht ist die Nacht, neun ist eine Scheun, null ist ein Bull. Nehmen Sie irgend etwas, es muß nur konsistent sein. Ganz einfach: neun-drei-ein-fünf-acht-zwei, wer will sich das merken? Ganz einfach zu merken: eine Scheune mit Heu drinnen, dort sitzt ein Schwein mit Strümpfen und stößt in der Nacht einen Schrei aus. Was anderes kann in einer Scheune mit Heu sein, als ein Schwein mit Strümpfen. Völlig klar, und ich schwöre Ihnen, wenn Sie diese Zuordnung einmal gelernt haben, können Sie spielend einfach ­ ich habe das ausprobiert ­ sich beliebige Zahlen merken: zehn, elf Ziffernfolgen, sich ganz leicht merken. Diese Geschichten, die lernt man wunderbar. Jetzt, vorletzte Palast der Erinnerung, das ist das Ehrwürdigste. Was hat Cicero gemacht? Quintilian, alle berühmten Redner der Vorzeit, und natürlich auch jeder gute Professor, wenn er stehend freihändig seine Vorlesung hält, was natürlich Professoren immer tun. Was macht man da? Man stellt sich einen Palast vor, wenn man Cicero ist, der hat natürlich einen Palast, den kannte er sehr gut, oder man stellt sich, bescheidener, seine eigene Wohnung vor. Die muß man sehr gut kennen. Und wenn man jetzt die Argumente, die Namen seiner Feinde oder die Zahlen oder Inhalte, die man vermitteln will, in einer bestimmten Reihenfolge abarbeiten will oder muß, dann ordnet man die genau zu. Man geht per Geist durch seine Wohnung oder durch seinen Palast, sofern man einen Palast hat, und ordnet jetzt im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn meist, merkwürdigerweise geht es immer gegen der Uhrzeigersinn, in die Ecken des ersten Zimmers, den ersten Set von Argumenten, von Namen, von Zahlen, von irgend etwas. Dann arbeitet man die ab, macht kehrt und geht in den zweiten Saal, zweiten Raum, macht dasselbe, in den dritten, vierten, fünften, wenn man eine große Wohnung hat, und dann ist man fertig. Und wenn ich jetzt vortrage, dann schreite ich in Gedanken in den ersten Raum, und siehe, zur Rechten, da steht der Name des ersten Feindes der Republik,, Catilina, und jetzt sind alle Argumente, die ich als Cicero gegen Catilina wettere, dann in den nächsten Ecken verteilt. Und dann gehe ich zum nächsten Feind der Republik, oder irgend etwas, und das ist todsicher, und das Interessante ist, alle die wenigen, sehr gut bekannten Gedächtniskünstler, es gibt berühmte Fälle von Leuten, die wirklich nichts in ihrem Leben vergessen haben, die aber darunter litten, wie ein Reporter, Schereschowski, den Alexander Luja .untersucht hat, oder einen kalifornischen Restaurantbesitzer, der alle Kunden erinnern konnte, im ganzen Leben, was sie gegessen haben und was sie bezahlt haben. Alles. Auch Herr Schereschowski konnte alles erinnern. Dem konnte man die ersten fünfzig Reime der Göttlichen Komödie in Italienisch ­ er konnte kein Italienisch ­ vorsagen, zweimal, dann konnte er sie ausprobieren (auswendig) Die haben alle dasselbe gemacht, sie haben das in räumliches Gedächtnis transponiert. Umbewußt. Wenn Sie das bewusst machen, sind Sie gut dran.

Und jetzt, zum Schluß optimales Studieren eines Textes. Es gibt ein Rezept, das Sie beherrschen müssen, und da meist ganz sträflich verletzt wird. Man meint nämlich, man müsse einen Text einmal durchlesen, zweimal durchlesen, kräftig unterstreichen, dann abkopieren, das ist besonders wichtig, und weglegen. Das Abkopieren ist dabei das Wichtigste. Da hat man den Inhalt ja. Was Sie machen müssen, gilt altbacken, weil es keinen Computer erfordert, aber Computer sind sehr schlecht bei dem, ganz schlecht. Nehmen Sie Karteikarten. Die kann man auch besser in die Tasche stecken. Das Rezept lautet: Sie lesen erst einmal flüchtig den Text, um zu sehen, worum es überhaupt geht. Außerordentlich wichtig. Einmal runterlesen, ohne Anspruch auf tieferes Verständnis. Wenn Sie anfangen, das tiefere Verständnis gleich im ersten Kapitel zu suchen, dann kommen sie nicht zum letzten. Sie müssen überhaupt wissen, wo geht das hin, und dann werden Sie schon sehen, zwei Drittel können Sie sich schenken. Lesen Sie den Eingang, und lesen Sie das Abstract, und lesen Sie den Schluß, und dann haben Sie es meist. Jedenfalls bei den Naturwissenschaften ist das häufig so. Aber, wenn es ein anspruchsvoller Text ist, dann machen Sie das, und dann fangen Sie an, sorgfältig das zu studieren, und Sie formulieren Fragen, am besten auf der Vorderseite von Karteikarten, von altbackenen Karteikarten. Die haben eine Vorderseite, und eine Rückseite. Und damit Sie die Fragen formulieren können, müssen Sie den Text verstanden haben. Und jetzt, um ihn noch besser verstanden zu haben, müssen Sie die korrekten Antworten auch formulieren, am besten auf der Rückseite von Karteikarten. Dann haben Sie das hoffentlich verstanden. Fragen zu beantworten heißt, dass ich das meist verstanden habe. Und dann fangen Sie an, die richtigen Antworten, die einem schnell einfallen, zu sortieren, und Sie reduzieren das auf einen harten Kern von Fragen, die man dann systematisch lernen muß. Es bleiben dann zehn, fünfzehn Prozent, und die muß man sich richtig reinhauen. Und dann packen Sie das weg, und nach einer Woche nehmen Sie den ganzen Stapel wieder und machen das alles noch einmal. Wenn Sie das dreimal gemacht haben, können Sie jedes Lehrbuch damit erschlagen. Ich habe das gemacht vor meinen beiden Rigorosumsprüfungen und das dauerte nicht an, hält dann noch zwei, drei Wochen an, aber damit können Sie drei, vier Lehrbücher reinziehen, wie es so schön heißt, und Sie können Ihre Prüfer verblüffen, was Sie alles wissen. Das funktioniert absolut hundertprozentig, es ist nicht ein Ersatz für die Praxis, das heißt, für das vielfache praktische Anwenden, damit das wirklich in das Langzeitgedächtnis geht. Das ist für Prüfungen sehr gut.

So, das war's, ganz herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.