Freie Universität Berlin


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Zukunftskonferenz 2014

(Fotos: Sharon Adler)

 

25 Jahre Frauengründungen in Ost- und Westdeutschland: Gender Gap unverändert

Die Zukunftskonferenz „grOW!“ fand am 8. und 9. November 2014 an der Freien Universität Berlin statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer identifizierten Potenziale des weiblichen Unternehmertums und erarbeiteten Handlungsfelder für die Politik. Ein Ergebnis der Konferenz: Stellschrauben liegen in Ost wie West vor allem bei Fragen der Sozialisation und Auflösung von geschlechtsspezifischen Rollenmustern.

Zum historischen Jahrestag, ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall, begaben sich am Wochenende des 8. und 9. November 2014 trotz Bahnstreik über hundertzwanzig Unternehmerinnen, Gründerinnen und Gründungsexpertinnen und -experten aus ganz Deutschland an der Freien Universität Berlin auf die Spuren weiblichen Unternehmertums. Die Zukunftskonferenz „Frauen gründen (in) Ost und West“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) warf erstmalig den Blick auf ein Vierteljahrhundert weiblichen Unternehmertums in Ost- und Westdeutschland, lieferte Einblick in Erfolgsstrategien des weiblichen Unternehmertums und wagte einen ersten Ausblick in die Zukunft der neuen Gründerinnengeneration Y.

Unterschiede in Ost und West
„Unsere Konferenz hat gezeigt, dass ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall Ost- oder Westdeutschland als Herkunfts- oder Standort für Unternehmerinnen keine Rolle mehr spielen“, so Steffen Terberl, Projektleiter und Teamleiter Wissens- und Technologietransfer an der Freien Universität Berlin. „Dennoch gibt es Unterschiede in den Entwicklungen des weiblichen Unternehmertums in Ost und West, die wir erstmalig identifizieren konnten und in den nächsten Schritten gemeinsam mit Unternehmerinnen, Gründerinnen und Experten konkrete Lösungswege erarbeiten möchten.“

Aktuell erfolgen 43 Prozent der Unternehmensgründungen nach Angaben des KfW-Gründungsmonitors durch Frauen. Dies ist der höchste bisher gemessene Anteil. Diesen Zahlen gegenüber stehen aktuelle Auswertungen des Mittelstandsforschers und Gründungsexperten Dr. René Leicht, die erstmalig auf der Konferenz bekanntgegeben wurden. So ergeben Untersuchungen des Experten vom Institut für Mittelstandsforschung aus Mannheim (IfM) einen „Stau“ in der Entwicklung von Frauengründungen.

Geschlechtsspezifische Berufswahl ist Gründungshürde für Frauen
„Die Gründungsaktivitäten von Frauen steigen zwar leicht an und die Selbstständigenquoten von Frauen in Ost und West haben sich angeglichen, im Vergleich zur männlichen Selbstständigenquote liegen Frauen jedoch noch weit zurück und dieser Gender Gap hat sich seit 1991 fast verdoppelt“, so Dr. René Leicht. Allerdings zeige sich allein schon infolge der hohen Bildung von Frauen ein unzureichend ausgeschöpftes Gründungspotenzial. „Entfielen bspw. im Jahr 2011 auf eine Million erwerbsfähige Männer im Osten rund 12.000 und im Westen 19.000 Neugründungen, so führte dies im gleichen Fall bei den Frauen lediglich zu 7.000 Gründungen im Osten und zu 11.000 im Westen. Eine der höchsten Gründungshürden liegt dabei in einer Berufswahl, die immer noch geschlechtsspezifischen Mustern folgt – und das sowohl im Osten wie im Westen“, so Dr. René Leicht weiter. Typische Frauenberufe bieten jedoch wenige Möglichkeiten, sich selbständig zu machen. Die Chancen sind nur ein Drittel so hoch wie in einem Männerberuf. „Die Stellschrauben für eine stärkere unternehmerische Präsenz von Frauen liegen in Ost und West bei Fragen der Sozialisation und der Auflösung von geschlechtsspezifischen Rollenmustern“, so das Fazit von Dr. René Leicht.

Insgesamt kam auf der Zukunftskonferenz zum Ausdruck, wie wichtig es ist, die Rolle der Unternehmerinnen sichtbarer zu machen sowie die frühzeitige Bildung und Ausbildung unternehmerischer Kompetenzen in Schulen und an den Hochschulen (Entrepreneurial Education) zu fördern.

Medien sollen mehr über erfolgreiche weibliche Geschäftsaktivitäten berichten
Auch in den Medien dominieren beispielsweise immer noch stereotype Vorstellungen, wie erste Auswertungen einer Medienanalyse an der Universität Siegen aufzeigen: Demnach erschienen im vergangenen Jahr in den untersuchten Zeitungen allein 8.345 Beiträge über Unternehmer – aber lediglich 403 Beiträge über Unternehmerinnen. „Hier besteht zweifellos noch Handlungsbedarf – sowohl seitens der Unternehmerinnen, die ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärken müssen, als auch seitens der Medien, die noch mehr über erfolgreiche weibliche Geschäftsaktivitäten berichten könnten“, so Prof. Dr. Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und Lehrstuhlinhaberin an der Universität Siegen. Wie das Rollenmodell der Unternehmerin beispielsweise über (fiktionale) Formate in den audiovisuellen Medien konstruktiv eingebracht werden kann, um damit das Berufswahlverhalten von jungen Mädchen zu verändern, ist eins der nächsten Forschungsziele. Ebenso ist ein jährlicher bundesweiter „Unternehmerinnentag“ geplant.

Constanze Buchheim, Gründerin der i-potentials GmbH und Expertin der Generation Y, appellierte in ihrem Vortrag eindringlich für eine komplexere Ausbildung von Schlüsselqualifikationen für erfolgreiche Gründerinnen und Unternehmerinnen in der Lehre an Hochschulen. Neben Analytik und dem Denken in Geschäftsmodellen gehören dazu auch Kompetenzen wie Beziehungsmanagement, Selbstmarketing verbunden mit (sozialer) Medien-Kompetenz, der Übernahme von Eigenverantwortung und Kontrolle und Selbstmanagement.

In sechs Regionalworkshops wird die Arbeit fortgesetzt
Ergebnisse der weiteren Themen-Räume wie die Entwicklung neuer bzw. die Überarbeitung bisheriger Förderprogramme und Unterstützungsmaßnahmen für Hightechgründungen und Gründungen aus der Hochschule von Frauen, Unternehmensnachfolgen durch Frauen, Unterstützung selbstständiger Frauen auf dem Land und in Metropolregionen sowie grundsätzliche Rahmenstrukturen werden im Rahmen der grOW! – Initiative im Frühjahr 2015 in sechs Regionalworkshops und interdisziplinären Expertengruppen weiterentwickelt, um zu evaluieren, welche Förderkonzepte wie reformiert werden müssen.

Am 2. Oktober 2015, ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung, werden diese Arbeiten als Handlungsempfehlungen der Politik und den Medien vorgestellt.

 

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