Jede Krise als Chance nutzen

Liebe Freunde der Freien Universität Berlin,

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, unsere Kinder fiebern dem Weihnachtsfest entgegen, und wir Erwachsenen freuen uns auf ein paar Tage des Innehaltens. Auch die Menschen in der Freien Universität blicken zurück und fragen: „Was liegt hinter uns und was wird kommen?“ Viele Dinge davon betreffen auch Sie, liebe Berlinerinnen und Berliner, denn die Freie Universität ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Sie ist die Campus-Universität der Hauptstadt, eine Spitzenuniversität von internationalem Format. Sie ist dieses im vergangenen Jahr geblieben, obwohl mit weiteren extremen Mittelkürzungen ein Anschlag auf die Lebensgrundlagen der Stadt verübt wurde; und weil die FU mit ihrem hoch qualifizierten Personal getan hat, womit sie immer erfolgreich war – jede Krise als Chance zu nutzen.

Deshalb hat die Freie Universität in diesem Jahr die internationalen Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt, ihre eingeworbenen „Drittmittel“ nochmals um elf Prozent gesteigert, ihr internationales Ansehen erweitert.

Um diesen Weg jedoch fortzusetzen, benötigt die FU Autonomie, das heißt Unabhängigkeit von den alltäglichen Einmischungsversuchen der Politik. Wenn die Freie Universität in den Rang der 20 Weltspitzenuniversitäten aufsteigen soll, dann muss sie wie diese geführt werden können: unternehmerisch, nach Regeln, wie sie anderen ehemaligen Staatsbetrieben inzwischen eingeräumt werden. Die Berliner Hochschulen werden erfolgreich sein, wenn Legislative und Exekutive sich mit Diktat und guten Ratschlägen zurückhalten und stattdessen mit uns Ziele vereinbaren: Forschungserfolge, ansehnliche Zahlen hochqualifizierter Absolventen und eine hohe öffentliche Wirksamkeit bei der Beratung von Institutionen und Organisationen und bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen, die allen nützen: unserer Gesundheit, unserer Wohlfahrt und der Bildung unserer Kinder.

Soeben haben das Bundesverfassungsgericht und der Verfassungsgerichtshof von Berlin dem Berliner Gesetzgeber ins Stammbuch geschrieben, wo die Rechte des Staates enden. Seit der Gründung der Berliner Universität von 1810, in deren Tradition die FU errichtet wurde, galt: Wissenschaft kann nur in „Einsamkeit und Freiheit“ gedeihen. Sie folgt ihrer eigenen Logik, man muss ihr Raum und Zeit geben sich zu entfalten. In diesem Raum wuchsen die großen Erfolge, die mit Nobelpreisträgern wie Albert Einstein, Otto Hahn oder Ernst Ruska verbunden sind.

Wir möchten, dass die FU ihre Tradition fortsetzen kann als Campus-Universität der Hauptstadt, international, jung und dynamisch. Wenn Sie in Ihrem Wirkungskreis dazu durch Argumente und Entscheidungen beitragen können, ist dieses eine Hilfe für Ihre Freie Universität, für die Zukunft der Wissenschaft in Berlin, im Blick auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft und für unsere Kinder und Enkelkinder. Mit Ihnen werden viele von uns ganz bewusst dieses christliche Fest begehen. Dafür gelten Ihnen die guten Wünsche Ihrer Freien Universität Berlin.

Professor Dr. Dieter Lenzen
Präsident der Freien Universität Berlin