„Ich wollte Richter werden“

Klaus Wowereit erinnert sich an seine Studentenzeit an der Freien Universität Berlin

Alle Erstsemester der Freien Universität Berlin heiße ich herzlich willkommen. In diesen Tagen beginnt für Sie ein neuer Lebensabschnitt, der wie kaum ein anderer über Ihre Zukunft entscheidet. Sie werden viele neue Erfahrungen machen und – da bin ich ganz sicher – von Berlin begeistert sein. Wer hier studiert, hat sich nicht nur für einen exzellenten und traditionsreichen Hochschul-Standort entschieden, sondern auch für eine aufregende Metropole. Seit dem Fall der Mauer sind viele Menschen nach Berlin gekommen, um hier ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Lassen Sie sich begeistern von Berlins besonderem Flair und seinen ausgezeichneten Hochschulen.

Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Studentenzeit an der Freien Universität. 31 Jahre ist das her. Nach dem Abitur 1973 musste ich mich entscheiden: Politikwissenschaft oder Jura, das war hier die Frage. Ich wählte die Rechtswissenschaft. Aus der Rückschau könnte man meinen, mit diesen Alternativen sei der Weg in die Politik bereits vorgezeichnet gewesen. So war es aber nicht. Ich wollte Richter werden.

Aber natürlich hatte auch diese frühe Berufsentscheidung etwas mit Politik zu tun. Wie sollte es auch anders sein, so kurz nach „68“? Damals war alles irgendwie politisiert. Der Protest hatte seinen Marsch von der Straße durch die Institutionen angetreten. In den Hochschulgremien und auf diversen Vollversammlungen wurde statt konkreter Probleme die „Klassenlage“ diskutiert. Mir war das zu abgehoben.

Ich war schon als Schüler der SPD beigetreten. Wenn man wie ich erlebt hat, wie die Mutter nach dem Krieg alleine fünf Kinder aufgezogen und dabei ihre Lebensfreude nicht verloren hat, dann ist man gefeit gegen die Abstraktionen des revolutionären Kampfes.

Ich habe mich damals bei den Jusos engagiert. Die sympathisierten zwar auch mit „der Revolution“. Aber das blieb doch eher vage und weniger radikal als in anderen politischen Gruppierungen. Natürlich war es nicht leicht, in diesem ideologisch erregten Umfeld eine politische Arbeit zu machen, die sich mit den konkreten Problemen der Menschen beschäftigte. Der Freiraum musste erkämpft werden. Das war eine Lektion fürs Leben.

Mein politischer Leitstern hieß Willy Brandt. Ohne ihn wäre ich vielleicht nie zur Politik gekommen. Willy Brandt stand für das Neue, für eine bessere Zukunft. Das war schon so, als er Regierender Bürgermeister von Berlin war. Willy Brandt hat der Stadt geholfen, den Schock des Mauerbaus zu verkraften und all die täglichen Schwierigkeiten zu bewältigen, die aus Berlins Frontstellung im Kalten Krieg erwuchsen. Unter Willy Brandt öffnete sich die Stadt gegenüber der Welt und erneuerte sich behutsam. Vor allem das Kulturleben erblühte. In seine Regierungszeit fällt der Bau der Philharmonie, der Deutschen Oper und der Freien Volksbühne. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wurde aus der Taufe gehoben. Und an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche entstand das Europa-Center.

Vor allem aber verbreitete Willy Brandt Zuversicht. Die Fahrt mit John F. Kennedy im offenen Wagen durch Berlin. Das war 1963. Damals war ich noch ein Kind. Aber die enorme Kraft, die von dieser Szene ausging, habe auch ich schon gespürt. Von Berlin ging damals eine neue Politik aus, die den Eisernen Vorhang durchlässiger machte. Dann zog Willy Brandt ins Kanzleramt ein, das damals noch in Bonn stand. Und wir spürten: Das war ein Aufbruch. Die neue Bonner Ostpolitik und der Slogan „Mehr Demokratie wagen“ ergriff die Menschen stärker als radikaler Protest.

Als ich mich 1973 an der FU immatrikulierte, war man als Brandt-Anhänger allerdings eher Außenseiter. Die Helden der studentischen Wortführer standen deutlich weiter links. Es war nicht gerade leicht, gegen den ideologischen Mainstream anzuschwimmen. Aber das trug zur Schärfung des politischen Blicks bei. Hoch her ging es damals besonders am Otto-Suhr-Institut, da fanden die ideologischen Schlachten statt. Bei den Juristen hingegen ging es ruhiger zu. Da konnte man konzentriert arbeiten. Entsprechend unspektakulär verlief mein Studium.

Dennoch hat mich meine Studienzeit auch hochschulpolitisch geprägt. In manchen Punkten hatte die Studentenbewegung recht. „Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren“, skandierte man damals. Und das war nicht falsch. Das steife akademische Gehabe und die damit einhergehende Unsensibilität mancher Ordinarien für neue Themen und Fragestellungen wirkte überholt. Da haben die Studenten einiges erreicht.

Eine andere Lehre aus dieser Zeit lautet: Es ist wichtig, dass sich Studierende hochschulpolitisch engagieren. Wer als Studierender seine Interessen wahrnimmt, der übernimmt auch Verantwortung für die Hochschule.

Dazu gehört auch, dass man sich einer der wichtigsten Fragen stellt, nämlich wie es gelingen kann, die Qualität von Forschung und Lehre auch in Zeiten knapperer Mittel weiter zu verbessern. Das hat auch viel mit den Strukturen der Hochschulfinanzierung zu tun. Und ich bin froh, dass es hierzu bis weit in die Studentenschaft hinein inzwischen eine ernsthafte politische Debatte ohne Tabus gibt.

Ich sage ganz offen: Das heutige System ist aus meiner Sicht weder sozial gerecht noch enthält es Qualitätsanreize. Dass zum Beispiel Krankenschwestern oder Verkäuferinnen mit ihren Steuern die Ausbildung von später gut verdienenden Akademikern mitfinanzieren, halte ich nicht für gerecht. Gerechter wäre es, wenn Akademiker, die es beruflich zu was gebracht haben, ihrer Universität etwas davon zurückzahlen.

Ich persönlich bin daher für Studiengebühren in Verbindung mit einem Stipendienangebot, das soziale Härten ausschließt. Ein solches Modell stärkt die Unis und gibt die richtigen Anreize zur Verbesserung der Lehre.

In diesem Sinne sage ich noch einmal: Herzlich willkommen in Berlin, viel Freude an dieser spannenden Stadt und viel Erfolg beim Studium!