Wenn der Kriegsgott zur Pistole greift

Wie sich Textgattungen im Laufe der Jahrhunderte verändern

11.02.2016

Der Gott des Krieges - hier in traditioneller Ausrüstung mit Schild und Schwert.
Der Gott des Krieges - hier in traditioneller Ausrüstung mit Schild und Schwert. Bildquelle: Luca_ingi/iStock by Getty Images

Ein Epos ist auf den ersten Blick eine recht eintönige Sache: Helden treten auf und Götter versammeln sich, mischen sich in die Zweikämpfe der Helden ein und in die Schlachten der Massen. Es wird gegessen, gefeiert und gestorben – und das alles in Hexametern oder Stabreimversen. So ist es in Homers Ilias und seiner Odyssee, in Vergils Aeneis und auch im Nibelungenlied. „Es gibt Literaturwissenschaftler, die sagen, das Epos sei eine tote Gattung, monoton und stets im Interesse der Mächtigen geschrieben worden“, sagt Professor Bernhard Huß, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Romanische Philologie an der Freien Universität.

Der Romanist ist federführender Wissenschaftler in einer Forschergruppe, die im Rahmen des Projekts „Diskursivierungen von Neuem“ das Wechselspiel zwischen literarischen Traditionen und Neuerungen in Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit untersucht. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft von April 2016 an für drei Jahre gefördert.

Neben Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin sind Gruppen aus Zürich und Bochum sowie der Humboldt-Universität zu Berlin in die Arbeiten eingebunden – mit acht Teilprojekten, zum Beispiel über venezianische Kunstliteratur und mittelalterliche Liebesdiskurse, über Lehrdichtung oder über das Verhältnis von Aufklärung und Klassizismus.

Bernhard Huß untersucht Epen französischer Dichter der Frühen Neuzeit, speziell aus der Zeit der Religionskriege: In den Jahren 1562 bis 1598 bekämpften sich dort die protestantischen Hugenotten und die Katholiken, die wichtigsten Adelsfamilien des Landes waren in die Auseinandersetzungen verwickelt, allenthalben herrschte das Chaos.

„In dieser Zeit schrieb der Dichter Sebastien Garnier ein Epos über den ersten Bourbonen-König Henri IV.“, sagt Romanist Huß. Üblich sei es in dieser Zeit gewesen, Epen über längst Vergangenes zu verfassen. „Dass in dieser Situation von Krieg und Gewalt nun gleich mehrere Dichter auf diese Gattung zurückgreifen und sie mit aktuellem Stoff füllen, ist eine sehr interessante Entwicklung.“ So legen in Garniers Werk die Soldaten des 16. Jahrhunderts ihre Rüstung an, als seien sie epische Helden der Antike, und ziehen in die Schlacht.

Und auch die Götter beteiligen sich am Geschehen, wenn auch mit ungewöhnlichen Mitteln: „Als Mars jedoch sah, dass ihm seine Kampfeskraft nichts nützte, da feuerte er voll Zorn und Verachtung seinem Gegner einen Pistolenschuss direkt in die Schulter“, schreibt Garnier in seiner „Henriade“. Wie sich die Gattung Epos dadurch verändert, dass nun Mars zur Pistole statt zum Speer greift und wie sich die nachfolgenden Dichter dazu verhalten, dass die alte Form des Epos hier mit technologischen Neuerungen zurechtkommen muss, möchte Huß mit seinem Team in den nächsten Jahren untersuchen.