Festhalten, was sonst in Vergessenheit gerät

Karol Kubicki und Siegward Lönnendonker haben ihre Sammlung von Beiträgen zur Fächergeschichte der Freien Universität abgeschlossen

11.02.2016

Philosophieprofessor Hans Leisegang, promovierter Physiker und Autor zahlreicher Bücher, lehrte seit 1948 an der Freien Universität.
Philosophieprofessor Hans Leisegang, promovierter Physiker und Autor zahlreicher Bücher, lehrte seit 1948 an der Freien Universität. Bildquelle: Eugene Kammerman/Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Fotosammlung
1957 wurde der Atomphysikerin Lise Meitner die Ehrendoktorwürde der Freien Universität verliehen. Links neben ihr Rektor Prof. Andreas Paulsen, am Pult der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät Prof. Richard Scherhag.
1957 wurde der Atomphysikerin Lise Meitner die Ehrendoktorwürde der Freien Universität verliehen. Links neben ihr Rektor Prof. Andreas Paulsen, am Pult der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät Prof. Richard Scherhag. Bildquelle: N.N./Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Fotosammlung

Sieben Bücher, insgesamt fast 1500 Seiten Universitätsgeschichte zum Nachlesen und Nachschlagen: Ein großes Projekt liegt hinter den Herausgebern Karol Kubicki und Siegward Lönnendonker, seitdem Ende des Jahres 2015 der siebente und damit letzte Band ihrer „Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte der Freien Universität“ erschienen ist. Die beiden sind keine Historiker, doch dieses Projekt war ihnen von Anfang an eine Herzensangelegenheit. Sie wollten dem Bild der Freien Universität als „Krawall-Universität“ und „roter Kaderschmiede“ etwas entgegensetzen; sie wollten zeigen, so sagt es Siegward Lönnendonker, „dass ihre Alma Mater wissenschaftlich etwas geleistet hat, das sich sehen lassen kann.“

Die Geschichte der Freien Universität war bislang immer eher als politische Geschichte erzählt worden. Dabei standen zwei Jahreszahlen im Mittelpunkt: 1948 und 1968. 1948 wurde die Freie Universität im Westteil der Stadt gegründet als Reaktion auf die politische Einflussnahme auf Forschung und Studium an der damaligen Berliner Universität Unter den Linden. Auslöser war die Relegation dreier Studenten dort. 1968 war die Freie Universität ein Kulminationspunkt der Studentenbewegung.

Doch wie sah der universitäre Alltag in Lehre und Forschung aus? Was wurde beispielsweise in Alter Geschichte gelehrt, welche großen Editionen entstanden in Dahlem, welche Sammelbände wurden zu Standardwerken? Wie waren die Chemie-Labore ausgestattet, und wie wurde ein ganz neues Fachgebiet wie die Informatik eingeführt?

Es ist ein Verdienst der „Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte“, auf solche Fragen Antworten zu bieten und so auch die Zeiten zwischen 1948 und 1968 nachzuzeichnen. Insgesamtwerden die Entwicklungen in den einzelnen Fachgebieten von den Anfängen über den Fall der Mauer 1989 bis zum ersten Erfolg im Exzellenzwettbewerb dargestellt.

Die Herausgeber der Reihe, Karol Kubicki und Siegward Lönnendonker, sind durch ihre Biografien selbst mit den beiden markanten Daten verbunden. Karol Kubicki, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert, gehörte 1948 zu den Gründungsstudenten der Freien Universität. Sein Studienbuch trägt die Matrikelnummer 1, später wirkte der ehemalige Medizinstudent als Professor für Neurologie und leitete von 1974 bis 1991 die Abteilung für Klinische Neurophysiologie im Klinikum Westend der Freien Universität.

Siegward Lönnendonker, Jahrgang 1939, war während der Studentenproteste Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und der Deutsch-Israelischen Studiengruppe (DIS). Er rief das Archiv der Außerparlamentarischen Opposition (APO) ins Leben, das er auch heute noch als ehrenamtliches Mitglied der Freien Universität mitbetreut. Lönnendonker studierte zunächst Physik und Mathematik, von 1963 an Soziologie, Politologie und Psychologie. Er arbeitete an der Freien Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Soziologie und wurde 1987 mit einer Arbeit zur Geschichte der Freien Universität promoviert.

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Zeitzeugen und Dokumentare: Der promovierte Soziologe Siegward Lönnendonker (l.) und der Medizinprofessor Karol Kubicki.
Zeitzeugen und Dokumentare: Der promovierte Soziologe Siegward Lönnendonker (l.) und der Medizinprofessor Karol Kubicki. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Berühmte Wissenschaftler haben über „ihre“ Fächer geschrieben

Die Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte wurden so zum Gemeinschaftsprojekt der 1948er und der 1968er, wie sich die beiden selbst bezeichnen.

Ein Verständigungsprojekt, bei dem es nicht selten etwas lauter wurde und sogar zu einem „Riesenkrach“ kam, wie Siegward Lönnendonker erzählt, und das am Ende doch die von großem wechselseitigen Respekt geprägte Freundschaft der beiden Herausgeber begründete.

Denn die 1948er – Studenten, Dozenten, Professoren –, die die Gründung einer freien Universität nach dem Krieg mitgestaltet hatten, konnten mit den Studierenden, die um 1968 auf die Straße gingen, mit ihren Ideen und Protestformen nichts anfangen. Eine Generation, die sich gerade in Abgrenzung zu einer ideologisch kontaminierten Humboldt-Universität Unter den Linden verstanden hatte, konnte nur verständnislos, in den Worten Karol Kubickis „mit hochgezogenen Augenbrauen“, auf ein Anliegen blicken, das bedeutete, den „Marxismus wieder an die Universität zu bringen“, wie es Siegward Lönnendonker umreißt.

Umgekehrt war der Blick der Achtundsechziger auf die Nachkriegsgeneration ebenfalls nicht freundlich. Zu sehr stand sie aus deren Sicht pauschal für das „Establishment“ und den nationalsozialistischen „Muff unter den Talaren“.

Für ihre „Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte“ versuchten die beiden Herausgeber vor allem Autorinnen und Autoren zu gewinnen, deren Wissen sonst verloren gegangen wäre. Darunter finden sich die Großen ihres Fachs wie der heutige Direktor des Jüdischen Museums, Peter Schäfer, oder der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich, dessen Vorlesungen Hörer weit über die Universität hinaus anzogen. Der im Jahr 2015 verstorbene Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert und der Historiker Jürgen Kocka schrieben über „ihre“ Fächer. Doch andere potenzielle Verfasser starben, bevor ihre Beiträge vollendet waren, und manche „vererbten“ den Auftrag jüngeren Kollegen.

Und so bleiben auch nach der Publikation des letzten Bandes noch Lücken. Eine umfassende Wissenschaftsgeschichte der Freien Universität Berlin hätten die beiden Herausgeber als Mediziner und Soziologe allerdings auch gar nicht schreiben wollen, sagt Siegward Lönnendonker: „Wir wollten das Wissen Historikern für künftige Projekte erschließen.“ Ihr bescheidener Anspruch sei es gewesen, „festzuhalten, was sonst in Vergessenheit geraten würde“.

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Weitere Informationen

S.Karol Kubicki / Siegward Lönnendonker (Hg.): Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte der Freien Universität Berlin, 7 Bände, Göttingen: V&R unipress, 2008 bis 2015.