Gleichheit neu denken

Wie verteilt sich Wohlstand? Ein Forschungsverbund am Lateinamerika-Institut der Freien Universität zieht Bilanz

14.04.2016

Ungleiche Chancen: Durch die Abhängigkeit von Rohstoff- und Agrarexporten ist die Armut, wie hier in Bolivien, wieder gestiegen.
Ungleiche Chancen: Durch die Abhängigkeit von Rohstoff- und Agrarexporten ist die Armut, wie hier in Bolivien, wieder gestiegen. Bildquelle: Jann Huizenga/ istockphoto

Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt derzeit so viel wie die restlichen 99 Prozent zusammen – dies belegt der jüngste Bericht der Nichtregierungsorganisation Oxfam, die sich für eine gerechtere Welt ohne Armut einsetzt. Unter Leitung der Professoren Marianne Braig und Sérgio Costa vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität wird dieses Phänomen seit nunmehr sechs Jahren von einem internationalen Expertenteam wissenschaftlich untersucht.

An dem Forschungsprojekt desiguALdades.net, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, sind einige der führenden europäischen und lateinamerikanischen Universitäten sowie wissenschaftlichen Einrichtungen beteiligt, die zu Ungleichheit forschen: insgesamt rund 30 Institutionen in Süd- und Nordamerika sowie in Europa.

Ziel von desiguALdades.net sei es einerseits gewesen, das Thema der globalen Ungleichheit stärker ins Bewusstsein der Forschung – und damit der Politik – zu rücken, sagt Sérgio Costa. Andererseits sei es darum gegangen, die Beziehung zwischen sozio-ökologischen, sozio-politischen und sozio-ökonomischen Ungleichheiten aufzuzeigen sowie transnationale Strukturen, die zu einer ungleichen Verteilung von Wohlstand führen.

Da für die Entstehung von Ungleichheit globale Faktoren verantwortlich seien, könnten auch Lösungen nur global gedacht werden.

Als Beispiel nennt der Soziologe den in den Medien erhobenen Vorwurf, die Linksregierungen in Lateinamerika hätten "versagt". Dieses "Versagen", so Costa, sei aber eigentlich eine Folge von Strukturanpassungen in den lateinamerikanischen Ländern im späten 20. Jahrhundert.

Durch die Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) in den 1990er Jahren seien die Staaten als Rohstofflieferanten in den Weltmarkt eingebunden worden – und hätten so in den vergangenen 20 Jahren von den steigenden Rohstoffpreisen profitieren können. Die einst hochverschuldeten Länder seien auf diese Weise wieder zahlungsfähig geworden.

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Die Linksregierungen, die in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts in vielen lateinamerikanischen Ländern an die Macht kamen, hätten die Einnahmen aus den Rohstoffexporten für Transferzahlungen an die arme Bevölkerung genutzt. In Ländern wie Brasilien und Ecuador etwa sei dadurch die Armut zwar erheblich reduziert worden: um rund die Hälfte in nur zehn Jahren.

"Das Problem ist allerdings", erklärt Sérgio Costa, "dass die gesamte Wirtschaft dieser Länder und ihre Sozialpolitik gänzlich vom Rohstoff- und Agrarexport abhängig geworden sind." Die zurückgegangene Nachfrage nach Rohstoffen und deren Preisverfall auf dem internationalen Markt hätten die Armut in diesen Ländern in der Folge wieder verstärkt.

"Lateinamerika sitzt in der Falle", sagt Costa. "Die Länder hatten aufgrund ihrer Abhängigkeit vom IWF keinen Einfluss darauf, wie sie in den Weltmarkt neu eingebunden wurden, und damit auch kaum die Möglichkeit, sich industriell selbstständig zu entwickeln."

In einer abhängigen, auf Rohstoff- und Agrarexporten basierten Wirtschaft werde der ökonomische Gewinn mitexportiert, während die Folgen der Produktion – in die häufig auch die Ausgaben für die Beseitigung schwerer Umweltbelastungen eingerechnet werden müssten – auf den jeweiligen lateinamerikanischen Ländern beziehungsweise lokalen Gesellschaften und künftigen Generationen lasteten.

Das zeige, wie komplex das Forschungsfeld Ungleichheit sei und wie schwierig, innerhalb der Möglichkeiten langfristig wirksame Gegenmaßnahmen zu finden. Aber auch nationale Strukturen müssten verändert werden, sagt Marianne Braig: "Um den Teufelskreis aus Krankheit, Arbeitslosigkeit und fehlender Bildung zu unterbrechen, müsste massiv in die Infrastruktur sowie das Bildungs- und Gesundheitswesen investiert werden."

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Notwendig sei es außerdem, Einkommen und Eigentum über eine gerechtere Steuerpolitik besser zu verteilen. Dass derartige lenkende Eingriffe Ungleichheit verringern könnten, zeige ein Vergleich zwischen Deutschland und Mexiko: Vor der Entrichtung der direkten Steuern und der Umverteilung über Staatsausgaben seien die Ungleichheitsindikatoren beider Staaten vergleichbar, erklärt die Politikwissenschaftlerin.

"Danach leben wir in Deutschland in einer anderen Welt", sagt Marianne Braig. Denn die von der Wirtschaft produzierten Ungleichheiten würden vom deutschen Staat halbiert, während sie in Mexiko beibehalten und weiter vertieft würden. Auch hierzulande würden die Reichen schonender besteuert als die Mittelschicht. Dennoch sei die Sozialstruktur in Deutschland durch das Eingreifen des Staates, das heißt durch die Steuerpolitik – vor allem durch direkte Steuern – und die Staatsausgaben ausgewogener.

Die Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für desiguALdades. net läuft in diesem Jahr aus. "Aber das Netzwerk, die engen Beziehungen, die wir in den vergangenen Jahren geknüpft haben, werden weiter bestehen", sagt Marianne Braig.

Außerdem seien neue Projekte und Förderlinien aus der Zusammenarbeit entstanden, in die insbesondere Nachwuchswissenschaftler einbezogen seien. Beispielsweise habe eine Gruppe eine Open-Access-Online-Zeitschrift gegründet, die wissenschaftliche Publikationen mehrsprachig rezensiert und so deren Reichweite vergrößert.

Die Arbeit von desiguALdades.net belege die Stärke der Forschung im internationalen Netzwerk, in dem Wissen dialogisch generiert werde, sagt Sérgio Costa: "Die Voraussetzung für diese Art von Forschungsarbeit ist, dass sich die Partner gegenseitig ernst nehmen und versuchen, sich in die Perspektive des anderen zu versetzen."

Durch die Zusammenarbeit auf Augenhöhe steuern die Wissenschaftler nicht zuletzt der Asymmetrie des Wissens zwischen den Ländern entgegen – und damit einer anderen Form von Ungleichheit.

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