Das Institut für Religionswissenschaft

Von Göttern und Mythen

18.05.2015

„Odysseus und die Sirenen“ (1891) von John Williams.
„Odysseus und die Sirenen“ (1891) von John Williams. Bildquelle: picture alliance/akg-images

Was hat die griechisch-römische Antike mit dem Christentum zu tun? Gibt es ähnliche Konzepte in unterschiedlichen Religionen? Warum interessieren sich immer mehr Menschen für neue religiöse Bewegungen? Forscher am Institut für Religionswissenschaft der Freien Universität widmen sich diesen Fragen und setzen sich mit verschiedenen Religionssystemen auseinander. Inder Einrichtung wird Religionswissenschaft als ein breit aufgestelltes kulturwissenschaftliches Fach verstanden, das verschiedene Methoden und Theorieansätze anwendet und sich auf Schnittstellen von Literatur, Religion und Gesellschaft spezialisiert.

Professorin Almut-Barbara Renger leitet den Arbeitsbereich „Antike Religion und Kultur sowie deren Rezeptionsgeschichte“. Sie beschäftigt sich mit dieser Thematik insbesondere unter Bezug auf den antiken Mittelmeerraum, geht aber auch Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa nach, vor allem mit Blick auf den Buddhismus. Dabei erforscht sie, wie sich antike Wissensbestände bei ihrer Weitergabe verändern. „Einen besonderen Stellenwert nehmen die Mythologien ein. Wir befassen uns zum Beispiel mit den homerischen Epen Ilias und Odyssee, die zu den ältesten schriftlich fixierten Werken Europas gehören. Oder mit dem Werk Theogonie des Dichters Hesiod, das von der Entstehung der Welt und der Götter erzählt“, sagt Almut-Barbara Renger. In diesen Werken gehe es um Gottheiten, um Heroen und Heroinen. Deren Darstellungen gäben einen Einblick, wie sich die Menschen damals ihre Gottheiten vorstellten und wie sie ihre Religionen praktizierten. Außerdem setzen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Arbeitsbereiches mit Gestalten der antiken Philosophiegeschichte auseinander, etwa mit Zeugnissen von Pythagoras und Platon.

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„Die Grenzen zwischen Religion und Philosophie verlaufen in früher Zeit fließend“, erklärt Renger. Am Institut beschäftigt man sich mit der ganzen Breite der Antike – vom 2. Jahrtausend v. Chr. über die hellenische Integration ins römische Reich bis zum Übergang der Spätantike ins Mittelalter im 6. Jahrhundert n. Chr. Die Übergänge sind für die Wissenschaftler besonders interessant. An ihnen lässt sich studieren, wie neue Religionen traditionelle Vorstellungen verdrängen: Sie übernehmen und transformieren alte Konzepte.

„Ein berühmtes Beispiel ist Odysseus, der bekannte Held und Protagonist der Odyssee. Seine Irrfahrt auf dem Meer wird im Christentum der Antike und des Mittelalters gern als Sinnbild der Weltenfahrt der Christen gesehen. Dabei spielt etwa die Episode von Odysseus am Mastbaum eine Rolle, der den Sirenen lauscht“, sagt Renger. Der an den Mast gefesselte Held werde mit Christus verglichen. Er nehme, nach christlicher Darstellung, die Verlockungen der Sirenen wahr wie die Christen die Verlockungen der Geschlechtlichkeit oder der antiken Philosophie – und widerstehe ihnen.

Das Institut befasst sich aber auch mit modernen Fragestellungen. „Es gibt schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts – aber auch in jüngerer Zeit im Kontext des New Age und seiner Nachwirkungen – Wiederbelebungen der antiken Religionen oder regelrechte Neuerfindungen“, sagt Renger. Gruppen huldigten antiken Göttern oder Bildern, die sie sich von ihnen machten. „Eine entsprechende Bewegung, die besonders in Griechenland aktiv ist, ist der Hellenismos.“ Neben Professorin Renate Schlesier, die zu ähnlichen Themen forscht, arbeitet am Institut mit Beatrice Trînca eine Juniorprofessorin, die sich mit dem europäischen Mittelalter und der frühen Neuzeit befasst und einen Schwerpunkt in christlicher Mystik hat.

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