Im Bundestag summt ein neues Volk

08.07.2015

Summt da was? Bärbel Höhn inspiziert gemeinsam mit Journalisten den Bienenkasten.
Summt da was? Bärbel Höhn inspiziert gemeinsam mit Journalisten den Bienenkasten. Bildquelle: Nora Lessing

Er hat einen Holzrahmen, ist beidseitig verglast – und wer hineinsieht, kann rund 2000 eifrige Insekten bei der Arbeit beobachten: der Bienenkasten, den Abgeordnete des Bundestages kürzlich unter Anleitung von Benedikt Polaczek, promovierter Agraringenieur und Imkermeister am Institut für Veterinär-Biochemie der Freien Universität, im Innenhof des Paul-Löbe-Hauses aufgestellt haben. Polaczek wird das Bienenvolk im Bundestag regelmäßig besuchen und den Abgeordneten im Hinblick auf ihre neuen Haustiere mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Wir haben mit dem Bienenkasten eine gute Lösung für den Standort gefunden“, sagt er. „Wenn alles läuft wie geplant, wird es im nächsten Jahr den ersten Honig mit Bundestagsetikett geben.“

Bienenfleißig im Regierungsviertel

Bis zu drei Kilometer weit werden die schwarz-gelben Nutztiere ausschwärmen, um Nektar zu sammeln; als Heimstätte bevorzugen sie einen Ort ohne direkte Sonneneinstrahlung. Der Bundestag liegt unmittelbar neben dem Großen Tiergarten, und der Innenhof des Paul-Löbe-Hauses ist ruhig – kurz: die Bedingungen für die Bundestagsbienen sind günstig. Dass die Insekten ihrer Arbeit nun im Regierungsviertel nachgehen können, verdanken sie der Initiative der Grünen-Politikerin Bärbel Höhn und des SPD-Politikers Martin Burkert. Gemeinsam überzeugten die beiden Bundestagspräsident Norbert Lammert und ihre Parteigenossen von der Idee, ein Bienenvolk im Bundestag anzusiedeln.

 

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Imkermeister Polaczek erklärt der Politikerin, wie wichtig Bienen als Bestäuber sind: Je mehr Bienen es gibt, desto mehr Früchte gedeihen.
Imkermeister Polaczek erklärt der Politikerin, wie wichtig Bienen als Bestäuber sind: Je mehr Bienen es gibt, desto mehr Früchte gedeihen. Bildquelle: Nora Lessing

„Einige Abgeordnete hatten zunächst Angst davor, gestochen zu werden“, sagt Benedikt Polaczek. Diese Angst sei allerdings unbegründet, denn infolge jahrzehntelanger Selektion seien die europäischen Honigbienen „sehr brav“. Er selbst, sagt Polaczek, habe in 25 Jahren Umgang mit den Insekten nur viermal erlebt, dass jemand gestochen worden sei: „Und das passiert in der Regel nur, weil jemand barfuß läuft und dabei auf eine Biene tritt.“

Massenhafter Einsatz von Insektiziden bedroht europäische Bienen

Mit der Installation des Bienenkastens wollen der Imkermeister und die Initiatoren ein Zeichen gegen das Bienensterben setzen. „Spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind die europäischen Bienen stark bedroht. Das liegt unter anderem am massenhaften Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft“, erläutert Benedikt Polaczek. Aber auch der Befall der Völker mit einem aus Asien eingeschleppten Parasiten, der Varroa-Milbe, sei ein großes Problem. Das öffentlichkeitswirksame Aufstellen von Bienenständen an prominenten Orten helfe, das Bienensterben stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. So machen sich die Initiatoren für die weitere Ansiedlung von Bienenvölkern im öffentlichen Raum stark. „Solche Initiativen erzeugen Öffentlichkeit und befördern damit politisches Handeln.

Auch das neue Bienenvolk im Bundestag ist ein wichtiges Symbol im Kampf gegen das Bienensterben“, sagt der Wissenschaftler. Der Bienenkasten solle zunächst als eine Art Test fungieren, um letzte Bedenken unter den Angestellten des Bundestages zu zerstreuen, sagt Polaczek. Im Oktoberwerde er die Bienen zurück nach Dahlem holen, denn zum Überwintern im Paul-Löbe-Haus sei das Volk zu klein. Im kommenden Jahr soll dann ein größeres Volk mit rund 50000 Bienen im Bundestag angesiedelt werden.

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