"Die digitale Lehre verändert die Universitäten wie einst die Einführung der Vorlesung"

Ein Gespräch mit Harvard-Professor William Kirby über die neue Art des Unterrichtens

William C. Kirby unterrichtet an der US-amerikanischen Harvard University China-Wissenschaften. Er ist Mitglied des International Council der Freien Universität Berlin.
William C. Kirby unterrichtet an der US-amerikanischen Harvard University China-Wissenschaften. Er ist Mitglied des International Council der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Susan Mitchell

50 000 Internetnutzer sahen bereits die Vorlesung zur chinesischen Geschichte, die Professor William Kirby und sein Fachkollege Professor Peter Bol über die Plattform Harvard Extension School anbieten. Nina Diezemann sprach mit dem Sinologen von der Harvard Business School und Mitglied des International Council der Freien Universität über die Möglichkeiten digitaler Lehre und Revolutionen im Seminarraum.

Herr Professor Kirby, wie wichtig ist es, dass Universitäten über die Digitalisierung von Lehren und Lernen nachdenken?

Ich halte es für zwingend, denn die neuen Möglichkeiten zu lehren und zu lernen verändern die Universitäten – ähnlich wie die Einführung der Vorlesung im 19. Jahrhundert die moderne Universität begründete. Sie unterrichten einen kostenlosen Online-Kurs zur chinesischen Geschichte und Gegenwart.

Wie kam es zu der Idee, diesen Kurs, eine traditionsreiche Veranstaltung Ihrer Hochschule, auch online anzubieten?

Peter Bol und ich unterrichten diesen Einführungskurs seit mehr als 20 Jahren. Vor sechs Jahren haben wir angefangen, ihn als Video aufzuzeichnen. Daraus erwuchsen ganz neue Möglichkeiten: Wir mussten nicht mehr im Hörsaal vor den Studierenden stehen, wir konnten – begleitet von der Kamera – in Museen gehen und den Stoff an konkreten Objekten vermitteln, und wir konnten Teile in China selbst drehen. Dadurch wurde der Kurs, den Harvard übrigens schon seit den 1930er Jahren anbietet, für uns wieder neu und aufregend …

…und für die Studierenden an Ihrer Universität?

Für die Studierenden hat es den Vorteil, dass sie den Überblick online vermittelt bekommen und im Seminarraum mehr Zeit für die Diskussion bleibt. Das heißt aber auch, dass sich kein Student mehr in der letzten Reihe verstecken und selbst entscheiden kann, ob er oder sie sich beteiligen möchte. Der Kurs ist sehr intensiv geworden.

Wie ist das für Sie als Universitätslehrer?

Mir gefällt das gut, aber für meinen Kollegen und mich war es eine große Umstellung: Wir mussten uns nicht nur in eine neue Art des Unterrichtens einarbeiten, sondern grundsätzlich überdenken, was Lehre für uns bedeutet. Aber – abweichend von einem englischen Sprichwort – man kann alten Hunden doch ein paar neue Tricks beibringen.

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Was halten Sie von den Aktivitäten der Freien Universität im Bereich E-Learning und E-Teaching?

Ich denke, die Freie Universität hat einen guten und starken Anfang gemacht und unterstützt alle Lehrenden, die sich auf diesem Gebiet engagieren. Sie bietet keine MOOCs an, also weltweit zugängliche Massive Open Online Classes, sondern sogenannte MOCs für Studierende der Hochschule und Partneruniversitäten. Nun wird es wichtig, darüber nachzudenken, wie sich die Freie Universität insgesamt im Bereich Lehre und Lernen aufstellen will und welche Rolle E-Teaching und E-Learning dabei spielen sollen. Auch der Zusammenhang mit der Internationalisierungsstrategie muss überdacht werden. Wie kann man das großartige internationale Netzwerk der Freien Universität nutzen und die Hochschule so weltweit noch sichtbarer machen – durch die Lehre.

Sie haben selbst in den 1970er Jahren in Dahlem studiert. Welche Erinnerungen haben Sie an die Lehre an der Freien Universität?

Am besten gefielen mir die Seminare – Lehrveranstaltungen, wie es sie in Harvard damals kaum gab. Es war eine Zeit politischen Aufruhrs, und ich belegte einen Lektüre-Kurs zu Karl Marx bei der Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan. Ein kleiner Kurs mit nur knapp 20 Studenten, dafür waren sechs verschiedene kommunistische Strömungen vertreten, und alle hatten unterschiedliche Meinungen. Ich habe zum ersten Mal im Verlauf meiner akademischen Ausbildung ernsthaft Marx gelesen, und trotz der Unruhe im Seminarraum habe ich ungeheuer viel gelernt.

Können solche leidenschaftlichen intellektuellen Auseinandersetzungen nur in einem realen Raum stattfinden?

Seit den 1970er und 1980er Jahren wurde auch an der Harvard University zunehmend in kleinen Gruppen gelehrt und gelernt. Heute ist direkte Interaktion zwischen Professoren und Studenten bei uns unabdingbar. Wir haben ein Seminarprogramm für unsere Erstsemester, für die freshmen, aufgelegt mit Gruppen von maximal zwölf Teilnehmern. Solche Erfahrungen können nicht durch Online-Kurse ersetzt werden. Natürlich freue ich mich, wenn so viele Interessierte weltweit meine Vorlesung über das Internet ansehen. Aber letztlich ist es die größte Freude eines Hochschullehrers, die intellektuelle Entwicklung seiner Studenten zu verfolgen.


Der International Council ist ein Gremium aus international erfahrenen Bildungsexperten, das die Freie Universität bei der Umsetzung und Weiterentwicklung des 2007 und 2012 in der Exzellenzinitiative prämiierten Zukunftskonzepts berät. Im Mittelpunkt des diesjährigen Treffens stand die Digitalisierung in Forschung und Lehre. Professor William Kirby wurde 2006 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

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