"Früh den Umgang mit Konflikten lernen"

Expertengespräch über Reformen im Lehramtsstudium und Vorbereitungsdienst

Unterrichten – eine Herausforderung: Im Lehrberuf zu arbeiten bedeutet auch, über soziale Kompetenz zu verfügen und Konflikte schlichten zu können sowie gut mit Kollegen und Eltern zu kommunizieren.
Unterrichten – eine Herausforderung: Im Lehrberuf zu arbeiten bedeutet auch, über soziale Kompetenz zu verfügen und Konflikte schlichten zu können sowie gut mit Kollegen und Eltern zu kommunizieren. Bildquelle: Fotskynesher; iStockphoto

Universität trifft auf Praxis: Der bundesweite Seminartag des Bundesarbeitskreises der Seminar- und Fachleiter (BAK) findet dieses Jahr vom 23. bis 26. September in Berlin und erstmals in Kooperation mit dem Zentrum für Lehrerbildung (ZfL) an der Freien Universität Berlin statt. ZfL-Geschäftsführerin Diemut Ophardt und Herbert Böpple, Sprecher des BAK-Landesverbandes Berlin, diskutieren im Vorfeld über Reformen, Praxisschock und die Verzahnung der universitären und schulischen Ausbildungsphase im Lehramtsstudium.

Herr Böpple, der Kongress widmet sich dem Thema Aufgaben. Warum dieser Schwerpunkt?

HERBERT BÖPPLE: Aufgaben nehmen eine zentrale Position im Lernprozess ein. Gute Aufgaben fördern das Lernen, daher müssen jene, die Aufgaben stellen, diese Fähigkeit immer weiterentwickeln und verfeinern.Wie können durch Lernaufgaben in Schule und Lehrkräfteausbildung in der ersten und zweiten Phase Kompetenzen entwickelt werden? Welche Rolle spielen dabei Übungsaufgaben? Welchen Erkenntnisgewinn bringen gute Prüfungsaufgaben? Wie unterscheiden sich Lern- und Prüfungsaufgaben? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Solchen Fragen widmet sich der Seminartag. Es werden namhafte Experten vertreten sein: Professor Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hält den Eröffnungsvortrag über Merkmale guten Unterrichts, und Professorin Elsbeth Stern von der ETH Zürich beschließt den Kongress mit ihrem Vortrag über Ergebnisse der Lehr- und Lernforschung.

DIEMUT OPHARDT: Der Schwerpunkt ist sehr gut gewählt, denn die Lehr- und Lernqualität hängt entscheidend von der Aufgabenstellung im Unterricht ab. Die Frage ist auch: Wie kommen wir im Ländervergleich zu guten Testaufgaben? Auch dazu stehen Vorträge auf dem Programm, unter anderem von Professor Hans Anand Pant, dem Direktor des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.

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Wenn Lehramtsstudierende in ihrer zweiten Ausbildungsphase an die Schulen kommen, ist das für viele ein Praxisschock. Ist die Lehrerausbildung an den Universitäten zu praxisfern?

OPHARDT: Das ist ein Generalvorwurf, der sehr populär ist. Aber allein durch viel Praxis während des Studiums wird niemand ein besserer Lehrer. Wichtig ist doch: Wie lerne ich aus der Praxis? Wir brauchen mehr Lehr- und Lernsituationen für angehende Lehrer, aber nicht unbedingt in der Schule, sondern in einem geschützten Raum mit simulierten Situationen, in denen die Studierenden gleich eine Rückmeldung bekommen. Im Unterricht an den Schulen gibt es weder Situationen auf Abruf noch die Möglichkeit einer sofortigen Analyse.

BÖPPLE: Die Universität kann den Vorbereitungsdienst in den Schulen nicht ersetzen. Aber der fachliche Hintergrund, den sich die Studierenden an der Universität aneignen, ist wichtig, um in der zweiten Phase aus den Erfahrungen der Praxis zu lernen.

Besonders auf den Umgang mit schwierigen Schülern und Unterrichtsstörungen fühlen sich viele Lehramtsanwärterwenig vorbereitet.

OPHARDT: Solche Konfliktsituationen sind eine große Herausforderung, gerade für Anfänger. Viele fähige Kandidaten wenden sich genau aus diesem Grund vom Beruf ab. An der Freien Universität haben wir deshalb einen Forschungsschwerpunkt Klassenmanagement eingerichtet, in dem wir wissenschaftlich zum Umgang mit Störungen arbeiten. Wir wollen Studierende früh dazu anleiten zu erkennen, wie Konflikte entstehen, wie man sie löst, wie man Regeln etabliert und das eigene Verhalten reflektiert. Dazu haben wir Videos gedreht von authentischen Unterrichtssituationen, die die Studierenden analysieren und auch in Rollenspielen simulieren. Klassenmanagement ist Pflicht im Lehramtsmaster.

BÖPPLE: Diese Vorbereitung ist sehr hilfreich für die Referendarzeit. Wer schon in der ersten Phase unter Laborbedingungen mit Konfliktsituationen konfrontiert worden ist und gelernt hat, damit umzugehen, der geht als Lehramtsanwärter gelassener an sogenannte Brennpunktschulen, von denen es in Berlin einige gibt. Das macht es auch uns Seminarleitern einfacher, die in der ersten Phase erworbenen Fähigkeiten in komplexen Situationen weiterzuentwickeln.

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Sind die erste und zweite Phase der Lehrerausbildung ausreichend verzahnt?

OPHARDT: In der zweiten Phase sollen die Lehramtsanwärter lernen, das theoretische Wissen, das sie an der Universität erworben haben, im Schulalltag anzuwenden. Ich denke, dass sich das angeleitete Lernen in diesem Teil der Ausbildung noch ausweiten ließe. Zurzeit beschränkt sich das vor allem auf die Mentoren, also auf Lehrer, die an den Schulen die Referendare betreuen – und künftig auch die Studierenden im Praxissemester, das an der Freien Universität vom Wintersemester 2016/2017 an Pflicht wird in der ersten Phase.

BÖPPLE: Sicherlich ist die Verzahnung noch optimierbar, aber durch die Reform des Vorbereitungsdienstes hat das angeleitete Lernen an Bedeutung gewonnen. Jeder Lehramtsanwärter in Berlin muss mittlerweile die Module "Unterrichten" und "Erziehen und Innovieren" absolvieren und zwei Modulprüfungen ablegen, die besonders großen Wert auf die Verknüpfung von Theorie und Praxis legen. Das Problem ist allerdings, dass sich der Berliner Senat die Betreuung derReferendare nur wenig kosten lassen will. Während in Nordrhein-Westfalen beispielsweise jeder Mentor pro Referendar eine Unterrichtsstunde Entlastung erhält, gibt es in Berlin derzeit null Ausgleich. Ob es für die Lehrkräfte, die künftig Studierende im Praxissemester betreuen sollen, eine Entlastung geben wird, soll erst 2015 entschieden werden. Ich denke, Mentoren für Lehramtsstudenten brauchen mindestens zwei Stunden Unterrichtsermäßigung pro Woche. In Nordrhein-Westfalen bringt nicht nur jeder Lehramtsstudent zwei Entlastungsstunden ein, auch die Schulen erhalten für die Betreuung von Lehramtskandidaten im Vorbereitungsdienst einen Personalausgleich.

OPHARDT: Eine solche Entlastung wäre eine ganz wichtige Voraussetzung, um die Qualität des Praxissemesters zu gewährleisten. Wenn die Betreuung gut sein soll, dann können das die Lehrkräfte nicht nebenher machen. An der Freien Universität bieten wir zurzeit eine Qualifizierung für die Mentoren an, die die Studierenden an den Schulen unterstützen sollen.

Außer mit einer intensiven und qualifizierten Betreuung der Referendare an den Schulen: Wie ließe sich die Lehrerbildung noch optimieren?

OPHARDT: Die Reform des Vorbereitungsdienstes müsste durch Forschungbegleitet werden, um die Neuerungen genauer anzuschauen und empirisch zu überprüfen: Was ist zu welchem Zeitpunkt sinnvoll? Was muss besser aufeinander abgestimmt werden?

BÖPPLE: Richtig, in der neuen Verordnung über den Vorbereitungsdienst und die Staatsprüfung für Lehrämter, die seit Juli dieses Jahres gilt, ist deshalb auch festgeschrieben, dass die zweite Phase der Lehrerausbildung evaluiert werden muss. Ich bin aber in Sorge, dass – wie so häufig in der Bildungsforschung – auf Biegen und Brechen evaluiert wird, aber dabei keine aussagekräftigen Ergebnisse herauskommen, beziehungsweise die Evaluationen nicht die richtigen Konsequenzen nach sich ziehen.

OPHARDT: Es kommt aber auch auf die Qualität der Evaluation an.Wir bräuchten dringend gute Interventionsstudien, um die Effektivität von Reformen zu messen.

BÖPPLE: Auf jeden Fall ist der Kongress mit seinen Teilnehmern aus Universität und Praxis ein gutes Beispiel für die Verzahnung der ersten und zweiten Phase.

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