Aus anderer Perspektive

Stefan Rinke, Jahrgang 1965, ist Professor für die Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut und am Friedrich-Meinecke- Institut der Freien Universität.
Stefan Rinke, Jahrgang 1965, ist Professor für die Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut und am Friedrich-Meinecke- Institut der Freien Universität. Bildquelle: privat

Der Verband der Lateinamerika-Historiker AHILA kommt vom 9. bis 13. September 2014 an der Freien Universität zusammen. Ziel des Kongresses ist es, über neue Forschungsergebnisse zu diskutieren und die Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa zu vertiefen. Lena Pflüger sprach mit Professor Stefan Rinke, Organisator des Kongresses und Historiker am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.

Professor Rinke, worum wird es bei dem Kongress gehen?

Thema ist die lateinamerikanische Geschichte im Kontext der Globalisierung. Wir werden über die geschichtlichen und aktuellen Phasen der Globalisierung und ihren Einfluss auf die lateinamerikanische Geschichte diskutieren.

Gibt es dabei bestimmte Schwerpunkte?

Nein, unsere Mitglieder sind in der Themenwahl frei, deshalb ist die Bandbreite sehr groß. Ein wichtiges Thema ist aber beispielsweise Migration. Bei der Tagung liegt das Interesse besonders auf Migrationsdynamiken im 19. und 20. Jahrhundert im transatlantischen und transpazifischen Raum. Uns ist es ein Anliegen, die Prozesse der Migration historisch zu untersuchen, gleichzeitig aber auch darauf hinzuweisen, dass Lateinamerika während der vergangenen 50 Jahre kein Kontinent der Einwanderung, sondern der Auswanderung war. Gegenwärtig wandeln sich einige Länder aber wieder zum Einwanderungsland. Angesichts dieser Entwicklung fragen wir nach dem Warum und diskutieren über die globalen Auswirkungen. Im Verbund der Lateinamerika-Historiker arbeiten Wissenschaftler verschiedener Kontinente zusammen.

Ergibt sich daraus eine neue Perspektive?

Ja. Uns war es von Anfang an wichtig, die Geschichte Lateinamerikas polizentrisch zu betrachten, also mehrere Regionen ins Zentrum zu rücken. Mit Historikern aus Lateinamerika zusammenzuarbeiten ist dabei nicht nur selbstverständlich, sondern notwendig. Mittlerweile gehen die Beziehungen sogar über Europa und Lateinamerika hinaus: Im September werden wir erstmals auch mit Lateinamerika- Historikern aus Asien, Afrika und Australien zusammenarbeiten.

Bewirkt die Globalisierung auch Veränderungen in der Geschichtswissenschaft?

Ja. Bislang haben wir als Untersuchungsgegenstand intensiv die Nation betrachtet. Vor dem Hintergrund der Globalisierung geht es nun darum zu untersuchen, wie sich die Entwicklungen in Europa auf andere Weltregionen ausgewirkt haben – und umgekehrt. Wir versuchen zu analysieren, welche neuen Interaktionsräume entstehen, wenn sich Menschen, Waren und Ideen zwischen den Nationen relativ frei bewegen. In diesen neuen Räumen bilden sich wiederum autonome Dynamiken. Wir erkennen langsam, dass es in der Geschichte durchaus ähnlich gelagerte Prozesse gab, diese uns aber entgangen sind, weil wir auf die Nation fixiert waren. Der Input aus anderen Weltregionen ist für diesen Wandel besonders wichtig. Die Konferenz ist ein Anfang, unsere Forschungsfelder neu zu fassen und eine dem Gegenstand entsprechende Betrachtungsweise zu entwickeln.