Wieder in aller Munde

Elsässisch, Okzitanisch, Korsisch, Bretonisch: In Frankreich erleben regionale Dialekte eine Renaissance

Pro Elsässisch: In Straßburg demonstrierten Ende März 2012 auf der Place Kleber Bürger, darunter viele Kinder, für den Erhalt der Zweisprachigkeit und der Regionalsprachen im Elsass.
Pro Elsässisch: In Straßburg demonstrierten Ende März 2012 auf der Place Kleber Bürger, darunter viele Kinder, für den Erhalt der Zweisprachigkeit und der Regionalsprachen im Elsass. Bildquelle: DPA/PHOTOPQR/L'ALSACE/JM Loos

Dass in Frankreich nicht allein Französisch gesprochen wird, beweisen bis zu 75 regionale Dialekte und Idiome, die von französischen Sprachwissenschaftlern gezählt wurden. Zwar drohen die meisten der traditionellen Mundarten allmählich auszusterben, da sie überwiegend von Älteren gesprochen und verstanden werden, doch gegen ihr Verschwinden regt sich seit einiger Zeit Widerstand: Zehntausende Franzosen demonstrierten im ganzen Land für den Erhalt ihrer Regionalsprachen.

Sommerschulen in Südfrankreich bieten Sprachkurse im okzitanischen Dialekt der Region an, und sogar die 2012 gekürte Miss Frankreich macht sich in Fernsehinterviews für den elsässischen Dialekt in ihrer Heimat stark. Französische Regionalsprachen wie Bretonisch, Okzitanisch, Korsisch oder Elsässerdeutsch sind offenbar wieder in aller Munde.

Jüngere entdecken die Sprachen der Großeltern neu

Vor allem die jüngere Generation zeigt Interesse daran, die fast in Vergessenheit geratenen Sprachen ihrer Großeltern neu zu entdecken. „Mit dem Standardfranzösischen haben diese Mundarten meist nicht viel gemein“, sagt Judith Meinschaefer, Professorin für romanische Linguistik an der Freien Universität. Sie untersucht in einem Forschungsprojekt anhand von Dialekten die sprachhistorische Entwicklung des Französischen.

„Elsässisch beispielsweise ist ein ursprünglich alemannischer Dialekt, der dem Deutschen wesentlich näher steht“, erläutert Meinschaefer. „Das im Südwesten Frankreichs gesprochene Okzitanisch hat starke Ähnlichkeiten mit dem in Spanien gesprochenen Katalanischen, während das Korsische von der Mittelmeerinsel eigentlich eine Varietät des Italienischen ist.“

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In den vielfältigen Dialekten Frankreichs spiegeln sich sprachliche und kulturelle Einflüsse aus vielen Teilen Europas wider. Der sonst von offizieller Seite rigoros betriebene Versuch, das Französische vor inneren und äußeren Einflüssen zu schützen, macht offenbar Halt, wenn es um die Wiederbelebung der Dialekte geht. Dabei wird seit dem Mittelalter das Französische als Nationalsprache kultiviert und gepflegt – in Artikel 2 der Verfassung ist es als „langue de la république“ festgeschrieben.

Doch nun wird sogar über eine Verfassungsänderung diskutiert, um die nationale Ratifizierung der „Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen“ auf den Weg zu bringen. Damit soll der Gebrauch von Mundarten in Verwaltung, Schulen und Medien gestärkt werden. Machen die vielzähligen Dialekte der Nationalsprache Französisch etwa Konkurrenz? „Im Grunde ist das Französische auch nichts anderes als ein Dialekt des klassischen Lateins“, sagt Sprachwissenschaftlerin Judith Meinschaefer.

„Aus dem Lateinischen haben sich die romanischen Sprachen entwickelt, darunter das Französische. Damit ist aber noch längst keine standardisierte Hochsprache gemeint, sondern eine Vielzahl von gleichberechtigt gesprochenen Dialekten.“ Eine einheitliche Nationalsprache hat sich in Frankreich nicht aus den Sprechgewohnheiten der Bevölkerung entwickelt – sie wurde politisch verordnet.

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Im 16. Jahrhundert verfügte der französische König Franz I., dass alle offiziellen Dokumente in Verwaltung und Gerichtsbarkeit auf Französisch statt auf Latein verfasst werden sollten. Da Paris und seine Umgebung mit den Königsschlössern entlang der Loire bereits das klar definierte Zentrum Frankreichs waren, wurde kurzerhand der am Hof gesprochene Pariser Dialekt zum Hochfranzösisch erklärt.

Im Zug der Revolution wurden die Dialekte verdrängt

Entscheidenden Einfluss auf die Sprache hatte die Politik in Frankreich auch weiterhin: Während der Französischen Revolution wurde ein Gesetz erlassen, das den Gebrauch von Dialekten in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens verbot. Damit sich jeder am politischen Geschehen beteiligen konnte, bedurfte es einer einheitlichen Sprache. Das Französische wurde zum Sinnbild der nationalen Einheit der Republik. „Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Regionalsprachen nicht mehr als Gefahr für die Nation wahrgenommen“, erklärt Judith Meinschaefer. „Frankreich war national gestärkt, und es entwickelte sich ein Bewusstsein für Liberalisierung.“

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Mit der Anerkennung regionaler Dialekte wurden europäische Spracheinflüsse zunehmend toleriert – behutsam öffnete sich Frankreich sprachlich seinen Nachbarländern. So ist es nicht verwunderlich, dass in diesem Sommer zum ersten Mal der internationale Weltkongress für französische Linguistik, der „Congrès Mondial de Linguistique Française“, an der Freien Universität Berlin, und damit in Deutschland, stattgefunden hat.

Die französische Dialektologie sei eines der zentralen Themen der Tagung gewesen, sagt Mitorganisatorin Judith Meinschaefer. Das wiedererweckte Interesse an den traditionellen französischen Mundarten zeichnet sich heute trotz oder gerade wegen ihres Rückgangs ab. Nach Jahrhunderten strikter Sprachpolitik ist die Förderung der Dialekte vor allem deshalb möglich, weil in Frankreich Doppelsprachigkeit herrscht: „Dialektsprecher können ebenso Hochfranzösisch“, sagt Judith Meinschaefer. „So wird nicht nur die nationale Identität gefestigt, auch die kulturellen Wurzeln der Regionen und ihre europäischen Einflüsse werden bewahrt.“

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