Eine runde Sache

Zur Litfaßsäule als Informations- und Werbemedium forscht Steffen Damm vom Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin

Von den Berlinern wurden die Litfaßsäulen neugierig umringt, wie Heinrich Zille 1924 in einer Zeichnung festhielt
Von den Berlinern wurden die Litfaßsäulen neugierig umringt, wie Heinrich Zille 1924 in einer Zeichnung festhielt Bildquelle: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Berlin während des 19. Jahrhunderts: Eine neugierige Menschenmenge drängt sich in der Münzstraße 23 am Rande des Berliner Scheunenviertels um eine plakatierte Holzsäule. Jeder versucht, einen Blick auf die mit Leim befestigten Plakate zu erhaschen – öffentliche Verordnungen, Heiratsankündigungen adliger Herrschaften, Theaterprogramme. Die erste „Annonciersäule“ – später nach ihrem Erfinder Litfaßsäule genannt – stößt bei den Berlinern auf gebanntes Interesse.

160 Jahre sind vergangen,seit der Verleger Ernst Litfaß es sich zur Aufgabe machte, der wilden Plakatierung an Hauswänden und Laternen, dem „Hautausschlag der Stadt“, ein Ende zu setzen. Sein Entwurf einer hölzernen Säule, inspiriert durch Modelle aus England und Frankreich, sollte Abhilfe gegen die städtische Zettelwirtschaft schaffen.

Eine kostenlose Ersatzzeitung für alle Berliner

Am 5. Dezember 1854 erhielt er vom Berliner Polizeipräsidenten einen Monopolvertrag für seine Anschlagsäulen – unter der Bedingung, stets die neuesten öffentlichen Bekanntmachungen der Stadt zu plakatieren. Schon ein Jahr später wurden 100 der runden „Stadtmöbel“ aufgestellt. Die Litfaßsäule sei eines der einflussreichsten Massenmedien ihrer Zeit gewesen, sagt Steffen Damm vom Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität.

Er erforscht die Litfaßsäule als mediengeschichtliches Phänomen. „Mit der Erfindung der Plakatsäule ging eine Neuordnung der Kommunikation im öffentlichen Raum des 19. Jahrhunderts einher“, erklärt der promovierte Germanist. „Davor war die Stadt überzogen von einem ungeordneten und ungefilterten Sammelsurium von Anschlägen aller Art. Die Litfaßsäule stiftete Ordnung und war damals für viele Berliner eine zentrale Informationsquelle, da jeder ungehinderten und kostenlosen Zugang zu ihr hatte.“

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Geniale Geschäftsidee: Unternehmer Ernst Litfaß (links) ließ Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin die erste Anzeigensäule aufstellen.
Geniale Geschäftsidee: Unternehmer Ernst Litfaß (links) ließ Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin die erste Anzeigensäule aufstellen. Bildquelle: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Insbesondere der ärmeren Bevölkerung diente die Anschlagsäule als Ersatzzeitung, die über aktuelle Ereignisse informierte. Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 durfte Ernst Litfaß als Erster Depeschen anschlagen. Doch seine mediale Monopolstellung hatte auch ihre Grenzen, sagt Steffen Damm: „Die Säule wurde nicht ohne Grund in Kooperation mit dem Polizeipräsidenten eingeführt. Die öffentliche Kommunikation wurde nicht nur organisiert, sondern auch reglementiert und kontrolliert.“

Als Informationsmedium verlor die Säule mit der Zeit ihre Bedeutung, doch als Grande Dame der Außenwerbung hat sie sich gut gehalten. Zu verdanken ist es ihrem Erfinder und Namensgeber, der die Plakatwerbung kommerzialisierte und den Anfängen der Werbung Mitte des 19. Jahrhunderts ein Medium bot. Reklameplakate für Tanzlokale, Weinstuben und Zirkusse prangten schon an den ersten englischgrünen Säulen.

An unternehmerischem Erfindergeist mangelte es Ernst Litfaß jedenfalls nicht. „Er begnügte sich nicht damit, Lizenzprofiteur der Litfaßsäulen zu sein“, sagt Steffen Damm. Als Druckereibesitzer habe er zusätzlich den Druck und damit die Zulieferung der Plakate für die Säulen betrieben, teilweise sogar die beworbenen Veranstaltungen selbst geplant. „Er war ein wirklicher Entrepreneur.“

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Der gewiefte Unternehmer hätte wohl nicht damit gerechnet, dass mit seiner Erfindung eine ganze Werbebranche aus der Taufe gehoben würde und Berufe wie Anzeigentexter und Marketingmanager entstünden. Das Medium Litfaßsäule, das nur kleinformatige Plakate mit begrenzter Fläche zulässt, habe essenziell zur Entwicklung der Werbe-Rhetorik beigetragen, sagt Steffen Damm.

Schon im 19. Jahrhundert wurden schlaglichtartige Überschriften und knappe, einprägsame Slogans formuliert, um die Passanten auf Reklameplakate aufmerksam zu machen. Die Anzeigensäule verhalf der Persil-Frau 1922 als einer der ersten Werbefiguren zu Berühmtheit. Viel mehr als ein bloßer Werbeträger war die Litfaßsäule Anfang des 20. Jahrhunderts für zeitgenössische Künstler.

Die eng nebeneinander geklebten Plakate zu unterschiedlichsten Themen machten die Anzeigensäule zum Kunstobjekt, erklärt Steffen Damm: „Die Litfaßsäule bildet die Grunderfahrung der Moderne sehr gut ab. Die verschiedenen, sich überlagernden Plakate wirken wie eine Montage aus Versatzstücken. Dem Betrachter kommt es fast so vor, als würde er durch ein Kaleidoskop blicken.“

Besonders dadaistische Künstler fanden daran Gefallen. Aber auch heute wird die Plakatsäule noch als Medium der Kunst genutzt. Auf mehr als300 Litfaßsäulen werden derzeit in Berlin Arbeiten des Plakatkünstlers und Präsidenten der Akademie der Künste Klaus Staeck ausgestellt. Bis Ende August hängen zwischen Werbung und Anzeigen seine politischen Plakate mit Aufschriften wie „Ein Volk das solche Boxer Fußballer Tennisspieler und Rennfahrer hat kann auf seine Universitäten ruhig verzichten“ (originale Schreibweise).

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Bestandteil des täglichen Lebens ist die Litfaßsäule bis heute geblieben. Immerhin 52 000 Stück soll es dem Fachverband Außenwerbung e.V. zufolge in ganz Deutschland noch geben, doch die Tendenz ist rückläufig. „Heute ist die Kommunikation hochgradig mobil, keiner geht mehr irgendwo hin, um sich zu informieren. Die Gestik der Litfaßsäule ist aber ihrer Natur gemäß statisch“, erklärt Steffen Damm.

Wie ein Relikt ihrer Zeit wirkt die traditionell plakatierte Litfaßsäule neben den grell leuchtenden digitalen Großflächen-Plakaten im Stadtzentrum. Um dieser Konkurrenz zu trotzen, wurde der klassische Anzeigenpfeiler zur sogenannten City-Light-Säule umgestaltet, die einiges aufbieten muss, um die Aufmerksamkeit der reizüberfluteten Passanten auf sich zu ziehen: eine Glassäule mit beleuchteten Hochglanzwerbeplakaten, die sich um die eigene Achse dreht.

Und doch gibt es sie noch – einfache Litfaßsäulen mit angekleisterten Theaterprogrammen und Hinweisen auf Veranstaltungen im Kiez. Ein Hauch von Nostalgie schwingt bei dem Blick auf diese „Allgemeinstellen“ mit, die wie ein Fels in der Brandung neben Bushaltestellen an belebten Straßenkreuzungen stehen und dem sich ständig verändernden Stadtbild eine gewisse Ruhe und Beständigkeit verleihen.

Die Litfaßsäule hat die Zeiten überdauert und das nicht nur aus rein sentimentalen Gründen. Schließlich werden sie noch heute gepachtet, beklebt und genutzt. „Das Konzept funktioniert immer noch“, sagt Steffen Damm. Ernst Litfaß’ Nachruhm wirkt. In der ganzen Stadt hat sich der kluge Unternehmer mit seinen unzähligen Anschlagsäulen selbst ein Denkmal gesetzt. In der Münzstraße 23 in Berlin-Mitte steht zwar nicht mehr das Urmodell der Annonciersäulen, dafür ein Andenken an ihren Erfinder: ein englisch grüner Bronzezylinder mit seinem Porträtdarauf – natürlich in Formeiner Litfaßsäule.

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