Wohin mit dem radioaktiven Müll?

12.06.2014

Politikwissenschaftler untersuchen, wie in unterschiedlichen Ländern mit der Endlagersuche umgegangen wird

Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Karl Heisenberg schlug 1955 vor, Atommüll einfach zu verpacken und weit vor der Küste im Meer zu versenken. Sein Kollege Carl Friedrich von Weizsäcker, später Kritiker der Atomkraft, war sich noch 1969 sicher: die neu entdeckte Energiequelle sei eine saubere Sache, die Entsorgung kein Problem: „Ich habe mir sagen lassen, dass der gesamte Atommüll, der in der Bundesrepublik im Jahr 2000 vorhanden sein wird, in einen Kasten hineinginge, der ein Kubus von 20 Meter Seitenlänge ist. Wenn man das gut versiegelt und verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, dass man damit dieses Problem gelöst hat.“

Heute, gut 45 Jahre später, lagern alleine in der Bundesrepublik bereits etwa 20 000 Kubikmeter hochradioaktive Abfälle. Hinzu kommen hochaktive Abfälle aus den Wiederaufbereitungsanlagen in Frankreich und England. 

Damit Wege gefunden werden, mit diesen Reststoffen umzugehen, analysieren Wissenschaftler des Forschungszentrums für Umweltpolitik am Otto-Suhr- Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität die gesellschaftliche Suche nach einem Endlager für solche Abfälle. Es handelt sich dabei um ein Teilprojekt der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsplattform ENTRIA, die interdisziplinär zusammengesetzt ist und bis 2017 Bewertungsgrundlagen für unterschiedliche Entsorgungsoptionen entwickeln soll. 

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Die Abfälle müssen eine Million Jahre sicher gelagert werden

„Unser Ansatz ist dabei eine nationale und internationale Analyse der Endlagersuche“, sagt der habilitierte Politologe Achim Brunnengräber, der das Teilprojekt gemeinsam mit Professorin Miranda Schreurs leitet. „Wir vergleichen die bestehenden Ansätze und Konzepte in verschiedenen Ländern und untersuchen, welche Akteure wie beteiligt sind, welche Konflikte auftreten, welche Politikinstrumente genutzt werden und wie verschiedene Institutionen und Akteure von der europäischen bis zur nationalen und lokalen Ebene zusammenarbeiten.“

Die Politikwissenschaft spricht bei der Endlagerung nuklearer Abfälle gern von „wicked problems“ – verzwickten Problemen, die schwierig zu lösen sind, ganz unterschiedliche Interessen berühren und deshalb gerne vertagt werden.

Die hochradioaktiven Abfälle müssen nach den Vorschriften des Bundesumweltministeriums eine Million Jahre lang sicher gelagert werden. Bis dahin dürfen keine radioaktiven und giftigen Substanzen in die Umwelt gelangen. Bis zur Stilllegung der letzten deutschen Atomkraftwerke im Jahr 2022 werden es nach Schätzungen des Bundesamtes für Strahlenschutz knapp 24 000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfälle sein. Nimmt man den leicht– bis mittelradioaktiven Müll hinzu, dürften bis 2050 etwa 297 500 Kubikmeter Abfall entstehen – das entspricht etwa dem Fassungsvermögen von 750 Schwimmbecken.

 

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Nachdem bereits 2008 die Schachtanlage Asse II in die Schlagzeilen geriet, weil salzhaltiges Wasser in das instabile Bergwerk eindringen konnte, und seit einigen Jahren auch berechtigte Zweifel an der Eignung des Salzstocks Gorleben als Standort für die Endlagerung radioaktiver Abfälle bestehen, ist die Frage nach dem Wohin insbesondere des hochaktiven Abfalls heute so ungeklärt wie zu Beginn der Nutzung der Kernenergie.

„Um den gesellschaftlichen Prozess der Endlagersuche zu erforschen, bedienen wir uns des Ansatzes der sogenannten Multi-Level-Governance“, sagt Brunnengräber. Gemeint ist damit ein Ansatz, der alle Akteure und Handlungsebenen in die Analyse einbezieht. Denn letztlich müsse ergebnisoffen und unter Beteiligung aller betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in einem kritischen Prozess gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden, erklärt Brunnengräber: „Dieser Weg muss sowohl politisch und gesellschaftlich als auch wissenschaftlich aktiv begleitet werden.“ Dazu diene die interdisziplinäre Forschungsplattform ENTRIA, denn: „Ohne geologische Kenntnisse und ingenieurtechnisches Wissen kann der Umgang mit radioaktiven Abfällen ebenso wenig gelingen wie ohne die gesellschaftliche Akzeptanz und entspre- chende politische Entscheidungsprozesse.“ 

Eine dieser politischen Vorgaben ist die von der EU-Kommission beschlossene Richtlinie „2011/70/Euratom“. Sie verpflichtet alle Mitgliedsländer, die Kernenergie nutzen, bis 2015 eine Lösung für die Frage der Endlagerung vorzulegen. Das Projekt am Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität soll die Suche nach Möglichkeiten mit einer politik- und sozialwissenschaftlichen Analyse begleiten. 

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Dabei existieren bislang in den wenigsten Ländern Strategien, wie mit den radioaktiven Abfällen dauerhaft umgegangen werden soll. In den USA, Großbritannien, Japan und Litauen konnte man sich bislang nicht auf einen möglichen Ort für den Bau eines Endlagers einigen. In Frankreich erforscht die Atommüllbehörde in einem unterirdischen Labor in Lothringen die örtlichen Ton- und Sedimentgesteinsschichten auf ihre Eignung als Endlager. Spanien und die Niederlande setzten dagegen für mindestens 100 Jahre auf eine oberirdische Zwischenlagerung, um die technische Entwicklung und die Erfahrungen in anderen Ländern in die Entscheidung für ein Endlager einfließen zu lassen, sagt Brunnengräber: „Eine Variante, die das Problem lediglich verschiebt und die Lösung künftigen Generationen auferlegt.“

Einzig in Skandinavien gibt es schon fertige Konzepte für tiefengeologische Endlager: In Schweden soll eine Granit- und Gneisformation in dünn besiedeltem Gebiet neben einem bestehenden Atomkraftwerk als zukünftiges Endlager dienen, Finnland setzt auf ein ähnliches Konzept. Dabei sollen die hochradioaktiven Stoffe in Kupferbehältern eingeschlossen werden. Doch diese Lagerung hat einen Haken: „Man geht davon aus, dass Wasser in die Stollen eindringen wird – und es ist unklar, ob die Kupferbehälter der hohen Radioaktivität, der Wärme des Abfalls und dem Wasser wirklich Jahrtausende standhalten werden.“

Für Deutschland wurde Ende Mai eine Endlager-Kommission mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und aus anderen gesellschaftlichen Gruppen eingesetzt, die bis Ende 2015 das Endlagersuchverfahren vorbereiten soll – und zwar so, dass es gesamtgesellschaftlich akzeptiert wird. Die Umweltverbände verweigerten anfangs noch ihre Mitarbeit, sind aber mittlerweile auch in der Kommission vertreten. Achim Brunnengräber ist sich sicher: „Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass die Suche nach einem Endlager nur Erfolg haben wird, wenn sie von einer breiten Öffentlichkeit getragen wird.“ 

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