"Wir brauchen Notfallpläne fürs Internet"

Ein Gespräch über Datensicherheit

26.09.2013

Jochen Schiller, Professor für Technische Informatik, gehört zum Steuerungskreis des Forschungsforums „Öffentliche Sicherheit“, das an der Freien Universität gegründet wurde. Sven Holbert sprach mit ihm über Datensicherheit und die Gefahren des Internets.

Herr Professor Schiller, Sie haben im September eine Fachveranstaltung über Datenschutz ausgerichtet. Vermutlich hätten Sie kaum einen besseren Zeitpunkt finden können als wenige Wochen, nachdem die Datenspionage des amerikanischen Geheimdienstes NSA in Europa durch Edward Snowden bekannt wurde.

JOCHEN SCHILLER: Das war bei der Planung dieser Veranstaltung nicht absehbar. EU-Kommissarin Viviane Reding, unsere Hauptrednerin, wollte schon früher zu diesem Thema bei uns sprechen. Aber die aktuellen Ereignisse waren natürlich passend, das Medieninteresse riesig. Der Skandal hat nur bestätigt, was wir schon ahnten. Dass die Datenspionage allerdings in diesem Ausmaß geschah, hatten auch wir nicht gedacht.

Sie haben in einem Vortrag über die Grenzen staatlicher Macht bei der Kontrolle des Internets gesprochen – haben die aktuellen Entwicklungen das Thema nicht ad absurdum geführt?

SCHILLER: Nein. In der Öffentlichkeit wird immer nur betrachtet, was der Staat alles überwachen kann. Natürlich kann die NSA sehr viel einsehen, aber das ist nicht die größte Gefahr – auch wenn es nach unserem Datenschutzverständnis klarer Rechtsbruch ist. Andererseits sind mehr als 95 Prozent aller Computer der Welt eingebettete Systeme, etwa Industriesteueranlagen. Auch in die kann man einbrechen. Gegen Großfirmen kann die EU etwas unternehmen, aber gegen Kriminelle, die in irgendeinem Land der Welt sitzen, haben wir nur wenig Chancen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, innerhalb der EU oder der Vereinten Nationen Instrumentarien gegen Verstöße zu schaffen?

SCHILLER: Das wäre ein wichtiger Schritt, aber die organisierte Kriminalität ist nicht auszuschalten. Wir wissen, aus welchen Ländern vorrangig Angriffe erfolgen. Wir wissen aber auch, dass in genau diesen Ländern nichts dagegen unternommen wird.

Zynisch gefragt: Brauchte es für das Internet einen Präzedenzfall, um die Öffentlichkeit zu sensibiliseren – ähnlich wie Fukushima für die Atomenergie-Diskussion?

SCHILLER: Leider ja. Auch Viviane Reding hat gesagt, Edward Snowden sei das Beste, das uns habe passieren können, um unser Datenschutzverständnis weltweit durchzusetzen. Außerdem drohen große Gefahren: In Bangkok sind Kraftwerke testweise relativ einfach vom Internet aus übernommen worden. Es wurde auch schon gezeigt, wie man in medizinische Systeme von Kliniken einbrechen kann. So etwas wird kommen, da muss man kein Prophet sein.

Was wäre Ihre konkrete Forderung an die Politik?

SCHILLER: Zunächst brauchen wir ein Problembewusstsein in der Öffentlichkeit und der Industrie, denn die meiste Infrastruktur ist in privater Hand. Der Staat muss kritische Infrastrukturen schützen. Das tut er beim Verkehr, der Energieversorgung und der Ernährungsvorsorge. Dafür gibt es Notfallpläne, fürs Internet kaum. Auch wäre viel gewonnen, wenn ein Ingenieur nicht einfach alles ans Internet anschlösse, nur weil der Chef vom Handy aus jederzeit seine Produktionsanlagen kontrollieren will.

Das Interview in ganzer Länge: www.fu-berlin.de/campusleben/forschen