Unterwegs in den Tempeln von Uruk

08.08.2013

Sandra Grabowski und Sebastian Hageneuer studierten an der Freien Universität, heute rekonstruieren sie antike Gebäude digital

Rekonstruktion des Tempelturms in Uruk.
Rekonstruktion des Tempelturms in Uruk. Bildquelle: artefacts Berlin/DAI

Es ist wie ein Landeanflug auf Uruk, die erste Großstadt der Welt, errichtet vor mehr als 5000 Jahren in Mesopotamien im heutigen Südirak: Vor dem Hintergrund von Satellitenbildern der Landschaft werden Stadtteile sichtbar, Gebäudekomplexe, bis hin zu einzelnen Häusern und Bewässerungssystemen.

Die antike Stadt wird lebendig. Dass die Besucher der Ausstellung „Megacity Uruk“ im Berliner Pergamonmuseum nicht nur einen Eindruck davon bekommen, wie die Gebäude aussahen, sondern auch, wie sie gebaut und genutzt wurden, ist der Arbeit von Sandra Grabowski und Sebastian Hageneuer zu verdanken: Sie haben für diese Ausstellung Animationen und andere dreidimensionale Visualisierungen zu Uruk erstellt. Konnten von manchen Gebäuden bei Ausgrabungen auch kaum mehr als zwei Reihen Lehmziegel gefunden werden – behutsam und mit Mut zur Lückewurden die Bauten von den beiden auf dem Bildschirm zu neuem Leben erweckt.

Grundlage für die Arbeit von Sandra Grabowski und Sebastian Hageneuer ist die Verknüpfung von technischem, grafischem und archäologischem Fachwissen: Nach ihrem Archäologiestudium an der Freien Universität machten sich die beiden mit dem Grafikbüro „Artefacts“ selbstständig, das sich auf wissenschaftliche 3D-Visualisierungen spezialisiert hat. Wie viel Wissen in diesen auf den ersten Blick beinahe wie Computerspiele anmutenden Grafiken steckt, erfährt man,wenn man mit den beiden Spezialisten durch die Ausstellung geht.

Entstanden sind die Visualisierungen seit 2008 in enger Zusammenarbeit mit Margarete van Ess, die die Ausgrabungen im heutigen Irak seit 1996 leitet und das Grafikbüro beauftragt hat, sowie mit Ricardo Eichmann, der als Spezialist für Architektur im Vorderen Orient zu Uruk forscht. Als Leiter der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) sind die beiden Wissenschaftler auch am Exzellenzcluster Topoi der Freien Universität und der Humboldt- Universität zu Berlin beteiligt.

Sebastian Hageneuer arbeitet ebenfalls in einer Topoi-Forschergruppe zu Monumentalbauten in der Antike mit. 3D-Visualisierungen sind in der Archäologie längst Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses geworden: „Manche Fragen ergeben sich erst, wenn man das Haus am Bildschirm wirklich baut“, sagt Sebastian Hageneuer.

Wie muss eine Treppe verlaufen, damit sie nicht vor einerWand endet?Wie viel Material war nötig, um das Dach zu decken? Die Computermodelle müssen alle Dimensionen zeigen, eine Abbildung von Fassade oder Innenraum allein reicht nicht aus. Die Ergebnisse sind „visualisierte Theorien“, die auch Aufschluss über zeitgenössische Bautechniken geben. In die gestalterische Umsetzung der Theorien fließt Wissen aus verschiedenen Disziplinen ein.

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Mit ihrem Grafikbüro widmen sich Sandra Grabowski und Sebastian Hageneuer der Darstellung antiker Bauten.
Mit ihrem Grafikbüro widmen sich Sandra Grabowski und Sebastian Hageneuer der Darstellung antiker Bauten. Bildquelle: Nina Diezemann

Für die Ausstellung im Pergamonmuseum wurden diese sehr technischen Modelle zwar anschaulicher gestaltet – der Modellcharakter aber soll erhalten bleiben. „Wir wollen auch zeigen, was wir alles nicht wissen“, sagt Sandra Grabowski, die als gelernte Grafikdesignerin vor allem für die Gestaltung zuständig ist. In der Rekonstruktion eines Tempels aus der seleukidischen Zeit im 2. und 3. Jahrhundert v. Chr., der dem Götterpaar Anu und Antum geweiht war, gibt es deswegen auch grau-transparent dargestellte Gebäudeteile, weil Höhe und Verzierung des aufgehenden Mauerwerks ungewiss sind.

Die Arbeit der beiden kann man sich auch als Kombination aus der Arbeit eines Architekten und der eines Detektivs vorstellen. Das wird vor allem bei den fantasievollen Rekonstruktionen in der Ausstellung deutlich; Sebastian Hageneuer und Sandra Grabowski und die Wissenschaftler des DAI haben für die Besucher mithilfe vieler Indizien unter anderem das Alltagsleben in einem Palast mit einer Schreibschule und ein festliches Ritual detailreich dargestellt.

Teilweise handelt es sich dabei um archäologische Funde wie Scherben, aus denen am Computer Krüge und andere Keramikgefäße entstehen. Andere wertvolle Hinweise sind alte, in Keilschrift verfasste Beschreibungen oder auch aktuelles ethnologisches Wissen über das heutige Leben in dieser Region. Die Szene einer Schafswollinspektion auf dem Dach eines Palastes entwarfen die Grafiker etwa nach dem Vorbild heutiger Märkte; für die Größe der Körbe berechneten sie, wie viele Körbe auf einen Esel passen und wie viel Wolle ein Tier tragen kann.

Der Ablauf eines Festes in einem Tempelturm, einer sogenannten Zikkurrat, wurde nach zeitgenössischen Beschreibungen zusammengetragen und in enger Zusammenarbeit mit Margarete van Ess in Einzelheiten dargestellt. Über viertausend Figuren mussten eingekleidet und platziert oder ein Torvorbau entworfen werden, von dem es in altenKeilschriften heißt, er sei „augenbrauen-förmig“.

Aber ob „visualisierte Theorie“ oder fantasievolle Rekonstruktion für eineAusstellung: Die Arbeit an diesen Modellen ist nie abgeschlossen, sagt Sebastian Hageneuer: „Sobald Margarete van Ess wieder im Irak graben kann, gibt es neue Forschungsergebnisse, und die müssen wir wieder einarbeiten.“

Im Internet: www.topoi.org

www.artefacts-berlin.de

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