Modellschönheit mit kleinen Macken

Von der Architekturikone zum Sanierungsfall und zurück: die Geschichte des Gebäudekomplexes für die Geistes- und Sozialwissenschaften.

25.02.2013

Die "Rost- und Silberlaube" erstreckt sich zwischen Habelschwerdter Allee und Fabeckstraße. Auf unserem Luftbild aus dem Jahre 2007 erkennt man die Philologische Bibliothek als eine silberne Halbkugel inmitten des Gebäudekomplexes.
Die "Rost- und Silberlaube" erstreckt sich zwischen Habelschwerdter Allee und Fabeckstraße. Auf unserem Luftbild aus dem Jahre 2007 erkennt man die Philologische Bibliothek als eine silberne Halbkugel inmitten des Gebäudekomplexes. Bildquelle: Bavaria Luftbild
Geplant wurde die "Rostlaube" durch das Büro Candilis-Josic-Woods: Das Bild zeigt Manfred Schiedhelm (re.) und Kollegen mit dem Modellplan.
Geplant wurde die "Rostlaube" durch das Büro Candilis-Josic-Woods: Das Bild zeigt Manfred Schiedhelm (re.) und Kollegen mit dem Modellplan. Bildquelle: Nachlass Manfred Schiedhelm

Es ist der größte Gebäudekomplex der Freien Universität: eine Lernstadt an der Habelschwerdter Allee 45 für teilweise bis zu 20 000 Studierende und Wissenschaftler, die sich täglich in den Bibliotheken, der Mensa, in den Seminarräumen und Büros aufhalten. Vor 50 Jahren, als das Grundstück bebaut werden sollte, standen hier Apfelbäume. Mit dem innovativen Entwurf eines jungen Pariser Architekturbüros, das die Ausschreibung für das „Obstbau-Gelände“ gewonnen hatte, begann die wechselhafte Geschichte der „Rostlaube“, wie der Gebäudekomplex schon kurz nach seiner Fertigstellung zehn Jahre später etwas spöttisch genannt wurde.

 Der Wettbewerbsbeitrag von George Candilis, Alexis Josic, Shadrach Woods und Manfred Schiedhelm – zwei von ihnen waren Mitarbeiter des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier – wurde von der Jury und den Medien euphorisch gefeiert.

Er biete Raum für „eine noch nicht voraussehbare Vielfalt akademischen Lebens“, hieß es in der Begründung der Auswahlkommission. „Eine Modellschönheit, die einfach prämiert werden muss“, lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Jean Prouvé, der die Fassadenelemente mit der Außenhaut aus Corten-Stahl gestaltete, sah seinen Beitrag in der Tradition der französischen Pioniere des Eisenbaus wie Gustave Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms, und vergleichbar mit den Autodesigns von Citroën und Renault. Die Architekten bauten nach einem Baukastensystem, durch das das Gebäude theoretisch sowohl in die Höhe als auch in die Breite wachsen können sollte. Der „antihierarchisch“ angelegte Bau sollte auch im Innern den wechselnden akademischen Bedürfnissen angepasst werden können. Die vielen Gänge sollten zum Begegnungsort der Fächer werden, lichte Seminarräume zum Mitdenken einladen. Die Architekten verstanden ihren Entwurf als gebaute Bildungsutopie.

Die Begeisterung für die künftige Architekturikone schwand allerdings schon während der Bauphase. Die Fakultäten beharrten auf voneinander abgegrenzten Instituten. Bereits Probebauten zeigten, dass der Corten-Stahl nicht nur – wie gewünscht – rostete, sondern durchrostete. Zudem erwiesen sich die hübschen, nischenartigen Einbauregale in der Fassade als weniger belastbar als gedacht.

Doch weil die Villen, in denen die Institute damals dezentral untergebracht waren, aus den Nähten platzen, wurde der Neubau vorangetrieben und das Gebäude am 13. Februar 1973 übergeben – mit dreijähriger Verspätung.

Die drei Fachbereiche Germanistik, Romanistik und Geschichte zogen ein. Irmela von der Lühe, damals wissenschaftliche Assistentin für Mediävistik, heute Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, gehörte zu denen, die ihre Villen 1973 nur ungern verließen, in denen man, wie sie heute sagt, an einem „exklusiven Ort“ eine „besondere Lebensform“ pflegen konnte. Das neue Gebäude war für sie mit Teppichen, bunten Schalensesseln und Schreibtischen mit Hängeregistraturen zwar schick, habe aber auch kalt, sachlich und nüchtern gewirkt.

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Eine "Modellschönheit": Lichthöfe prägen die "Rostlaube" und geben Möglichkeiten zum Entspannen im Freien. Das Bild entstand in den 1970er Jahren.
Eine "Modellschönheit": Lichthöfe prägen die "Rostlaube" und geben Möglichkeiten zum Entspannen im Freien. Das Bild entstand in den 1970er Jahren. Bildquelle: R. Friedrich
In den 1980er Jahren hinterließen Studierende politische Botschaften an der Außenfassade der "Rostlaube".
In den 1980er Jahren hinterließen Studierende politische Botschaften an der Außenfassade der "Rostlaube". Bildquelle: E. Straub

Schon bald rostete es und regnete durch das Dach, erinnert sie sich: „Jetzt stellen Sie sich mal ein Seminar vor mit 150 Leuten vor, es tropft herein, Rauchschwaden ziehen durch den Raum, und man diskutiert nicht über das Seminarthema, sondern erst einmal nur über die Frage, ob man das Seminarthema überhaupt diskutieren soll, wenn doch in Italien Klassenkampf herrscht und in Nicaragua Hunger!“ Nachdem der Gegenstand des Seminars geklärt war, wurde über Rauchverbote diskutiert und abgestimmt. Das galt als Zeichen revolutionären, demokratischen Denkens. Kippen wurden auf den bunten Teppichböden ausgedrückt. Die nüchternen Wände, die zum freien Denken einladen sollten, füllten sich mit Flugblättern, Plakaten und Parolen. Begeisterung weckte bei der jungen Germanistin vor allem die neue Bibliothek, die die Buchbestände aus den vielen kleinen Villenzimmern in einem hellen Raum zusammenführte – auch wenn man sich beim Aufstehen die Nase an den eleganten Leselampen stieß.

Schon 1977, vier Jahre nach der Eröffnung, war die „Rostlaube“ sanierungsbedürftig. Passend für eine vom Fahrzeugdesign inspirierte Fassade schrieb der Spiegel damals: „Karzinomen gleich fressen sich Rostherde durch das Gehäuse – stellenweise schon wie an den Kotflügeln vergammelnder Autos“. Der heute „Silberlaube“ genannte zweite Bauabschnitt des Gebäudes nach Entwürfen Manfred Schiedhelms wurde deshalb 1978 mit rostfreiem Aluminium verkleidet.

Noch heute ist das fast 100 000 Quatratmeter große Gebäude mit seinen 2300 Zimmern nicht nur das größte, das die Technische Abteilung der Freien Universität betreut, sondern auch dasjenige, das die meisten Akten produziert hat.

Nach der Sanierung von 2001 bis 2007, bei der das Architekturbüro des britischen Architekten Lord Norman Foster eine neue, einem Gehirn nachempfundene Bibliothek eingebaut hat und in deren Zuge auch der beim Bau der „Rostlaube“ verwendete Asbest beseitigt wurde, ist der Zustand der 1970er und 1980er Jahre kaum noch vorstellbar. Die Philologische Bibliothek bietet nicht nur eine herausragende fächerübergreifende Sammlung geisteswissenschaftlicher Werke zu Forschungszwecken, sie ist auch einer der beliebtesten Lernorte auf dem Dahlemer Campus.

Die denkmalgeschützte „Rostlaube“ erhielt im Zuge des Bibliotheksneubaus eine neue Außenhaut aus Kupfer, blieb aber mit ihren bunten Teppichen und Türen, Gärtchen, Nischen und Wendeltreppen ähnlich ausgestattet wie bei der Eröffnung vor 40 Jahren. Auch der Erweiterungsbau für die sogenannten „Kleinen Fächer“ wie Altertumswissenschaften oder Altorientalistik sowie eine naturwissenschaftliche Bibliothek, orientieren sich an der architektonischen Idee von Candilis, Josic, Woods und Schiedhelm. Der Bau schließt an die „Silberlaube“ an und soll 2014 eröffnet werden.

Heute sitzen in den hellen Gängen der „Rostlaube“ der Freien Universität– in den wie ein Gitternetz verlaufenden „Straßen“ – Studierende mit Laptops auf den Knien. Sie surfen über das Universitätsnetz im Internet, in das das man sich überall im Gebäude einwählen kann. Auch das ist eine Facette der „noch nicht voraussehbaren Vielfalt akademischen Lebens“, für die der Entwurf 1963 prämiiert wurde.

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