Tanz im Schwarm

Über die Arbeit des Choreografen Thomas Hauert als Gastprofessor.

25.02.2013

Der Choreograf Thomas Hauert und seine Kompanie "Zoo".
Der Choreograf Thomas Hauert mit seiner Kompanie "Zoo". Bildquelle: Ursula Kaufmann

Wäre es nach dem Willen seiner Eltern gegangen, würde der Schweizer Thomas Hauert heute Grundschüler unterrichten. Doch die Liebe zum Tanz führte den damals 22-Jährigen gleich nach Studienabschluss in die Tanzakademie nach Rotterdam statt ins Klassenzimmer. Heute ist Hauert 45 Jahre alt, erfolgreicher Tänzer und Choreograf – und unterrichtete im Rahmen der Valeska-Gert-Gastprofessur im Wintersemester Studierende an der Freien Universität Berlin.

 Elf Studentinnen laufen im Probensaal der Immanuelkirche in Prenzlauer Berg wie wild durcheinander, immer kurz vor dem Zusammenstoß. Auf den ersten Blick: Chaos. Doch bei genauerem Hinsehen erschließt sich das Prinzip: „Die Bewegung ist improvisiert, aber die Beziehung der Tänzer zueinander ist festgelegt“, erklärt Choreograf Thomas Hauert.

Wie durch unsichtbare Fäden aneinander gebunden, bewegen sich die jungen Frauen im Raum. „Mir geht es um Intuition“, sagt er. „Das Unbewusste ist wesentlich raffinierter und komplexer als das, was durch den Trichter des Verstands hindurch musste und bewusst ausgeführt wird. Dabei geht viel zu viel Unverfälschtes verloren.“ Mit seinen Schülern aus dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft übt er deshalb immer wieder neue Bewegungsmuster ein: eine Befreiung für die zum Teil völlig unerfahrenen Tänzerinnen. „Wer zum ersten Mal improvisieren soll, macht nur Bewegungen, die er schon kennt. Das will ich aufbrechen.“

Doch dafür hatte Hauert wenig Zeit: An der Freien Universität gab er drei zweiwöchige Blockkurse, vor einer Woche brachten die Studentinnen die Vision ihres Lehrers in der Akademie der Künste am Pariser Platz auf die Bühne. Mit seiner Kompanie „Zoo“, mit der er seit 15 Jahren tanzt, probt er hingegen drei bis vier Monate an einem Stück – und das mehrere Stunden täglich. Da manche der Studentinnen noch nie zuvor getanzt hatten, reduzierte er die Trainingsdauer. Dennoch resümiert Hauert: „Ich schätze es sehr, dass die Institutsleiterin, Gabriele Brandstetter, den Studierenden solche Angebote macht.“ Das Training schlaucht: Nach vier Stunden sind die Tänzerinnen müde – sie stoßen immer wieder aneinander. Die Konzentration lässt nach. „Normalerweise denkt man nicht über jede Bewegung nach“, erklärt der Choreograf. „Hier aber werden die verschiedenen Sinne immer wieder neu angesprochen, das ist anstrengend.“ In den Workshops mit Thomas Hauert erforschen die Studentinnen nicht – wie sonst im Studium üblich – die Bewegungen anderer, sondern ihre eigenen. Wie bewege ich mich, wenn ich Teil eines Schwarms bin? Was soll ich tun, wenn mir jemand buchstäblich in die Quere kommt? Dies sind Fragen, die Hauert sich auch in seiner Arbeit als Tänzer und Choreograf mit der eigenen Kompanie stellt.

Noch vor seinem Abschluss an der Tanzakademie Rotterdam war er von der berühmtesten Choreografin Belgiens, Anne Teresa De Keersmaeker, verpflichtet worden – ein Ritterschlag für den jungen Tänzer aus einem kleinen Dorf in der Schweiz. „Ich dachte zunächst, ich sei zu alt für eine Karriere als Tänzer“, erzählt Hauert. Erst mit 17 hatte er begonnen, an Tanz-Workshops teilzunehmen. Doch spätestens bei De Keersmaekers Kompanie stellte der Choreograf fest: Es ist nie zu spät.