Depressionen können ansteckend sein

Psychologin der Freien Universität untersucht, welchen Belastungen Familienmitglieder von Erkrankten ausgesetzt sind.

13.12.2012

Depression: Eine gesunde Distanz ist wichtig, damit Angehörige sich nicht bei depressiven Partnern "anstecken".
Depression: Eine gesunde Distanz ist wichtig, damit Angehörige sich nicht bei depressiven Partnern "anstecken". Bildquelle: Eduard Titov / istockphoto

In den vergangenen Jahren hat die Volkskrankheit Depression viel Aufmerksamkeit in den Medien erlangt. Dazu beigetragen hat möglicherweise der Suizid Robert Enkes, Torwart des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, der unter Depressionen gelitten hatte. Die Trauerfeier im November 2009 im Stadion seines Vereins wurde im Fernsehen übertragen. Durch den Auftritt seiner Witwe Teresa Enke an diesem Tag rückte eine Personengruppe in das Licht der Öffentlichkeit, über deren seelisches Leid wenig bekannt ist: die Angehörigen depressiver Patienten.

Rund die Hälfte der Partner depressiver Patienten entwickelt in akuten Belastungszeiten selbst eine Depression.

Und trotzdem wird die Situation der Angehörigen bislang nur stiefmütterlich behandelt, nicht nur in den Medien, vor allem auch in der klinischen Praxis. Jeannette Bischkopf trägt seit einigen Jahren dazu bei, dieses Versäumnis auszugleichen. Sie ist promovierte Psychologin und wissenschaftliche Assistentin am Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie der Freien Universität. „Es gibt in Deutschland zu diesem Thema bisher zu wenig Informationen, und die Unterstützung der Angehörigen wird nur unzureichend finanziert“, sagt Bischkopf. Die Gesellschaft müsse stärker für die Lage von Familienmitgliedern depressiver Menschen sensibilisiert werden. „So nah und dch so fern“ ist der Titel eines Ratgebers von Jeannette Bischkopf, der das Leben Angehöriger mit depressiv Erkrankten thematisiert und der eine Grunderfahrung auf den Punkt bringt: Die Erkrankten wirken auf die Angehörigen oft unzugänglich, abwesend und fremd. Eine erste große Hürde – auch für die Fam sei es, die Depression überhaupt als solche zu erkennen. Denn die Krankheit hat viele Gesichter, sie kommt schleichend und langsam. Bevor die Diagnose Depression gestellt wird, bleibt den Angehörigen das Verhalten der Betroffenen meist rätselhaft. „Aufgrund der Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit fällt es ihnen zunehmend schwer, die Reaktionen des anderen nachzuvollziehen“, erläutert die Psychologin. Dennoch seien die Familienangehörigen oft die ersten, die Veränderungen bemerkten und eine Behandlung in die Wege leiteten.

Mit der Diagnose verschwänden die Probleme natürlich nicht. „Wie bei anderen Erkrankungen müssen die Angehörigen viele Aufgaben des alltäglichen Lebens schultern, sich beispielsweise nun allein um die Kinder und den Haushalt kümmern“, sagt Jeannette Bischkopf. Auch die Beziehung zum Partner leide, da die Betroffenen oft sehr negativ und aggressiv seien. „Durch die Linse der Depression sehen sie alles verzerrt.“ Selbst harmlose Bemerkungen verstehen sie als Angriff auf die eigene Person. Dem gesunden Partner fällt es nicht immer leicht zu erkennen, ob gerade die Krankheit aus dem Betroffenen spricht oder die Person selbst. Sie fühlen sich zurückgewiesen und nicht mehr geliebt, was letztlich eine Beziehungskrise auslösen kann.

„Die Angehörigen müssen sich aber immer wieder vor Augen halten, dass oft die Krankheit das Verhalten des Familienmitglieds bestimmt“, betont Jeannette Bischkopf. Gleichzeitig dürften sie sich nicht alles gefallen lassen. „Sie müssen Grenzen setzen und auch auf ihre eigenen Bedürfnisse achten – es ist schließlich nicht ihre Erkrankung.“ Letztlich könnten sie dem anderen nur helfen, wenn sie selbst gesund blieben. Doch das ist leichter gesagt als getan: Denn Stimmungen sind ansteckend. Das gilt nicht nur für das herzliche Lachen eines Gegenübers, sondern ebenso für negative Stimmungen. „Teilnehmer verschiedener Studien, die mit Depressiven sprachen, schätzten sich danach selbst depressiver ein“, erklärt Bischkopf. Besonders akute Krisen belasteten den gesunden Partner sehr. „Bei starkem, anhaltendem Stress ist das Risiko erhöht, selbst depressiv zu reagieren.“ Gerade die Kommunikation mit dem Erkrankten könne viel Kraft kosten. Betroffene suchen in vielen Fällen nach ständiger Bestätigung. Doch ganz gleich, wie viel positives Feedback die Familienmitglieder ihm geben, zweifeln sie die Bestätigung an. Das kann wiederum bei den Angehörigen zu Frustration bis zu einer Art von Ausbrennen führen. „Daher ist es für sie ungeheuer wichtig, positive Gefühle und Situationen aufzusuchen, um gesund zu bleiben“ betont Jeannette Bischkopf. Auch wenn das Leid Angehöriger bisher wenig Aufmerksamkeit findet, müssten sie nicht alleine damit zurechtkommen. „Es gibt die Möglichkeit, in die Behandlung des Erkrankten einbezogen zu werden“, sagt die Psychologin. „Manche machen gleich eine Paar- oder Familientherapie.“ Eine weitere Option sei die Angehörigenselbsthilfe. „Menschen mit ähnlichem Schicksal können dort Erfahrungen und Informationen austauschen.“ So wichtig es also ist, depressiven Familienmitgliedern beizustehen: Die Angehörigen sollten ihre eigene Gesundheit nicht vernachlässigen. Christian Wolf

Kontakt: Angehörigen-Selbsthilfe, Telefon: 030 / 86 39 57 01; Berliner Krisendienst, Telefon: 030 / 390 63 00