In Sambia Schimpansen studieren

In einer Auffangstation für Menschenaffen in Afrika sollen Studierende Feldforschung betreiben / Spender gesucht.

13.12.2012

Keine Kuscheltiere: Schimpansin Masha.
Keine Kuscheltiere: Schimpansin Masha. Bildquelle: K. Liebal/ D. Haun
Das Schimpansenmännchen Nicky hält ein Nickerchen in der Sonne.
Das Schimpansenmännchen Nicky hält ein Nickerchen in der Sonne. Bildquelle: K. Liebal/ D. Haun
Forscher beobachten neben Masha und Nicky auch das neugierige Jungtier Max.
Forscher beobachten neben Masha und Nicky auch das neugierige Jungtier Max. Bildquelle: K. Liebal/ D. Haun

Schimpansen, die miteinander spielen, sich gegenseitig das Fell pflegen oder um ihren Platz in der Rangordnung kämpfen – in Chimfunshi, einer Auffangstation in Sambia, können Wissenschaftler die Menschenaffen aus der Nähe beobachten. Demnächst sollen auch Studierende der Psychologie der Freien Universität Berlin die Möglichkeit bekommen, bereits im Studium erste Erfahrungen in der Feldforschung im südlichen Afrika zu sammeln. „Chimfunshi bietet die einzigartige Möglichkeit, das komplexe Sozialverhalten von Schimpansen in ihrer fast natürlichen Umgebung zu beobachten“, erzählt Katja Liebal, Juniorprofessorin für Evolutionäre Psychologie an der Freien Universität.

Sie führt dort eine Studie zum multimodalen Emotionsausdruck durch und erforscht, welche Gestik und Mimik Schimpansen benutzen, um miteinander zu kommunizieren.

Für Forscher sind die riesigen Gehege, in denen etwa 140 Tiere leben, ein idealer Ort für Studien. Katja Liebal und ihre Kollegen beobachten die Affen von Plattformen aus, denn direkter Kontakt mit den Schimpansen ist verboten. „Schimpansen sind keine Kuscheltiere“, sagt Liebal, „sie sind dem Menschen körperlich bei Weitem überlegen. Das Gehege stelle ihr Territorium dar, das man als Mensch respektieren sollte.“ Die Affen stammen aus verschiedenen Regionen Afrikas, denn in Sambia selbst gibt es keine Schimpansen. Die meisten gelangten in dieses „Waisenhaus“, nachdem ihre Mütter von Wilderern getötet und sie als Haustiere gehalten wurden. Durch die wissenschaftliche Arbeit wird die Aufmerksamkeit auch auf das Anliegen von Chimfunshi gerichtet – Tierschutz und Forschung ergänzen sich hier sinnvoll.

Die Idee, dass bereits Studierende eine kleine Beobachtungsstudie durchführen und auf diese Weise auch ein afrikanisches Land und den Alltag der Menschen dort kennenlernen, stammt von Katja Liebals Kollegen Mark Bodamer, Professor für Vergleichende Psychologie an der Gonzaga University in den USA. Er fährt seit mehr als zehn Jahren mit einer Gruppe von Studierenden nach Chimfunshi. Bei diesem „Studium im Feld“ können die Studierenden der Psychologie und Biologie Verhaltensbeobachtungen an Schimpansen durchführen, an Exkursionen in die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt Sambias teilnehmen oder in der Schule des Ortes unterrichten. Während dieser Zeit leben sie in einem Camp, kochen gemeinsam und beenden ihren Tag am Lagerfeuer – gemeinsam mit Bewohnern des Ortes und den hier arbeitenden Wissenschaftlern. Und auch Chimfunshi profitiert vom Aufenthalt der Studierenden, da die Einnahmen aus Übernachtungs- und Forschungsgebühren direkt in das Projekt fließen.

Chimfunshi, vor 30 Jahren von David und Sheila Siddle gegründet, nimmt heute neben seiner Rolle als Auffang- und Forschungsstation auch eine wichtige Funktion als soziales und Bildungsprojekt ein. Finanziert wird Chimfunshi vor allem durch die Spenden des deutschen Vereins „Chimfunshi – Verein zum Schutz bedrohter Umwelt“. In Sambia leben mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Vor diesem Hintergrund ist Chimfunshi ein bedeutender lokaler Arbeitgeber geworden: Etwa 70 Familien mit 250 Menschen leben und arbeiten hier – darunter Tierpfleger, technisches Personal und Servicekräfte. Geleitet wird Chimfunshi sehr erfolgreich von Innocent Mulenga, der in Sambia geboren ist und in Großbritannien an der Oxford University seinen Master in dem Studiengang Erhaltung und Schutz von Primaten absolviert hat. Für die Kinder der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde mit Spendengeldern eine Schule errichtet, die zur Zeit erweitert wird. Außerdem bestehen enge Kontakte zu einem Frauenzentrum in der nächstgelegen Stadt, einer Einrichtung, in der Misshandelten Zuflucht geboten wird.

In Kooperation mit Mark Bodamer und Daniel Haun vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Psychologie in Leipzig möchte Katja Liebal nun auch ein solches Programm für Studierende der Freien Universität anbieten. Einziger Wermutstropfen sind die hohen Kosten, die sich einschließlich Flug, Unterkunft und Versorgung vor Ort auf etwa 2500 Euro pro Person belaufen. Da wohl nur wenige Studierende sich das leisten können, ist Katja Liebal derzeit auf der Suche nach möglichen Finanzierungsquellen und Spendern, die dieses Projekt unterstützen. Das Programm sei nicht nur für Studierende interessant, die das Verhalten unserer nächsten Verwandten erforschen möchten, sagt Katja Liebal: „Es geht vor allem auch um das Kennenlernen einer anderen Kultur, den Austausch mit den Menschen vor Ort und Einblicke in die vielen Facetten von Chimfunshi, die zeigen, wie wichtig solche Projektes sind.“

Informationen zum Projekt „Studium im Feld“:

Katja Liebal, Freie Universität Berlin, E-Mail: katja.liebal@fu-berlin.de, Telefon: 030/838-57846

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