„Es war eine Entscheidung von Tag zu Tag“

Der Doktorand Manolis Ulbricht forschte für seine Dissertation über die erste Koranübersetzung zwei Jahre in Syrien.

13.12.2012

Der Doktorand Manolis Ulbricht verbrachte für sein Forschungsprojekt zwei Jahre in Syrien. In Damaskus sowie in Ägypten und im Libanon analysierte er die erste Übersetzung des Koran aus dem 8./9. Jahrhundert vom Arabischen ins Griechische. Er untersucht dabei auch die Sicht des byzantinischen Theologen Niketas von Byzanz (9. Jh.) auf den Islam in dessen islamkritischer Streitschrift, in der die Übersetzung zur Polemisierung gegen den Islam zitiert wird. Während des Aufenthalts begannen die Unruhen in Syrien. Im September kehrte Ulbricht zurück.

Herr Ulbricht, was macht die Übersetzung aus heutiger Sicht so interessant – abgesehen davon, dass sie die erste historisch verbürgte ist?

Es ist bemerkenswert, wie genau die Übersetzung ist.

Sie ist sehr akkurat in fast jeder Hinsicht, sie versucht auch etymologisch, grammatikalisch und syntaktisch, den Koran nahezu wortgetreu wiederzugeben. Aber es gibt Abweichungen, die wohl daraus entstanden sind, dass die Übersetzung durch eine christliche Sichtweise auf den Koran geprägt wurde. Diese Abweichungen machen es spannend, den Text zu lesen, die Unterschiede zwischen dem Arabischen und Griechischen zu interpretieren und die historischen Schlüsse daraus zu ziehen.

Können Sie ein Beispiel für eine Abweichung in der Übersetzung geben?

In einer Reihe von Fragmenten, in denen im Koran von Christus in Verbindung mit dem Ausdruck „ein Wort Gottes“ die Rede ist, wird in der Übersetzung durchweg der bestimmte Artikel gebraucht, also „Christus, das Wort Gottes". Der im Griechischen benutzte Begriff „o Logos“, und besonders der bestimmte Artikel, weisen ganz klar auf den Christus im christlichen Sinne hin. Das führt entsprechend weitreichende christliche Implikationen mit sich, etwa die Lehre seiner Gottessohnschaft, was ja gerade im Islam und im Koran selbst strikt abgelehnt wird.

Was wissen Sie über den Autor der Übersetzung? Warum hat er den Koran übersetzt?

Der Übersetzer ist anonym. Wir wissen wenig – und deshalb müssen wir vorsichtig arbeiten. Dafür, dass jemand die Übersetzung dieses schwierigen Buches, des Koran, auf sich genommen hat, muss es einen handfesten Beweggrund gegeben haben. Es gäbe die Möglichkeit, dass er polemisieren wollte und deshalb den Sinn des Koran verdrehte. Mir erscheint es jedoch plausibler, dass er die neu aufgekommene religiöse Bewegung, den Islam – den er vielleicht noch gar nicht als eigenständige Religion wahrgenommen hat, sondern zunächst nur als einen christlichen Irrglauben –, erst einmal verständlich machen wollte für den griechischen Leserkreis und die christlichen Byzantiner. Dass der Übersetzer Christ war oder zum Christentum übergetreten, davon gehe ich inzwischen aus. Es könnte seinem kulturellen Hintergrund geschuldet gewesen sein, dass er Passagen aus einer christlichen Sichtweise las.

Der Koran beschäftigt Sie seit Ihrem Studium. Was fasziniert Sie daran?

Es sind die Quellen, die mich faszinieren. Das fing schon damit an, dass ich als Neunt- und Zehntklässler morgens immer ein bisschen früher aufgestanden bin, um die Bibel zu lesen und Passagen in einem Heftchen zusammenzufassen. Mein Interesse für den Koran als Quelle entstand aus meinem Interesse für das Arabische und die arabische Welt.

Aber woher kommt diese Faszination für Quellen?

Das frage ich mich auch. Ich habe einen großen Teil meiner Kindheit, vor allem die Ferien, in Griechenland im Heimatdorf meiner Familie mit Blick auf den Olymp verbracht. Ich habe dort die griechischen Sagen gelesen und konnte mir das alles gut vorstellen. Hinzu kommt mein Hang zur Geschichte an sich. Und wenn ich etwas mache, möchte ich es gern gründlich machen, also „von der Quelle“ her.

Ist das der Grund, weshalb Sie zwei Jahre in Syrien waren, um für Ihr Promotionsprojekt zu forschen?

Ja, das Land ist historisch gesehen sehr spannend für mein Forschungsgebiet. Es ist eine Schnittstelle zwischen dem Byzantinischen Reich und den islamischen Eroberungsgebieten. Damaskus war von Mitte des 7. Jahrhunderts an für etwa ein Jahrhundert Hauptstadt des umayyadischen Kalifates, des jungen islamischen Reiches. Dort kann man die Symbiose beider Kulturkreise auch heute noch sehr gut fassen, historisch-archäologisch ebenso wie anhand der Schriften. Auch der Übersetzer stammt vielleicht aus diesem Gebiet.

Welche Recherchen konnten Sie dort betreiben?

Ich saß häufig auf dem Boden der Umayyaden-Moschee und nahm Unterricht bei muslimischen Gelehrten in Koranlesung, Koranauslegung, islamischer Doktrinlehre und in der Prophetentradition, Sunna genannt. Den Koran und die muslimischen Interpretationswerke aus muslimischer Sicht zu lesen, ist wichtig, um die Übersetzung des Korantextes verstehen und interpretieren zu können. Außerdem wollte ich das christliche Erbe und die Tradition besser verstehen, in der der Übersetzer gearbeitet hat. Das Christentum ist in dieser Region entstanden und die frühen christlichen Gelehrten kommen von dort. Deshalb bin ich auch in orthodoxe Klöster im Libanon und in Ägypten gereist und habe in deren teils alten Bibliotheken nach liturgischen Texten und Manuskripten gesucht, die mit meinem Thema in Verbindung stehen.

Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Ich habe vor allem mein Verständnis erweitert, die antiken Texte, die 1500 Jahre und älter sind, richtig zu lesen und Hinweise erkennen zu können. In der Koranübersetzung zum Beispiel wird der Terminus „Sure“, also ein „Abschnitt im Koran“, als „Ode“ wiedergegeben. Das ist zunächst eine etwas überraschende Übersetzung, jedoch mit großer Tragweite: Eine Ode ist im byzantinischen liturgischen Sprachgebrauch eine gewisse Gattung von einem Kirchenhymnus, der innerhalb der byzantinischen Liturgie gesungen wird. Hätte ich mich nicht in den byzantinischen Klöstern aufgehalten, hätte ich solche Nuancen nicht wahrnehmen und meine Schlüsse daraus ziehen können.

Welche Rolle spielte die kritische Haltung des Theologen Niketas von Byzanz gegenüber dem Koran im Mittelalter, und welche spielt sie heute, zwölf Jahrhunderte nach der Übersetzung, in der islamischen Welt?

Wir eröffnen mit dieser Frage ein neues Forschungsfeld. Niketas von Byzanz, der im 9. Jahrhundert lebte, zitiert die Koranübersetzung, über die ich forsche, in seiner Streitschrift gegen den Islam. Es ist nachgewiesen, dass er mindestens bis ins 12. Jahrhundert Einfluss auf viele byzantinische Schriften hatte. Ob sein Islambild sogar vielleicht auch bis ins lateinische Mittelalter mitbestimmend war, muss noch aufgearbeitet werden. Es gibt starke Hinweise dafür, dass er eine der prägenden Personen blieb. Die Koranverse jedenfalls, die benutzt werden, um gegen den Islam zu polemisieren, sind seit seiner Zeit bis heute mehr oder weniger die gleichen.

Als Sie in Syrien ankamen, hatten die Proteste im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings dort noch nicht begonnen. Wie haben Sie den Beginn im März 2011 in Damaskus erlebt?

Wir waren alle sehr überrascht, es war eine Zeit großer Unsicherheit und Angst. Ich war mit einem DAAD-Stipendium in Syrien. Auch ich musste letztlich das Land verlassen, da waren die anderen Mitstipendiaten bereits abgereist. Im August 2011 bin auf eigene Faust zurückgekehrt und habe das zweite Jahr selbst organisiert.

Inwiefern war Ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt?

Ab Anfang 2012, vor allem nach den Bombenanschlägen in Damaskus, wurde das Leben immer umständlicher. An verschiedenen Stellen hatten Sicherheitskräfte plötzlich Straßen gesperrt oder Panzersperren aufgebaut. Es wurde immer schwieriger, sich innerhalb der Stadt zu bewegen, man wusste nie, was einen erwartet.

Haben Sie sich einmal so unsicher gefühlt, dass Sie erwogen haben, den Aufenthalt aus Sicherheitsgründen abzubrechen?

Es war eine Entscheidung von Tag zu Tag, und die Lage wurde immer ernster. Wir haben vor allem ab dem Frühjahr Tag und Nacht Kämpfe, Artilleriebeschuss und Militärhubschrauber gehört. Als die deutsche Botschaft, später auch die griechische, geschlossen wurde, war ich quasi ganz auf mich allein gestellt. Ziel war es, eine Publikation auf Arabisch über den Stand meiner Forschung abzuschließen und arabische Vorträge unter anderem am Orient-Institut Beirut zu halten. Diese Ziele konnte ich bis August 2012 in Syrien erreichen.

Inzwischen waren Sie zu Forschungszwecken in der Türkei und in Griechenland. Planen Sie in nächster Zeit wieder einen Auslandsaufenthalt, womöglich wieder im Nahen Osten?

Ich werde zu kürzeren Reisen erneut in den Nahen Osten fahren müssen. Doch jetzt ist erst einmal die Zeit gekommen, alles zu ordnen und niederzuschreiben. 2014 will ich meine Promotion abschließen. Ich werde in nächster Zeit viel in der Philologischen Bibliothek sitzen und wohl einmal nach Rom reisen, um dort vatikanische Manuskripte zu sichten. Die zwei Jahre in Syrien haben mich persönlich und menschlich sehr geprägt, und meine wissenschaftlichen Ziele für meine Promotion habe ich dort erreicht. Nun ist die richtige Zeit, wieder ein klassischer europäischer Forscher zu werden.

Die Fragen stellten Kerrin Zielke und Carsten Wette.