Gründungshilfe wird zum Exportschlager

13.12.2012

In Deutschland ist sie die Krankheit der Junkies – in Ägypten eine Volksseuche: Bis zu 50 Prozent der Bevölkerung sind dort mit Hepatitis C infiziert, die meisten von ihnen leiden chronisch darunter. Ursache ist eine Hilfsaktion der Regierung. Die ägyptische Gesundheitsbehörde behandelte mithilfe der Weltgesundheitsorganisation jahrelang die Bevölkerung mit Kaliumantimonyltartrat, um eine durch Saugwürmer ausgelöste Krankheit zu bekämpfen. Weil die verwendeten Glasspritzen offenbar nicht ausreichend desinfiziert worden waren, übertrug man das damals noch unbekannte Hepatitis-C-Virus und infizierte große Teile der ägyptischen Bevölkerung.

Der Chemiker Hassan Azzazy und sein Team von der American University in Cairo sind dabei, einen diagnostischen Schnelltest zu entwickeln, um das Virus im Blut nachzuweisen und die Folgen der Massenerkrankung in den Griff zu bekommen. Denn die gängige Diagnose ist langwierig und teuer: Rund 100 US-Dollar kostet die aufwendige Prozedur, zudem fehlt es im Land an Laboren und technischer Ausstattung. Damit der Forscher seine Erfindung zur Marktreife entwickeln kann, ist er auf Hilfe angewiesen – und die kommt von der Freien Universität: Seit Juni 2009 ist die Hochschule an einem von der Europäischen Union geförderten Tempus-Projekt beteiligt. In diesem Rahmen hilft sie den Partneruniversitäten in Ägypten, Stellen aufzubauen, die den Technologietransfer von der Universität in die Industrie begleiten. „Wir haben mit unserer Gründungsförderung „profund“ über Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt, wie man junge Forscher dabei unterstützen kann, ihre Ideen zu schützen, Unternehmen zu gründen und Kooperationspartner zu finden“, sagt Steffen Terberl, Leiter des Teams Wissens- und Technologietransfer in der Forschungsabteilung der Freien Universität: „Im Rahmen des Tempus-Projekts haben wir mit drei weiteren europäischen Universitäten unsere Modelle für den Technologietransfer von der Hochschule in den Markt in Ägypten vorgestellt, und wir haben mit den Kollegen vor Ort über Konzepte diskutiert und sie bei der Umsetzung beraten.“

Nun, nach drei Jahren, ist das Programm ausgelaufen – und fruchtbare Kontakte sind entstanden: So besuchten Vertreter der vier beteiligten ägyptischen Universitäten – American University in Cairo, Helwan University, Cairo University und Assiut University – Einrichtungen in Berlin. Mitarbeiter der Freien Universität begutachteten in Ägypten den Aufbau von Beratungsstellen und halfen mit ihrer Erfahrung, eine leistungsfähige Förderstruktur aufzubauen.

„Wir haben uns in den vergangenen Jahren hauptsächlich darauf konzentriert, gute Ideen zu erkennen, die in unseren Einrichtungen entwickelt wurden. Diese Ideen haben wir schützen lassen und vermarktet“, sagt Ahmed Ellaithy, Direktor des Technologiertransfer-Büros der American University. „In Sachen Wirtschaftsförderung haben wir viel durch den Austausch mit den Kollegen in Berlin gelernt." Die Verantwortlichen der Universitäten in Ägypten haben erkannt, dass es nicht reicht, Technologien zu entwickeln und zu patentieren, um von den Forschungsergebnissen auch finanziell zu profitieren. „Was Ägypten braucht, sind unternehmerisch tätige Wissenschaftler“, sagt Gründungsförderer Terberl. Allerdings fehle es noch an Vorbildern, denn Unternehmertum sei bei Akademikern dort gesellschaftlich nicht so hoch angesehen wie eine Berufsperspektive als Angestellter. „Wir akquirieren derzeit weitere Fördermittel, um die Verantwortlichen in den Einrichtungen in Ägypten weiter zu schulen. Denn unternehmerisch erfolgreiche Wissenschaftler sind die besten Multiplikatoren.“

Doch auch für die Mitarbeiter der Freien Universität war die Kooperation mit den ägyptischen Universitäten lehrreich. „Die Aufbruchstimmung, die während des Arabischen Frühlings in Ägypten geherrscht hat, war für uns sehr motivierend. Das Projekt hat einmal mehr gezeigt, wie man mit hochqualifizierten Leuten viel bewegen kann“, sagt Terberl. Für den Chemiker Hassan Azzazy jedenfalls hat sich die Zusammenarbeit mit den Berliner Kollegen gelohnt: Die Freie Universität konnte dank ihrer guten Vernetzung Kontakte zu möglichen Kooperationspartnern in Deutschland herstellen. Seinem neuen Diagnoseverfahren könnte so der Durchbruch gelingen.

Im Internet:

www.fu-berlin.de/profund