Ein glatter Gewinn

Martin Brunner leitet das Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg an der Freien Universität Berlin.

27.08.2012

Martin Brunner ist neuer Leiter des Instituts für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg an der Freien Universität.
Martin Brunner ist neuer Leiter des Instituts für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg an der Freien Universität. Bildquelle: Michael Miethe

Manchmal kann Mathematik richtig knifflig sein. Besonders, wenn alles augenscheinlich so einfach ist: Da haben Herr und Frau – nennen wir sie Berger – vor drei Jahren für jeweils 10 000 Euro Aktien gekauft. Im ersten Jahr steigt der Wert der Aktien um sechs Prozent, im zweiten gegenüber dem Wert nach einem Jahr noch einmal um 25 Prozent – im dritten Jahr allerdings fallen die Kurse wieder: um 25 Prozent gegenüber dem zweiten Jahr. Zwei Jahre im Plus, ein Jahr im Minus. Haben die Bergers nun Gewinn gemacht oder Verlust?

Die Schülerinnen und Schüler aller 8. Klassen in ganz Deutschland mussten diese Frage im vergangenen Jahr bei den sogenannten „Vergleichsarbeiten“, kurz VERA, beantworten.

Seit dem Schuljahr 2007/2008 soll durch dieses Projekt ermittelt werden, wie die von der Kultusministerkonferenz verabschiedeten Bildungsstandards an den bundesrepublikanischen Schulen umgesetzt werden. Getestet werden in jedem Jahr alle dritten und achten Klassen, die Drittklässler in Mathematik und Deutsch, die Achtklässler in Mathematik, Deutsch und der ersten Fremdsprache.

Die Kultusministerien in Berlin und Brandenburg haben dafür eine in Deutschland aufgrund ihrer universitären Einbettung einmalige Einrichtung geschaffen: das Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg (ISQ). Es ist an der Freien Universität Berlin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie angesiedelt.

Professor Martin Brunner hat im Juli die wissenschaftliche Leitung und Geschäftsführung des Instituts übernommen. Er will den Austausch zwischen Forschung, Bildungsadministration und schulischer Praxis weiter vorantreiben. „Politik und Ministerialverwaltung haben nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 neue Rahmenbedingungen geschaffen, um die Ausbildung an den Schulen zu verbessern“, sagt er. „Eine unserer zentralen Aufgaben ist es, herauszufinden, wie sich nach den strukturellen Veränderungen die Bildungserträge des Schulwesens entwickeln.“

Bei VERA werden die erhobenen Daten gleich in vierfacher Weise ausgewertet: Die Bildungsministerien erhalten eine Übersicht, wie sich das Leistungsniveau in den Bundesländern darstellt; die Schulleitungen erhalten das Ergebnis ihrer Schule zusammen mit Vergleichswerten, um den Leistungsstand ihrer Schule einordnen zu können. Die Lehrkräfte bekommen ein Bild vom Leistungsstand ihrer Klasse, und schließlich erhalten auch Eltern und Schüler eine Übersicht über die Stärken und Schwächen des Einzelnen.

Neben den VERA-Daten wertet das ISQ an der Freien Universität auch die Ergebnisse der Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss (MSA) und das Zentralabitur aus. Alleine VERA erreicht damit jährlich rund 45 000 Schüler in Berlin und Brandenburg. „Jede Abiturientin, jeder Abiturient hat also im Laufe der Schulzeit vier Mal Kontakt zu uns.“

Nächste Seite

Dass Statistiken für die Schulen immer wichtiger werden, weiß auch Wolfgang Wendt, der als wissenschaftlicher Angestellter in der Senatsverwaltung das ISQ mitentwickelt hat und seit dessen Gründung 2006 dort arbeitet: „In der Lehrerausbildung wurde bis vor kurzem keine Expertise für schulbezogenes Datenmaterial vermittelt. Wir haben daher nach Möglichkeiten gesucht, den Schulen, den einzelnen Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern zu helfen, wie anhand von Daten aussagekräftige Hinweise auf den Leistungsstand zu gewinnen sind, damit auf Schwächen rechtzeitig reagiert werden kann.“

Doch wie wird aus Daten Unterricht? Dieses Übersetzungsproblem soll im Rahmen der Ausbildung an der Universität zukünftig besser gelöst werden. „Seinerzeit ist bewusst entschieden worden, die empirisch-statistische Qualitätssicherung und -entwicklung der Schulen nicht einer nachgeordneten Behörde zu überlassen, sondern die Universität einzubinden. Ziel ist es, das erforderliche Expertenwissen der Wissenschaft zu nutzen und umgekehrt ohne institutionelle Schranken eine Datengrundlage für weitere Forschungen anzubieten“, sagt Wendt. „Wir müssen die Praxis der Lehrkräfte und die wissenschaftliche Praxis der Datenanalyse stärker miteinander verknüpfen. Die Berufung von Martin Brunner ist ein weiterer Schritt, dieses Ziel zu erreichen, denn ein Hochschullehrer als Leiter des Instituts macht die Brückenfunktion des ISQ als Mittler zwischen den Welten Bildungsadministration, Schule und Wissenschaft deutlich.“

Eine solche Brücke stellt auch das Selbstevaluationsportal dar, das das ISQ unter der Leitung von Holger Gärtner entwickelt hat. Es soll den Lehrkräften ein Werkzeug an die Hand geben, um die eigene Unterrichtsqualität messen zu können. Spricht die Lehrkraft laut und deutlich? Gibt es zu Beginn des Unterrichts einen Überblick zur Gliederung der Stundeninhalte? Ist der Unterricht spannend? Geht die Lehrkraft auf Schülerideen ein? Auch fachspezifische Befragungen können angelegt und individuell angepasst werden. Die Schülerinnen und Schüler antworten anonym und online auf die Fragen, die zuvor ihre Lehrkraft selber beantwortet hat, um Selbst- und Fremdbild des Unterrichts miteinander vergleichen zu können. Die Berliner Senatsbildungsverwaltung hat jede Lehrkraft verpflichtet, das Angebot mindestens alle zwei Jahre einmal zu nutzen. Die Auswertung erfolgt automatisch und anonym über die Server des ISQ, sodass die Ergebnisse in der Hoheit der Lehrerinnen und Lehrer bleiben. Anonymität ist hier wichtig, denn wie Gärtner sagt, „möchten wir den Lehrkräften helfen, ihre Unterrichtsqualität zu verbessern, ohne dass sie bei schlechten Ergebnissen Sanktionen seitens der Schulleitung fürchten müssen.“

Seit dem Start vor vier Jahren wurde die Selbstevaluation mittlerweile schon 4000 Mal von den Lehrkräften an Berliner und Brandenburger Schulen benutzt – und auch die anderen Analysen des ISQ werden immer häufiger angefragt. „Es braucht bei solchen Projekten immer eine gewisse Anlaufzeit“, sagt Martin Brunner. „Zunächst gibt es Berührungsängste, dann macht eine Lehrkraft gute Erfahrungen mit unserer Arbeit; das spricht sich im Kollegium herum, und so wächst unsere Bekanntheit und Akzeptanz stetig.“

Herr und Frau Berger haben übrigens 62,50 Euro Verlust gemacht. Das ISQ dagegen ist für Schulverwaltung, Klassenlehrer, Eltern und Schüler im siebten Jahr seit Beginn der Investition ein Gewinn.

Seite