Stürme blitzschnell vorhersagen

Meteorologen der Freien Universität arbeiten an einer Verbesserung von Sturmwarnungen.

27.08.2012

Kein Sturm, sagt Uwe Ulbrich, bleibe heute „ungewarnt“. Soll heißen: Von einem Sturm wird heute niemand mehr überrascht, denn die moderne Meteorologie kann jeden vorhersehen. Von Kyrill etwa, dem legendären Orkan im Januar 2007, wussten die Wetterkundler schon fünf Tage im Voraus. Doch Ulbrich, Professor für Meteorologie an der Freien Universität Berlin, genügt das nicht. „Der Sturm hat erst abends eingesetzt, trotzdem wurden schon vormittags Schulen geschlossen, was Eltern vor erhebliche Probleme stellte.“

Die zentrale Frage für den Forscher ist daher: Hätten wir es zeitlich besser eingrenzen können? Und: Welche Informationen brauchen Krisendienste wie Feuerwehr und Technisches Hilfswerk, um optimal vorbereitet zu sein? Vor einer einzelnen Böe kann bis heute selbst der beste Meteorologe nicht warnen trotz moderner Messgeräte, Computersimulationen und aller Berufserfahrung.

„Dennoch ist es die einzelne Böe, die das Dach abdeckt, nicht das Sturmtief als solches“, sagt Uwe Ulbrich.

In einem großangelegten Projekt will Ulbrich nun mit Unterstützung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) prüfen, wie sich Sturmwarnungen verbessern lassen. Wann eine bestimmte Böe in welcher Stärke wo weht, wird er auch danach nicht sagen können. Doch die „Kunden“ der Unwetterwarnungen, also die Medien und die Katastrophendienste, sollen die Informationen besser nutzen und die Meteorologen sie besser auf die Bedürfnisse der Empfänger zuschneiden können.

Als Modellregion für das Projekt wurde Berlin gewählt, die Ergebnisse sollen sich aber in Deutschland leicht auf andere Regionen übertragen lassen. „Der Wert der Wettervorhersagen besteht schließlich darin, auf ihrer Basis Entscheidungen treffen zu können“, ergänzt Martin Göber, der für den DWD an diesem Projekt mitarbeitet. Das aktuelle Projekt indes soll die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis verbessern.

Dazu müssen die Forscher wissen, welches Schicksal ihre Warnungen erfahren, sobald sie den Wetterdienst oder die Freie Universität verlassen. Welche Medien etwa greifen die Sturmwarnungen auf? Nach welchen Kriterien entscheiden sie: nach der Gefährlichkeit des Sturms, oder nach ganz anderen, medieneigenen Maßstäben? Auch das Sicherheitsdenken der Wetterdienste könnte ein Problem sein. „Wir warnen tendenziell zu oft“, sagt Martin Göber, denn es sei besser, vor einem Sturm gewarnt zu haben, der dann gar nicht komme, als einen zu unterschätzen, der dann Schäden verursache. Aus der Logik der Wetterkundler sei das richtig, aber es führe in den Medien oder bei den Katastrophendiensten möglicherweise dazu, dass sie Warnungen nicht mehr ernst nehmen.

Um solchen Effekten auf die Spur zu kommen, sollen Mitarbeiter und Dienststellen der Einrichtungen des Katastrophenschutzes befragt werden. Dazu sind auch das Forschungsforum Öffentliche Sicherheit an der Freien Universität Berlin und das Deutsche Komitee Katastrophenvorsorge in Bonn am Projekt beteiligt. „Am Ende wissen wir, ob wir unsere Informationen besser einsetzen, nutzen und kommunizieren können und müssen“, sagt Uwe Ulbrich.

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Sechs Mitarbeiter hat das Projekt, finanziert wird es vom DWD-eigenen Hans-Ertel-Zentrum für Wetterforschung mit einer Million Euro, die Freie Universität stellt Personal und Räume. Das Vorhaben ist zunächst auf drei Jahre angelegt und läuft seit gut neun Monaten. Eine zweite Projektphase ist aber schon geplant. Schließlich möchten die Meteorologen auch neue Entwicklungen in ihrer Wissenschaft in die Prognosen und Warnungen einfließen lassen und zugleich sicherstellen, dass diese auch vom Empfänger verstanden werden.

„Wir können heute in einem Wetterbericht beispielsweise Angaben zur Sicherheit oder Unsicherheit der Prognose mitliefern – wissen aber gar nicht, ob die Menschen damit etwas anfangen können.“, sagt Martin Göber. Die neuen Methoden und Informationen sollen deshalb mit Erklärungen eingeführt und auch evaluiert werden.

Beide Forscher betonen den Pioniercharakter der Studie. Die Kommunikation und Wirkung von Vorhersagen spielten in Lehre und Forschung bislang kaum eine Rolle, obwohl sie in der Praxis hochrelevant seien. Der DWD investiert deshalb in Kooperation mit den Hochschulen seit einiger Zeit nachhaltig in solche Forschung. Die Ergebnisse sollen in die Ausbildung der Meteorologen eingebaut werden, um die Nachhaltigkeit der Wetterwarnungen zu verbessern.

Für Martin Göber vom DWD geht daher mit dem aktuellen Projekt ein Traum in Erfüllung: nämlich praxisrelevante Forschung und Lehre eng zu verzahnen. Mit ersten umsetzbaren Ergebnissen rechnet Uwe Ulbrich Mitte 2013.

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