Praktisch, schnörkellos und selfmade

Kleider machen Leute – und manchmal auch eine ganze Nation. Die Amerikanistin Susann Park-Gessner untersuchte die Bedeutung von Mode und Stil für die Identitätsentwicklung in den USA.

25.06.2012

Als typisch amerikanisch galt um 1900 das "Shirtwaist dress": Die Bluse mit separatem Rock machte die Damenmode bequemer. Die Zeitschrift "The Modern Priscilla" zeigte 1906 verschiedene Schnitte.
Als typisch amerikanisch galt um 1900 das "Shirtwaist dress": Die Bluse mit separatem Rock machte die Damenmode bequemer. Die Zeitschrift "The Modern Priscilla" zeigte 1906 verschiedene Schnitte. Bildquelle: Priscilla Publishing Co. Boston, Mass.
Benjamin Franklin, 1776 bis 1785 US-Gesandter am französischen Hofe, erschien 1779 vor Ludwig XVI ohne Paradeuniform und Perücke - und löste einen Eklat aus. Die Zeichnung wurde 1876 in "The Family Friend" veröffentlicht.
Benjamin Franklin, 1776 bis 1785 US-Gesandter am französischen Hofe, erschien 1779 vor Ludwig XVI ohne Paradeuniform und Perücke - und löste einen Eklat aus. Die Zeichnung wurde 1876 in "The Family Friend" veröffentlicht. Bildquelle: Wikimedia Commons / Ethelyn J. Morris

Es war ein kleiner Eklat, wie Benjamin Franklin, amerikanischer Schriftsteller, Erfinder und Staatsmann, 1779 bei König Ludwig XVI zu einem Empfang erschien. Franklin trug keine goldbestickte Paradeuniform, keine Perücke und kein Ornat – wenig verwunderlich, dass ihn die Gäste eher für einen Bauern als für einen Diplomaten hielten. Welchen Eindruck das selbstbewusste Auftreten dieses Vertreters der noch jungen Nation beim letzten König des Ancien Régime hinterließ, ist nicht überliefert.

Dass Franklin selbst damit ein Statement setzen wollte, davon ist Susann Park-Gessner, Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin, überzeugt: „Seine schlichte Kleidung aus selbstgewebtem Stoff war ein klarer Gegenentwurf zu der überladenen und luxuriösen Mode Europas.

Damit war sie Symbol der ökonomischen und politischen Unabhängigkeit. Und Ausdruck der Opposition zum aristokratischen System.“ Für die Forscherin war diese Episode aus der amerikanischen Historie einer der Gründe, sich in ihrer Dissertation zur Geschichte und Funktion von Mode in den USA zu widmen, die sie am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität verfasst hat. „Mich interessierte vor allem, welche Rolle Kleidung und Erscheinungsstil bei der Identitätskonstruktion und Verhandlung von Anerkennung spielen – nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf nationaler. Aus welchem Grund und in welcher Form besteht dabei ein Unterschied zwischen den USA und vielen anderen Staaten und Ländern dieser Zeit?“

Mode „Made in USA“, eine Überschrift, unter der heute vielen Europäern wenig mehr einfällt als Jeans, T-Shirt und Baseballkappe. Dabei stellte die Mode in der neuen Welt lange Zeit ein ganz eigenes Kommunikationssystem dar, von dem durchaus revolutionäre Botschaften ausgingen. Wie dieses Kommunikationssystem überhaupt funktionierte, was Kleidung über Gruppenzugehörigkeit, Status oder Haltung ausdrückte und wie sie als Mittel der Selbstinszenierung und Distinktion verwendet wurde, untersuchte Park-Gessner in ihrer Dissertation.

Doch was ist unter „Modesystem“ überhaupt zu verstehen? Ressourcen, Regeln und Repertoire, sagt die Forscherin, bestimmen, was in der Mode als „typisch amerikanisch“ zu verstehen sei. Typische Ressourcen und Alleinstellungsmerkmal der amerikanischen Textilindustrie waren lange Zeit die heimische Baumwolle und die Stoffe, die aus ihr gefertigt wurden. Zu den Regeln, den „Dresscodes“ aus der Zeit der jungen Republik gehörte auch, dass die Kleidung eines ordentlichen Amerikaners und Patrioten aus eben dieser Baumwolle sein musste, gewebt am heimischen Webstuhl. Das „Homespun Dress“ war im Vergleich zur Mode aus Europa schlicht und schnörkellos – und selfmade. Also genau so, wie sich Amerika im Vergleich zum dekadenten Europa selbst sah.

Bei ihrer Untersuchung waren für Park-Gessner auch frühe Sub- und Jugendkulturen besonders spannend. In den 1830er Jahren etwa amüsierten sich die „Bowery Boys“ und „Bowery Gals“ – junge Arbeiter und Arbeiterinnen – in extravaganter Garderobe in der New Yorker East Side. Gerade die Frauen präsentierten sich konträr zum damals herrschenden Weiblichkeitsideal: „Vom Lifestyle über das selbstbewusste Auftreten bis hin zu den farbenfrohen Kleidern, die Hüften und Schenkel betonten und die Knöchel zeigten – für die damalige Zeit schamlos kurz“, sagt Park-Gessner. Doch auch die Mode der Durchschnittsamerikanerin war beinahe revolutionär, zumindest im Vergleich zur Alten Welt. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert etwa galt das sogenannte „Shirtwaist Dress“ als „typisch amerikanisch“: ein Kleid, das aus einer voluminösen Bluse und einem langen, hoch in der Taille sitzenden Rock bestand. Vorher waren Kleider meistens einteilig und handgenäht. Günstige Massenproduktion ermöglichte es nun, dass sich auch einfache Frauen mehrere Röcke und Blusen leisten konnten, um sie miteinander zu kombinieren. Mode wurde erschwinglich, und ein gutes Stück weit demokratischer. Außerdem benötigte man für dieses Kleid keine Ankleidehilfe und keine Reifröcke mehr. Frauen konnten sich allein anziehen – eine kleine Revolution. „Dieses Kleid entspricht zwar nicht unseren heutigen Vorstellungen von praktischer Bekleidung. Für die damalige Zeit stellte es jedoch einen gewaltigen Fortschritt in puncto Bewegungsfreiheit und physischer Autonomie dar.“

Auch heute noch ist Mode gefühlt dann besonders amerikanisch, wenn sie praktisch und alltagstauglich ist. Das gilt auch für das vielleicht amerikanischste aller amerikanischen Kleidungsstücke – die Jeans. Vom Fränkischen Einwanderer Löb Strauss als Arbeitskleidung für Goldgräber und Cowboys in den 1870ern entwickelt, wurde die Jeans das Bekleidungsstück schlechthin für alle, die für ihr Geld schwer schuften mussten. Sie war ebenso „unkaputtbar“ wie ihr zweifelhafter Ruf des Arme-Leute-Outfits. Mit der Aufwertung des Westens und dem Aufstieg des Cowboys zum nationalen Mythos begann sich dieses Stigma ein wenig zu ändern. Nachdem die Jeans im Ersten und Zweiten Weltkrieg auch zur Arbeitsuniform von Soldaten avancierte, fand sie langsam aber sicher ihren Weg aus der Fabrik, hin auf die Straße. Und auch auf die Leinwand: Als Ende der fünfziger Jahre mit Marlon Brando und James Dean Filmrebellen in Jeans zu sehen waren, war Denim schon beinahe im Mainstream angekommen. „Im Laufe von weniger als hundert Jahren erfuhr die Jeans gleich mehrere Umdeutungen: Von der Arbeitskleidung der Unterschicht zur prototypischen Kleidung des mystifizierten Westens bis hin zu einem patriotisch positiv besetzten Kleidungsstück und Ausdruck eines bestimmten Lebensstils“, sagt Park-Gessner.

Sie selbst trägt Mode übrigens gänzlich ohne akademische Hintergedanken, wie sie sagt: „Meine Herangehensweise an das Thema war eine kulturgeschichtliche. Ich habe mir weder damals noch jetzt mehr Gedanken über meine Garderobe gemacht als gewöhnlich.“ Ob sie während ihrer Promotion besonders oft Jeans getragen hat? Auch wenn sich die Autorin solche Details nicht gemerkt hat – gut möglich wäre es schon. Die Jeans, das frühere Inbild schwerer körperlicher Arbeit, wird heute schließlich längst nicht mehr nur auf der Farm getragen. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten trägt Jeans. Benjamin Franklin hätte das vermutlich sehr begrüßt.