Vertrieben, gefeiert, verfolgt

Die Historikerin Gertrud Pickhan und der Musikjournalist Maximilian Preisler porträtieren den jüdischen Jazzmusiker Eddie Rosner.

23.04.2012

Begeisterte die Menschen mit seiner Musik: Der jüdische Jazztrompeter Eddie Rosner mit seinem neuen Orchester nach der Freilassung aus dem sibirischen Gulag.
Begeisterte die Menschen mit seiner Musik: Der jüdische Jazztrompeter Eddie Rosner mit seinem neuen Orchester nach der Freilassung aus dem sibirischen Gulag. Bildquelle: Erika Rosner Kovalick

Anlässlich des Deutsch-Russischen Wissenschaftsjahres berichten wir in einer Serie über die vielfältige Vernetzung der Freien Universität Berlin mit Russland. Heute – im letzten Teil – lesen Sie, was Historiker der Freien Universität über den ergreifenden Lebensweg des jüdischen Jazzmusikers Eddie Rosner zusammengetragen haben.

Wie ist es möglich, dass ein jüdischer Jazzmusiker – in Berlin geboren und von den Nationalsozialisten verfolgt – so viel Pech hat, dass er auch im sowjetischen Exil in Ungnade fällt? Was Gertrud Pickhan, Geschichtsprofessorin am Osteuropa-Institut der Freien Universität, mit dem Musikjournalisten Maximilian Preisler in einer Biografie über Eddie Rosner, den revolutionären Jazztrompeter und Bandleader zusammengetragen hat, ist kaum zu glauben: Detailliert beschreiben die Autoren, wie unberechenbar und irrational Diktaturen in menschliche Schicksale eingreifen können.

Mal gefeiert, dann verboten – an Eddie Rosners Lebensweg lassen sich die politischen Paradoxien des 20. Jahrhunderts ablesen.

Rosners Odyssee beginnt in Berlin: Der Jude polnischer Abstammung wird 1911 geboren und wächst im Scheunenviertel auf, in der Georgenkirchstraße 5. 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, flieht er ins Ausland, um sich in Sicherheit zu bringen: erst nach Paris, dann nach Warschau. In Polen angekommen, geht er ungezwungen jener Tätigkeit nach, die er am besten kann: Jazztrompete spielen. Die Menschen sind entzückt, die Jazzkeller voll, wenn der Mann mit den flinken Fingern seine Swingballaden spielt und eine ganze Generation junger Menschen zum Tanzen bringt. Doch mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beginnt sich auch in Polen die Situation zu verschärfen, sodass Eddie Rosner Ende 1939 seinen Trompetenkoffer packt und in die Sowjetunion flieht. Obwohl er mit seinen Bühnenshows auch dort auf große Begeisterung stößt, findet seine Karriere nach Kriegsende im sozialistischen Russland ein jähes Ende: Rosners Musik, der Jazz, wird nach einem kulturpolitischen Streit innerhalb der Kommunistischen Partei als dekadent, westlich, imperialistisch verunglimpft – und damit auch Rosner als Mensch. Der Musiker, der mittlerweile weltbekannt ist, sogar Einladungen in die Vereinigten Staaten erhält, darf nicht mehr musizieren – in den Augen der Stalinisten ist er jetzt ein Staatsfeind.

Als Rosner 1947 aus der Sowjetunion zu fliehen versucht, wird ihm in einem Scheinprozess „Vaterlandsverrat“ vorgeworfen. Das Urteil: zehn Jahre Haft in einem sibirischen Gulag. Doch weder die Gefangenschaft mit ihren menschenunwürdigen Bedingungen, noch der Hunger können den Künstler vom Musizieren abhalten. Sein Können beeindruckt selbst die Gulag-Leitung: Er darf weiterhin auftreten und vor den Gefangenen seinen gefeierten Jazz spielen. „Es gab regelrechte Tourneen durch den Gulag. So talentiert und beliebt war Eddie Rosner“, sagt Gertrud Pickhan, die gemeinsam mit Maximilian Preisler in mehrjähriger Arbeit, nach ausführlichen Recherchen und Gesprächen mit den verbliebenen Familienangehörigen die biografische Studie „Von Hitler vertrieben, von Stalin verfolgt. Der Jazzmusiker Eddie Rosner“ verfasst hat. „Nach dem Tod Stalins rehabilitierte man Rosner 1954. Doch die tragische Reise dieses Mannes war auch da noch nicht vorbei."

Die Autoren schildern in einer klaren und verständlichen Sprache, warum es trotz Freilassung nicht zu der erwarteten künstlerischen Wiedergeburt kam. Rosner steigt zwar kurz zu alter Popularität auf, doch schon bald verliert sich das Interesse an seiner Musik. „Der Musikgeschmack hatte sich verändert, Rosners Swing wirkte plötzlich altmodisch“, erklärt Gertrud Pickhan. Der Mann, der in allen wichtigen Salons der Welt musizierte, ist nicht länger gefragt – was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass er den Gulag psychisch gezeichnet verlässt. Rosner fühlt sich trotz der Rehabilitierung in der Sowjetunion nicht mehr wohl, findet keine Arbeit mehr und beschließt, in seine alte Heimat zurückzukehren: nach Berlin, wo er seine letzten Lebensjahre verbringt.

Doch auch dort wird der Musiker nicht freudig empfangen. Ein Entschädigungsgesuch für ihn als Opfer des Nationalsozialismus lehnt man ab – mit der fadenscheinigen Begründung, Rosner habe die Unterlagen zu spät eingereicht. „Als er in den 1970er Jahren nach Berlin kommt, interessiert sich kaum jemand für ihn und seine Geschichte.“ Am Ende bleibt dem Musiker nichts übrig, als eine Sozialrente zu beantragen und in einer kleinen Wohnung in der Uhlandstraße 111 ein kümmerliches Dasein zu fristen. 1973 stirbt Eddie Rosner, vereinsamt und verarmt, in der Stadt, in der man ihn schon 1933 nicht wollte. Ein verstörender Lebensweg, an den Pickhan und Preisler in ihrer Biografie erinnern wollen. Sie ist nicht nur eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Ausnahmefigur des osteuropäischen Jazz, sondern auch ein Versuch, Rosner als Menschen und Künstlerfigur in der Geschichte Berlins zu verankern. Späte Gerechtigkeit für einen Mann, der zu den einflussreichsten Musikern des 20. Jahrhunderts gehört.

Gertrud Pickhan, Maximilian Preisler: Von Hitler vertrieben, von Stalin verfolgt. Der Jazzmusiker Eddie Rosner, ISBN 978-3-937233-73-4.