Ost-West-Begegnung im Fernsehstudio

In einem Weiterbildungsprogramm der Freien Universität lernen russische Journalisten deutsche Medien kennen.

23.02.2012

Besuche bei deutschen Verlagen, Radio- und Fernsehsendern – wie hier im Studio des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) – gehören zum Programm der russischen Journalisten, die am Weiterbildungsprogramm der Freien Universität in Berlin teilnehmen.
Besuche bei deutschen Verlagen, Radio- und Fernsehsendern – wie hier im Studio des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) – gehören zum Programm der russischen Journalisten, die am Weiterbildungsprogramm der Freien Universität in Berlin teilnehmen. Bildquelle: Katja Giebel

Julia Larina kommt aus der Provinz, aus Tatarstan. Sie lebt in Kasan, fast 1000 Kilometer östlich von Moskau, dort, wo die Wolga einen Bogen Richtung Süden macht und wo der Orient auf den Okzident trifft. Julia Larinas Arbeitgeber ist die „Wetschernjaja Kazan“ – die Regionalzeitung der Stadt. Es ist 1997, das Jahr, in dem Roman Herzog mahnt, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse. Boris Jelzin regiert im Kreml und Wladimir Putin ist nur Russland-Experten bekannt.

In Berlin arbeitet zu dieser Zeit Günther von Lojewski, der ehemalige Intendant des Senders Freies Berlin, an einem Weiterbildungsprogramm für russische Journalisten.

Mit Unterstützung des Bundespräsidenten und des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin sollen jährlich 20 junge Journalisten aus Russland nach Berlin kommen, um den deutschen Journalismus kennenzulernen. Das Programm wird 1999 ins Leben gerufen und besteht bis heute; seit einigen Jahren unter dem neuen Namen „Journalisten International“. Finanziert wird es unter anderem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Dr. Jacques-Koerfer-Stiftung und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie.

Julia Larina ist eine der ersten Teilnehmerinnen des Programms gewesen. Heute arbeitet sie in Moskau für Russlands älteste Zeitschrift „Ogonjok“, die im Kommersant-Verlag erscheint. „Die Zeit in Berlin, die Erfahrungen mit den deutschen Medien haben mir Selbstvertrauen und Gewissheit gegeben“, sagt die Journalistin rückblickend.

Mehr als 200 Journalisten aus Russland und Georgien, der Ukraine, Kasachstan und Weißrussland haben das Programm mittlerweile besucht. Drei Monate dauert die Weiterbildung – wichtigste Voraussetzung: gute Kenntnis der deutschen Sprache und einschlägige journalistische Erfahrungen, denn die Stipendiaten sollen selbst Artikel in der ihnen fremden Sprache schreiben. In den ersten sechs Wochen lernen die Gäste Deutschland vornehmlich im Seminarraum kennen: Wie funktioniert das deutsche Sozialsystem? Wie diskutieren die Deutschen die Bedeutung europäischer Politik und was macht eigentlich ein Bundespräsident? Auch die Struktur von Presse und Rundfunk in Deutschland sowie Fragen der Ethik im Journalismus werden debattiert.

„Neben dieser theoretischen Einführungsphase lernen die Journalistinnen und Journalisten aber auch ganz praktisch das Handwerk“, sagt Professorin Margreth Lünenborg, Direktorin des Internationalen Journalisten-Kollegs, unter dessen Dach insgesamt drei Aus- und Weiterbildungsprogramme für Journalisten angeboten werden. Die jungen Medienleute nehmen an Pressekonferenzen teil, üben, wie in Deutschland eine Nachricht geschrieben wird. „In Russland ist die Trennung von Tatsachen und Meinung nicht so ausgeprägt wie im angelsächsischen Journalismus, in dessen Tradition die deutsche Presse steht.“

Zum Abschluss der Seminarausbildung steht eine einwöchige Reise in eine deutsche Region auf dem Programm. So lernten einige Teilnehmer das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas kennen, andere das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Es ging nach Thüringen, nach Hamburg oder Bautzen. Auf ihrer Reise machen die Journalisten aus dem Osten auch Bekanntschaft mit Kollegen aus dem Westen: „Wir bringen die Teilnehmer von ,Journalisten International‘ mit denen des Programms ,internXchange‘ zusammen, das wir für Nachwuchsjournalisten aus den USA anbieten“, sagt Lünenborg.

Derart vorbereitet treten die Stipendiaten schließlich ein sechswöchiges Praktikum in Berliner oder Brandenburger Medienhäusern an, wo sie den Redaktionsalltag kennenlernen – dabei schreiben sie auch selbst: über die Wahlen in Weißrussland, regierungskritische Blogs in Russland oder eine Chodorkowski-Ausstellung im Berliner Mauermuseum.

Zum festen Bestandteil des Austauschprogramms gehört ein Jour fixe während ihres Aufenthalts: Einmal in der Woche treffen sich die Stipendiaten zu einem gemeinsamen Abend - und sehen dort auch die US-amerikanischen Kollegen des Programms „internXchange“ wieder. Sie kommen ins Gespräch mit jeweils einem Gast aus Wissenschaft und Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Ende Februar kommt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und diskutiert mit den Teilnehmern über die ökonomischen Kosten des Klimawandels, Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, hat über den Arbeitsmarkt für Frauen in Deutschland gesprochen.

Für viele Teilnehmer bedeute das Programm in Berlin auch eine biografische Wendemarke. „Einige Stipendiaten ziehen nach ihrer Zeit bei uns von der russischen Provinz nach Moskau, andere probieren Neues aus“, sagt Lünenborg, die im Auftrag der Freien Universität gerade mit der Universität St. Petersburg einen gemeinsamen Masterstudiengang „Global Communication and International Journalism“ entwickelt. Die demokratische und unabhängige Presse in Osteuropa soll weiter gefördert werden: „Wir ändern mit unserem Programm zwar nicht den Journalismus in Russland“, sagt Lünenborg, „aber wir wecken bei unseren Stipendiaten eine neue Vorstellung von Journalismus.“