Aus der Brücke wird Brigitte

Wie Psychologen der Freien Universität Lese-Rechtschreib-Störungen therapieren helfen

04.06.2010

Wie Psychologen der Freien Universität Lese-Rechtschreib-Störung therapieren helfen.
Wie Psychologen der Freien Universität Lese-Rechtschreib-Störung therapieren helfen. Bildquelle: fotolia.de
Legastheniker lesen oft langsam, stocken zwischen Wörtern, vertauschen sie – und die Rechtschreibstörung wird deutlich, wenn Wörter im selben Text mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben sind.
Legastheniker lesen oft langsam, stocken zwischen Wörtern, vertauschen sie – und die Rechtschreibstörung wird deutlich, wenn Wörter im selben Text mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben sind. Bildquelle: Sabrina Wendling
Das „Guckomobil“, ein umgebauter Polizeibus, hat die Ausrüstung an Bord, um vor Ort Lese- und Rechtschreibtests durchzuführen.
Das „Guckomobil“, ein umgebauter Polizeibus, hat die Ausrüstung an Bord, um vor Ort Lese- und Rechtschreibtests durchzuführen. Bildquelle: © Freie Universität Berlin
David ist überdurchschnittlich intelligent, und dank der Hilfe von Verena Engl haben sich seine Schreib- und Lesefähigkeiten deutlich verbessert.
David ist überdurchschnittlich intelligent, und dank der Hilfe von Verena Engl haben sich seine Schreib- und Lesefähigkeiten deutlich verbessert. Bildquelle: Sabrina Wendling
Professor Arthur M. Jacobs ist Mitbegründer des Zentrums für Förderung und Beratung (ZFB), das wissenschaftliche Erkenntnis mit praktischer Arbeit verknüpft.
Professor Arthur M. Jacobs ist Mitbegründer des Zentrums für Förderung und Beratung (ZFB), das wissenschaftliche Erkenntnis mit praktischer Arbeit verknüpft. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Sätze wie „Dicke Regentropfen prasseln ununterbrochen auf das Blechdach“ können mithilfe von Spielkarten leichter erlernt werden.
Sätze wie „Dicke Regentropfen prasseln ununterbrochen auf das Blechdach“ können mithilfe von Spielkarten leichter erlernt werden. Bildquelle: Sabrina Wendling

Lena Schultz mag keine Klausuren. Dabei ist sie eine clevere junge Frau. Die Studentin verbringt mehr Zeit am Schreibtisch als ihre Kommilitonen, mit Hausarbeiten beginnt sie früher als die anderen, und Praktika macht sie in jeden Semesterferien. Die 24-Jährige ist keine Streberin. Sie ist ihre eigene Managerin: Jedes Semester ist durchorganisiert, jede Studienleistung verlangt nach einem Zeitplan. Lena Schultz braucht zum Lesen und Schreiben von Texten ungefähr drei Mal so lange wie die anderen, denn sie hat eine Lese-Rechtschreib-Störung.

Die Studentin überlegt sich gut, wem sie von ihrer Lese-Rechtschreib-Störung erzählt. Sie hat früher schlechte Erfahrungen gemacht mit Lehrern in ihrer Schule – und nun auch mit einigen Dozenten. Lena Schultz heißt eigentlich anders, möchte ihren richtigen Namen aber nicht nennen. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin studiert sie im fünften Semester. Mit der Planung ihrer Abschlussarbeit hat die Studentin längst begonnen, um im Sommer nach der Regelstudienzeit von sechs Semestern ihr Bachelorzeugnis zu erhalten.

Wenn sie Dozenten erzählt, dass sie Legasthenikerin ist, stößt die Studentin meistens auf offene Ohren – aber auch nicht selten auf Intoleranz. „Sind Sie sicher, dass Sie in diesem Studiengang richtig sind?“, wurde sie schon häufig wegen der nötigen schriftlichen Leistungsnachweise gefragt. Lena Schultz versucht mit ihren Dozenten zu reden, wann immer es geht. Sie möchte lieber mündlich geprüft werden, statt Klausuren zu schreiben. Aber nicht alle Dozenten verstehen das: „Machen Sie sich mal keine Sorgen wegen der Klausur“, sagte eine Lehrkraft zu Lena Schultz, „in anderen Seminaren schreiben sogar Ausländer meine Klausuren mit, die können auch nicht richtig Deutsch.“ In solchen Momenten muss Lena Schultz aufpassen, dass ihr nicht die Kinnlade herunterklappt: „Natürlich ist so etwas beleidigend und verletzend, aber ich habe gelernt, damit umzugehen“, sagt die Studentin.

Erwachsene sprechen kaum über ihre Lese-Rechtschreib-Störung

Lena Schultz steht mit ihrer Lese-Rechtschreib-Störung nicht allein da – aber sie ist eine von wenigen Erwachsenen, die offen darüber spricht. „Laut Prävalenzstudien leiden zwei bis acht Prozent der Kinder in Deutschland an einer entwicklungsbedingten Lese-Rechtschreib-Störung“, sagt Diplompsychologin Verena Engl, „in Langzeitstudien konnte man zeigen, dass die Auswirkungen einer solchen Störung bis ins Erwachsenenalter reichen, sie beeinträchtigen das Bildungsniveau und das psychische Wohlbefinden.“ Die Zahl der erwachsenen Legastheniker sei aufgrund der hohen Dunkelziffer aber nur schwer festzulegen. Verena Engl ist Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Allgemeine und Neurokognitive Psychologie der Freien Universität Berlin, an dem das Projekt „Guckomobil“ ins Leben gerufen wurde.

Das vom Bundesforschungsministerium unterstützte Vorhaben begann im Jahr 2005. Ziel war es, Lese- und Rechtschreib-Auffälligkeiten bei Kindern möglichst früh zu erkennen und die Kinder mit der jeweils am besten für sie geeigneten, wissenschaftlich fundierten Therapiemethode zu fördern.

Mit dem „Guckomobil“, einem umgebauten Polizeibus mit einer Ausrüstung für Lese- und Rechtschreibtests sowie einem Blickbewegungs-Messgerät, fuhr die Arbeitsgruppe durch Berlin. Sie überprüften, wie es um die Lese- und Rechtschreibkompetenzen von insgesamt 2.500 Zweit- bis Viertklässlern an 13 Berliner Grundschulen steht. „Guckomobil“ wurden Fahrzeug und Projekt auch deshalb genannt, weil ein sogenanntes Guckometer an Bord war. Das Gerät sollte die Blickbewegungen der Kinder beim Lösen verschiedener Aufgaben messen, zum Beispiel wie lange die Augen ein Wort fixieren, oder bei welchen Wörtern die Augen hängen bleiben und wieder zurückwandern zu vorherigen Textstellen. Das Guckometer war nur eines von mehreren Verfahren, mit dem die Forscher Rückschlüsse auf die Lese-, Leseverständnis- und Rechtschreibkompetenz der Schüler ziehen konnten.

Fast die Hälfte der Kinder verbessert die Lesefähigkeit

Die Arbeitsgruppe von Arthur M. Jacobs, Professor für Allgemeine und Neurokognitive Psychologie an der Freien Universität, förderte mit verschiedenen Trainingsansätzen über ein halbes oder ein ganzes Jahr etwa 200 Kinder mit auffälligen Leistungen. Ob sich die Schüler in dieser Zeit verbessert hatten und welche Methode am besten hilft, überprüften die Wissenschaftler mit standardisierten Testverfahren. Um zu sehen, ob die therapierten Kinder ihrem Alter entsprechende Leistungen erreicht hatten, wurden sie mit gleichaltrigen Schülern verglichen, die durchschnittlich lesen und schreiben können. Es stellte sich heraus: 42 Prozent der geförderten Kinder verbesserten ihr Lesen, 28 Prozent ihre Rechtschreibung und ausnahmslos alle ihr Leseverständnis. Auf Basis dieser Ergebnisse entwickelten die Wissenschaftler ein Computerprogramm mit den effektivsten Trainingsformen zur Förderung des Lesens und des Rechtschreibens, das bereits an vier Berliner Grundschulen erfolgreich getestet wurde.

Nachdem die Projektphase abgeschlossen war, fragten viele Eltern bei der Arbeitsgruppe nach, wie es weitergehen solle mit ihren Kindern. Im Mai 2008 gründeten Verena Thaler, promovierte Psychologin und ausgebildete Therapeutin für Lese-Rechtschreibstörung an der Freien Universität, und Verena Engl gemeinsam mit Professor Jacobs und Siegfried Gauggel, Professor für medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Aachen, das Zentrum für Förderung und Beratung (ZFB). „Das Förderzentrum bietet die Möglichkeit, unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse mit der praktischen Arbeit zu verknüpfen“, sagt Verena Engl.

Zuhause ist das ZFB im Gebäudekomplex der Geisteswissenschaften in der Habelschwerdter Allee 45. Schnell sprach es sich in Berlin herum, dass es an der Freien Universität ein wissenschaftlich gestütztes Therapieangebot für Legastheniker gibt – so gelangte auch Lena Schultz über eine Empfehlung des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e. V. dorthin.

Das letzte Mal hatte die Studentin während ihrer Schulzeit bei einem privaten Förderinstitut Hilfe in Anspruch genommen. „Es war einfach schon so lange her, dass ich etwas gegen meine Lese-Rechtschreib-Störung unternommen hatte“, sagt Lena Schultz, „ich wollte die Schreibregeln wiederholen und praktische Hilfen für den Alltag haben.“ Verena Engl arbeitete mit der Studentin daran, wie sie Mails und Texte schneller und, wenn möglich, fehlerfrei schreiben kann. „Ich stocke jetzt nicht mehr nach jedem Wort, sondern schreibe den Satz einfach zu Ende, und dann lese ich den ganzen Text ein paar Minuten später nochmal von hinten nach vorne durch und kontrolliere meine Rechtschreibung“, sagt sie, „das geht viel schneller als vorher.“

Gestärktes Selbstbewusstsein durch therapeutische Hilfe

Die 24-Jährige ist heute viel selbstbewusster als noch zu ihrer Schulzeit: „Mir wurde von meinen Lehrern oft eingeredet, dass ich nichts kann“, sagt sie, „aber man darf so etwas einfach nicht glauben.“ Ihr Spanisch-Lehrer führte sie im Unterricht vor, wenn es um das Konjugieren neuer Vokabeln ging. Oft hat sie sich anhören müssen: „Jetzt lern‘ doch mal, dann geht das schon.“ Dabei weiß Lena Schultz noch genau, wie lange sie oft vor ihren Vokabeln gesessen und versucht hatte, sie in den Kopf einzumeißeln: Das englische Wort „bridge“ beispielsweise konnte sie sich nur merken, weil sie es auf deutsch „brid-ge“ aussprach – und fand, dass es dem Namen Brigitte sehr ähnelte. So überlegte sie sich die Geschichte von Brigitte unter der Brücke und speicherte die Vokabel schließlich ab.

Legasthenie hat nichts mit Lernfaulheit zu tun: Es handelt sich bei der Störung um ein komplexes Syndrom, das mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns zusammenhängt und sich häufig in einer spezifischen Speicherschwäche äußert. Schon in der Vorschule oder in der Grundschule merken die Betroffenen, dass sie nicht so gut lesen oder schreiben können wie ihre Mitschüler. Am Schulanfang ist es normal, so zu schreiben wie man ein Wort hört, also zum Beispiel aus einem gehörten „Sommer“ ein geschriebenes „Soma“ zu machen. Meistens spielt sich die korrekte Schreibweise aber mit der Zeit ein, wenn Kinder selbst Texte lesen – und sehen, wie Wörter geschrieben werden und sich die Schreibweise merken. Gerade dieser Automatismus, der dabei hilft, dass den meisten Kindern Rechtschreibung leicht von der Hand geht, funktioniert bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Störung nicht.

Legastheniker lesen oft langsam, stocken zwischen Wörtern, vertauschen sie, fügen Wörter hinzu, die nicht im Text stehen oder lassen einige aus. Die Rechtschreibstörung wird vor allem in Diktaten und Aufsätzen augenscheinlich, wenn Wörter teilweise bruchstückhaft stehen bleiben oder im selben Text mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben sind. Oft häufen sich darüber hinaus Grammatik- und Zeichensetzungsfehler. Die Lese-Rechtschreib-Störung wirkt sich nicht nur auf die Deutschnote aus: Auch in anderen Fächern haben Legastheniker oft schlechte Noten, weil sie zum Lesen einer Aufgabe viel länger brauchen als ihre Mitschüler und gar nicht erst bis zu den letzten Aufgaben der Klassenarbeit vordringen.

Mit individuellen Diagnosen die eigenen Schwächen bezwingen

Ein Allheilmittel für die Lese-Rechtschreib-Störung gibt es auch am ZFB nicht – aber eine individuelle Diagnose mit standardisierten Testverfahren und eine wissenschaftlich orientierte Therapie sollen helfen, die eigenen Schwächen mit Tricks und Regeln zu bezwingen. Je früher man damit beginnt, desto besser.

Im Januar 2008 kam David Schliesser zum ersten Mal in das Zentrum für Förderung und Beratung: 94 Förderstunden hat er seitdem erhalten, für die nächsten 30 ist er schon angemeldet. David geht in die 8. Klasse der Jüdischen Oberschule, einem Berliner Gymnasium. Der 13-Jährige ist überdurchschnittlich intelligent – und dennoch ein Langzeitpatient am ZFB.

Davids Sätze in den ersten Förderstunden waren oftmals kaum zu entschlüsseln: „Am Anfang habe ich Diktate mit David geschrieben, in denen er von 53 Wörtern 30 falsch geschrieben hat“, erinnert sich Verena Engl, wenn sie alte Unterlagen durchblättert. Vier Monate später waren es nur noch sechs Fehler bei gleicher Diktatlänge. Zu Beginn kam er zwei Mal wöchentlich zum Förderunterricht, jetzt muss er nur noch ein Mal pro Woche kommen.

Mit individuellen Diagnosen die eigenen Schwächen bezwingen

„Ich merke es auch in der Schule, dass ich besser werde“, sagt David. In jeder Deutschstunde schreiben die Schüler ein kurzes Diktat. „Unsere Lehrerin nennt es TÜ, das steht für tägliche Übung – wir nennen es alle tägliche Überwindung“, sagt der 13-Jährige und grinst. Auch Davids Lehrerin hat ihn schon dafür gelobt, dass er viel weniger Fehler mache als noch vor einigen Monaten. In Davids Klasse wissen alle, dass er Legastheniker ist. „Das ist nicht schlimm, ich spreche das auch ganz offen an, und niemand hänselt mich deswegen“, sagt er.

Eine Zeit lang fiel es David aber schwer zu akzeptieren, dass er Probleme beim Lesen und Schreiben hat. „Ich habe mich ziemlich darüber geärgert und mich gefragt, warum ausgerechnet ich Legasthenie habe.“ Wenn er liest, dann ist David langsamer als seine Mitschüler – auch wenn er schreibt, dauert das länger als bei den anderen. „David ist wirklich ein schlauer Junge, und er hat sich selbst viel Druck gemacht, weil er besser werden wollte und wohl auch Angst davor hatte, sich selbst zu enttäuschen“, sagt Verena Engl. Seinen Lehrern schreibt sie zum Schuljahresbeginn manchmal Briefe oder telefoniert mit ihnen, um für deren Verständnis zu werben. Zumindest bis zur 9. Klasse bekommen Legastheniker in Berlin einen sogenannten Notenschutz für Rechtschreibung – diese Regelung greift bei David also noch ein Schuljahr.

Spielerische Lerneinheiten fördern den Erfolg

Weil Erfolgserlebnisse und der Spaß am Förderunterricht wichtig sind, damit der 13-Jährige auch weiterhin Fortschritte macht, sind die Lerneinheiten im Förderunterricht spielerisch aufgebaut. Auf die Mitte eines Brettspiels, das Verena Engl zur Therapie einsetzt, ist Gucko aufgemalt: eine zottelige gelbe Fantasiefigur und das Maskottchen des an der Freien Universität entwickelten Förderprogramms. Rundherum sind verschiedenfarbige Felder. David würfelt eine Sechs und rückt seine Spielfigur vor auf ein blaues Feld. Verena Engl nimmt eine grüne Karte vom Stapel und liest ihrem Schüler einen Satz vor: „Dicke Regentropfen prasseln ununterbrochen auf das Blechdach.“  David seufzt. Dann fängt er an zu schreiben: „Dik“ – streicht das Wort wieder durch, und setzt von Neuem an: „Dicke“. An den „Regentropfen“ schreibt er sich mühelos vorbei. Aber dann stolpert er über das Wort „prasseln“. „Oh nein, diese Regel kann ich mir nie merken, kommt da jetzt ein s oder ein scharfes s?“, überlegt er laut. David grübelt kurz und entscheidet sich für „praßeln“. Verena Engl rät ihm, die Silben laut zu sprechen. „Pras-seln“, sagt David, und korrigiert seinen Fehler selbst. Schließlich liest er den ganzen Satz laut vor und malt unter jede Silbe einen Bogen, so hat es ihm Verena Engl beigebracht. Die Silbenbögen sollen ihm dabei helfen, die eigene Schreibweise noch einmal zu analysieren und Fehler zu finden. Schließlich ist der Satz fehlerfrei, und David darf 17 Spielfelder vorrücken – für jede Silbe des Satzes ein Feld.

Ganz so große Sprünge wie auf dem Spielfeld kann David in der Schule zwar nicht machen – aber zumindest die „tägliche Überwindung“ wird mithilfe der Fördersitzungen immer mehr zum täglichen Triumph.