Schreiben, um zu überleben

Anmerkungen zur Exilliteratur und -publizistik

04.06.2010

Anmerkungen zur Exilliteratur und -publizistik.
Anmerkungen zur Exilliteratur und -publizistik. Bildquelle: Institut für Publizistik/Freie Universität Berlin
Prof. Haarmann ist Professor für Kommuniaktionsgeschichte mit dem Schwerpunkt Exil/ Exilpublizistik am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität.
Prof. Haarmann ist Professor für Kommuniaktionsgeschichte mit dem Schwerpunkt Exil/ Exilpublizistik am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität. Bildquelle: Freie Universität Berlin
Julius Bab schrieb im Sommer 1933 an einen offensichtlich begeisterten nationalsozialistischen Freund: „Ich bin Jude, und ich gehe nun ins Ausland.“
Julius Bab schrieb im Sommer 1933 an einen offensichtlich begeisterten nationalsozialistischen Freund: „Ich bin Jude, und ich gehe nun ins Ausland.“ Bildquelle: Akademie der Künste/Medienarchiv
Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (Mitte; zusammen mit Bodo Uhse, links, und Anna Seghers) kehrte 1933 nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nicht mehr von einer USA- und Englandreise nach Deutschland zurück.
Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (Mitte; zusammen mit Bodo Uhse, links, und Anna Seghers) kehrte 1933 nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nicht mehr von einer USA- und Englandreise nach Deutschland zurück. Bildquelle: Institut für Publizistik/Freie Universität Berlin

Durch die Übergabe der Macht an den Nationalsozialisten war für viele Menschen der Gang ins Exil unabwendbar. Nur bei sehr wenigen führte dies nicht zu einer dauerhaften Beschädigung ihrer Persönlichkeit, ihrer Identität. Der Bruch mit der Kultur, den die Flucht aus Deutschland nach sich zieht, hinterließ deutliche Spuren bei den Betroffenen. So glückhaft die Errettung vor Verfolgung und Ermordung, so schmerzvoll die Vertreibung aus der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Dass das faschistische Regime von Anbeginn – Schritt für Schritt und ohne jede diplomatische Zurückhaltung – gegen vermeintliche und wirkliche politische Gegner und ganz besonders gegen jüdische Bürger vorgehen würde, diese frühe Befürchtung wurde nun Wirklichkeit. 

Alfred Kerr, der berühmteste Theaterkritiker des Weimarer Theaters, veröffentlicht schon 1931 seine vergebliche Warnung vor den Nationalsozialisten und findet kaum Gehör. Sein Flugblatt – veröffentlicht um 1932 – verschärft den Ton: „Schwindel ohne Leistung … das ist die N.S.D.A.P. Erlogene Versprechungen als Köder … das ist die N.S.D.A.P. Lasst euch von den großsprecherischen Quacksalbern nicht dumm machen! Sie wollen nichts als die brutale Macht und eine Herrschaft blutigster Barbarei! Wer liest ihn, wer hört ihm zu, wer nimmt ihn ernst? Rhetorische Fragen angesichts des Endes von Weimar!“

Flucht aus Deutschland, Verfolgung in Deutschland

Mit Blick auf den Siegeszug des deutschen Faschismus ist die Ernüchterung groß. Eine gespaltene Arbeiterschaft gibt kampflos nach; die Hoffnungen auf die am besten organisierte Arbeiterbewegung Europas sind zerstoben; nur im Wiener Bezirk Floridsdorf wird sich 1934 kurzfristig jener Widerstand regen, den die sozialdemokratischen beziehungsweise kommunistischen Theoretiker erwartet haben. Hitler kann nach einem zeitlichen Interregnum von zwei bis drei Jahren auf eine Massenbasis bauen, die ihm innenund außenpolitische Freiräume eröffnet.

Die Konsequenz: Fluchtwellen aus Deutschland oder Verfolgung in Deutschland für jene, die jüdischer Abstammung sind – eine Tatsache, die ihnen oft erst durch Hitler ins Bewusstsein eingebrannt wird.

Julius Bab, homme de lettres und Wissenschaftler zugleich, schreibt im Sommer 1933 an einen jungen, offensichtlich begeisterten nationalsozialistischen Freund feinsinnig- doppelbödig: „Ich bin Jude, und ich gehe nun ins Ausland. Und zwar viel gründlicher, als ob ich die französische oder schweizerische Grenze hinter mich brächte!“ Was meint er damit? Bab will sich einbringen in die Vorstandsarbeit des Berliner Jüdischen Kulturbunds, eine Enklave und ein befristetes Überlebensprojekt für diejenigen jüdischen Mitbürger, die Deutschland – aus welchen Gründen auch immer – nicht verlassen können oder wollen. Ausschließlich an die im Land Gebliebenen darf sich der eingetragene Verein mit seinen Aktivitäten wenden – ohne jede Werbung oder Verlautbarung in der Öffentlichkeit. Selbst der Kartenverkauf ist von den Nazibehörden untersagt. „Der Kulturbund verfolgt den Zweck, die künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung zu pflegen und für die Arbeitsbeschaffung zugunsten jüdischer Künstler und Wissenschaftler nutzbar zu machen“, heißt es in Paragraf 1 der Satzung. Kunst, Kultur und Wissenschaft von „Juden“ für „Juden“, von Deutschen für Deutsche.

Eine doppelte Ghettoisierung, nach innen und nach außen

Die zynische Folge: deren doppelte Ghettoisierung nach innen und nach außen. Bab kann dann schließlich doch noch über Frankreich in die USA emigrieren und zwar gleich nach dem Novemberpogrom von 1938, der sogenannten Reichskristallnacht. In Paris verfasst er das ergreifende Abschiedsbuch Leben und Tod des deutschen Judentums. Bab schreibt jetzt aus der Erinnerung, und er ist sich sicher ob der Endgültigkeit seines Eingangssatzes: „Es ist an der Zeit, den Nekrolog des deutschen Judentums zu schreiben.“ Bab arbeitet mit seinem Text nicht nur an der Erinnerungskultur, am Mnemosyne-Projekt des Exils; er verschafft sich damit auch eine Möglichkeit, in der deutsch-jüdischen Kultur weiterhin Halt zu finden. Er schreibt gegen das Vergessen an, er schreibt im wahrsten Sinne des Wortes ums eigene Überleben.

Fremd in der Welt, zu Hause in der Sprache

Die deutsche Sprache, das Schreiben in der deutschen Sprache versprechen Geborgenheit, in gewisser Weise sogar Schutz vor den Unbilden des Exils – Fremd in der Welt, zu Hause in der Sprache, so fühlte sich auch schon Adelbert von Chamisso, der in der Folge der Französischen Revolution als Kind nach Berlin verschlagen wurde und zu einem der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache aufstieg. Die Selbstvergewisserung im Schreiben, das heißt im Fixieren des Flüchtigen, bietet erstaunliche Auswege aus der dem Gang ins Exil geschuldeten Ausweglosigkeit. Das Eintauchen in die deutsche Kultur lässt wiederauferstehen, was die Nationalsozialisten anmaßend und räuberisch zugleich an sich gerissen, okkupiert und zur „teutschen Kultur“ umgebogen haben.

Dagegen anzuschreiben treten besonders die Exilanten an. Zerstörte Sprache, zerstörte Kultur heißt nicht zufällig Ernst Blochs Vortrag vor dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller in New York 1939. Er verkündet eine tiefe Wahrheit: „Man kann eine Kultur nicht erhalten und fortentwickeln, ohne in der Sprache zu sprechen, worin diese Kultur gebildet ist und lebt.“ Und für das Schreiben, die festgehaltene Sprache, gilt dasselbe.

Der Vertreibung ins kulturelle Niemandsland die Stirn bieten

Sein Opus Magnum Das Prinzip Hoffnung verfasst er selbstredend auf Deutsch, und damit ist dann Blochs Haltung die Exekutierung eines Versprechens vor aller Welt, nämlich durchzuhalten und der Vertreibung ins kulturelle Niemandsland die Stirn zu bieten.

Denn nicht jeder kann wie Thomas Mann am 22. Februar 1938 in der New York Times verkünden: „Where I am, there is Germany. I carry my German culture in me.“ Die von den Nationalsozialisten praktizierte Zurichtung macht selbst vor dem Schriftbild, der gedruckten Schrift, nicht halt: Fraktur wird wegen ihres altertümlichen Erscheinungsbilds als deutsche Schrift von oben gegen moderne Schriften durchgesetzt. Insofern ist die Reserve gerade der Exulanten gegen diese, an das Mittelalter gemahnende Geschichtstümelei sehr verständlich. Wenngleich solch ein Kampfplatz eher abseitig ist, so zeigt sich doch auch darin die kulturelle Enteignung durch den deutschen Faschismus.

Wenn also im Exil – mühsam genug und oft bis an die Grenzen physischer und psychischer Belastbarkeit gehend – an der Errettung der deutschen Sprache gearbeitet wird, damit diese nicht, wie es bei Anna Seghers heißt: „knarrte und knirschte […] wie die Sprache, die aus den Kehlen der Nazis kam, in mörderischen Befehlen, in widerwärtigen Gehorsamsbeteuerungen, in ekligen Prahlereien“, so verteidigen die aus Deutschland Vertriebenen ein hohes Gut deutscher Kultur: die Sprache der in der Welt angesehenen deutschen Dichter und Denker. Und diese Schreib-, Sprach- und – daraus folgend – Lese-Arbeit im Exil verspricht gleichsam als Belohnung Trost: „Ich vergaß meine tödliche Langeweile. Und hätte ich tödliche Wunden gehabt, ich hätte auch sie im Lesen vergessen. Und wie ich Zeile um Zeile las, da spürte ich auch, dass das meine Sprache war, meine Muttersprache, und sie ging mir ein wie die Milch dem Säugling“, schreibt Anna Seghers.

Die Bewahrung der eigenen Identität durch die Sprache

Die Bewahrung der eigenen Identität scheint geknüpft zu sein an die deutsche Sprache. In ihr zu sprechen, mehr noch, zu schreiben, ist im Kern dem Überlebenwollen geschuldet – selbst auf die Gefahr hin, als Außenseiter im Exil doppelt, nämlich als Exulant und als Deutscher stigmatisiert zu werden. Allein, es bleibt Tatsache, dass gerade die wichtigsten Exilzeitschriften und -zeitungen – vor allen Pariser Tageblatt/Pariser Tageszeitung, Die neue Weltbühne oder Das neue Tage- Buch – auf Deutsch erschienen. Die Vertrautheit, die sich als sprachliche Sicherheit in den Texten darstellt, suggeriert auch Heimat, Geborgenheit. Hinzu kommt die Treffsicherheit im Ausdruck. Lotte Lenya, die weltläufige Frau von Kurt Weill, kann sich umgangssprachlich in Amerika zwar sehr gut verständigen, träumen aber, träumen wird sie ihr Leben lang deutsch. Nicht jeder ist einer Fremdsprache so mächtig wie beispielsweise Lion Feuchtwanger oder Alfred Kerr, die ohne große Anstrengungen auf Englisch oder Französisch schreiben.

Sprache und Schreiben als Helfer des Überlebenskampfs

In welcher Sprache auch immer man sich auszudrücken versucht, es bleibt der Akt des Schreibens, dem offensichtlich eine Kraft innewohnt, die zu überleben hilft. Doch auch hier gibt es gewichtige Einwände gegen allzu euphorische Selbstsicherheit. „Aber wir, die sich mit Haut und Haaren der Sprache verschrieben hatten, was war mit uns? Mit denen, die ihre Sprache nicht loslassen wollten oder konnten, weil sie wussten, dass Sprache nicht ‚Sprache’ war, sondern Denken, Fühlen und vieles anderes? Sich davon ablösen? Aber das heißt mehr, als sich die Haut abziehen, das heißt sich ausweiden. Selbstmord begehen. So blieb man, wie man war – und man war, obwohl man vegetierte, aß, trank und lachte, ein lebender Leichnam.“

So lautet ein später Eintrag in Alfred Döblins autobiographischen Aufzeichnungen. Die unlösbare Verkettung mit ihrer Mutterprache führt gerade im Exil bei Literaten, Schriftstellern und Publizisten zu tiefen Verletzungen, Brüchen und Irritationen. Um wieviel gravierender sind die Beschädigungen bei den Überlebenden des Holocausts! „Im Herbst 1945, mit 22 Jahren, fing ich an, jene Lebenserfahrung literarisch zu verarbeiten: jene Erfahrung an den Tod. Aber es war mir unmöglich. Man verstehe mich. Es war mir nicht unmöglich zu schreiben – es wäre unmöglich gewesen, das Schreiben zu überleben. Das einzige vorhersehbare Ende jenes Abenteuers, Zeugnis ablegen zu wollen, wäre mein eigener Tod gewesen.“ Jorge Semprún schreibt im Wissen um seine existenzielle Gefährdung im Vernichtungslager Buchenwald. Vor der Ungeheuerlichkeit ständiger Todesangst droht der Schutz im Schreiben zu zerbröckeln; die sprachliche Umsetzung des Erlebten und Durchlebten versagt vor dem unfassbaren Grauen, vor dem tagtäglichen Tod. Der Schock, überlebt zu haben, paralysiert den Überlebenden im Angesicht der Millionen von Opfern. Und doch kann – so oder so – nur die Wiederentdeckung der eigenen Sprache, das Sprechen, Schreiben und das Lesen die Wucht der traumatisierenden Erfahrung lindern.