Glaube in Stichpunkten

Kurz-fundiert

09.12.2009

Der Glaube treibt den Menschen zu Höchstleistungen, im Guten wie im Schlechten.
Der Glaube treibt den Menschen zu Höchstleistungen, im Guten wie im Schlechten. Bildquelle: photocase/jana-milena und Wikimedia http://www.photocase.de/foto/143414-stock-photo-meer-haus-schwarz-ernaehrung-einsamkeit-tier

Der Glaube treibt den Menschen zu Höchstleistungen, im Guten wie im Schlechten. Er ließ ihn riesige Tempel bauen und prachtvolle Kirchen; er spendet Trost und gibt Kraft. Glaube diente als Kriegsgrund, er trat auf als Feind der Wissenschaft, als Verführer und Despot. Und er beherrscht die letzten Seiten in diesem Heft: Glaube in Stichpunkten.

Woher stammt das Wort Glaube?

Das Verb „glauben“ geht zurück auf das Wort „ga-laubjan“, mit dem die Germanen „für lieb halten“ und „gutheißen“ meinten. Schon damals bezog sich das auf ein freundschaftliches Vertrauen zu den Gottheiten, die die heidnischen Germanen verehrten. Nach der Christianisierung bezeichnete es dann das religiöse Verhalten des Menschen zu Gott.

Wie verbreitet ist der Aberglaube?

Mehr und mehr Deutsche glauben an Talismane, Vorzeichen und Symbole. Fast jeder Zweite vertraut auf die Macht des vierblättrigen Kleeblatts, wie das Umfrage-Institut Allensbach ermittelte; fast ebenso viele hoffen auf die positive Wirkung von Sternschnuppen. Fast jeder Dritte verbindet etwas Negatives mit der Zahl 13. Und viele schreiben auch Hufeisen, Schornsteinfegern und schwarzen Katzen einen Einfluss auf das persönliche Schicksal zu. Seit 1973 untersuchen die Meinungsforscher, wie verbreitet der Aberglaube ist – und kommen zu dem Ergebnis: Im letzten Vierteljahrhundert nahm der Glaube an Übersinnliches zu. In Westdeutschland haben damals beispielsweise nur halb so viele Menschen, nämlich 22 Prozent, daran geglaubt, dass es einen bedeutungsvollen Zusammenhang zwischen ihnen und einem zufällig durch den Weltraum sausenden und verglühenden Meteoriten gibt. Woran die Deutschen allerdings nicht glauben: Dass es eine Wirkung hat, einen Buckligen zu berühren, nur ein Prozent bejahte die Frage danach. Andere Untersuchungen zeigen, dass auch Naturwissenschaftler bisweilen abergläubisch sind. Eine Umfrage aus dem Jahr 2008, durchgeführt in Neuseeland, zeigt: Auch einige Biologen, Chemiker und Physiker glauben daran, dass Edelsteine heilend wirken können.

Aberglaube bei Tauben: Wie tief sitzt der Aberglaube?

Fußballer haben Glücksschuhe, Studenten ihren Klausurfüller, von einigen Politikern heißt es, sie vertrauten auf die Kraft bestimmter Krawatten. Die Forschung zeigt: Viele Menschen neigen zu der Annahme, dass Dinge kausal zusammenhängen, wenn sie gleichzeitig geschehen: Wer ein Spiel, eine Prüfung, eine Rede mit Erfolg absolviert, baut schnell auf persönliche Glücksbringer. Sogar Tiere verhalten sich mitunter ähnlich. Der Verhaltensforscher Burhuss Skinner schrieb bereits 1948 über „Aberglaube bei Tauben“. Eingesperrt in einen Kasten, in den alle 15 Sekunden Futter gekippt wurde, verhielten sich die Vögel ziemlich merkwürdig: Einige drehten sich um sich selbst, andere schleuderten heftig ihren Kopf umher, wieder andere streckten ihren Schnabel in bestimmte Richtungen. Skinner entdeckte, dass die Hühner jene Bewegungen wiederholten, die sie gemacht hatten, als das Futter in die Kiste fiel – eine Art Futtertanz. Immer wenn Bewegung und Futtereinwurf durch Zufall wieder zusammentrafen, bestärkte das die Tiere in ihrer Konditionierung. Ähnliches zeigte sich bei Versuchen mit Menschen: Durch Tänze und Sprünge versuchten Probanden bei einem Experiment in Tokio in den 80er Jahren eine völlig zufällig ablaufende Leuchtsequenz zu beeinflussen. Im Alltag funktioniert das ähnlich. Da wir oft nicht wissen, welche Kleinigkeit ausschlaggebend war für einen Erfolg, versuchen wir beim nächsten Mal alles ganz genau zu wiederholen. Zudem vermitteln feste Rituale das Gefühl, eine Situation kontrollieren zu können. Diese Verhaltensmuster sind hartnäckig: Wir halten an Glücksbringern und Ritualen fest, auch wenn sie nicht das gewünschte Ergebnis bringen.

Intuitives Erfahrungssystem: Warum sitzt der Aberglaube so tief?

Einige Forscher argumentieren, dass abergläubisches Verhalten zum evolutionären Anpassungsprozess gehört. Auch wenn das Verhalten der Tauben aus Skinners Experiment unsinnig erscheinen mag, in einer natürlichen Umgebung ist es entscheidend für die Artsicherung. Wenn Tiere lernen, welches Verhalten zur erfolgreiche Nahrungssuche beiträgt, erhöht das die Überlebens-Chancen. Den menschliche Drang, nach kausalen Zusammenhängen zu suchen, selbst wenn sie nicht existieren, nennt der Psychologe Seymor Epstein von der University of Massachusetts intuitives Erfahrungssystem, das unbewusst, gefühlsbetont und automatisch funktioniert. Auch deshalb sind Entscheidungen, die sprichwörtlich aus dem Bauch heraus getroffen werden, oft logisch nicht begründbar – ohne deswegen falsch sein zu müssen. Nach Ansicht einiger Forscher half dieses Verhalten im evolutionären Prozess, etwa beim Erkennen von Gefahren: Wer das Gras rascheln hört und flüchtet, geht auf Nummer sicher – ein Tiger könnte sich anschleichen.

Glaube – Drive Trough: Warum gibt es Autobahnkirchen?

Über fünfzig Jahre ist es her, 1958 wurde die erste Autobahnkirche eingeweiht, an der A8 bei Adelsried. Mittlerweile sind es 27 Gotteshäuser, die entlang der Fernstraßen stehen. Die meisten Gläubigen auf der Durchreise kommen in die St. Christopherus-Kirche an der A5 bei Baden-Baden, etwa 300.000 pro Jahr. Der Pfarrer dort glaubt, die Leute kommen, weil der Urlaub sie aus dem Alltag herausholt – und wenn sie dann das Hinweisschild zu seiner Kirche sehen, die Gelegenheit nutzen für Stille und Gebet.

Lahme laufen, Blinde sehen – zum christlichen Glauben gehört das Wunder. Aber wer entscheidet, welche Tat wirklich ein Mirakel ist?

Sie arbeiten gründlich im Vatikan, prüfen jede Einzelheit. Die Mitarbeiter der päpstlichen „Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse“ befinden darüber, wessen Handeln auf Erden so gottgefällig war und wessen Taten so wunderbar, dass er fortan als selig oder gar als heilig verehrt werden darf. Es ist ein streng geregelter Verwaltungsakt: Infrage kommen Wundertäter und Märtyrer. Ein sogenannter Aktor muss einen Antrag stellen, um das Verfahren zu eröffnen, das kann ein Gläubiger sein oder eine Ordensgemeinschaft. Ein Postulator sammelt dann alles Wissenswerte über den Kandidaten, befragt Zeugen, fasst das Leben zusammen. Schließlich sichtet der zuständige Diözesanbischof die Unterlagen. Erst wenn er das Vorhaben für aussichtsreich hält, sendet er die Causa, wie jeder Fall heißt, an die Mitarbeiter im Vatikan. Es folgt ein langwieriges Prüfverfahren, vor allem bei Heiligsprechungen. Zeugen müssen die Evangelien berühren, schwören, dass sie die Wahrheit sagen und sich verpflichten, sich umgehend zu melden, falls ihnen später noch etwas einfallen sollte, was gegen den Kandidaten sprechen könnte. Mit der Causa beschäftigen sich ein sogenannter Glaubensanwalt, theologische Konsultatoren, Bischöfe und Kardinäle. Schlussendlich verfasst der Sekretär der Heiligenkongregation einen Bericht für den Papst, der dann per Dekret entscheidet. Nur wer zuvor selig gesprochen wurde, kann auch in den Heiligenstand erhoben werden. Momentan laufen über 1000 Verfahren.

Die NASA wählt den Namen "Auge Gottes". Was ist das Auge Gottes?

650 Lichtjahre von der Erde entfernt, im Sternenbild des Wassermanns, ist mit Hochleistungsteleskopen der sogenannte Helix-Nebel zu erkennen, eines der beeindruckendsten Bilder aus den Weiten des Alls. Eine rot glimmende Fläche, umschlossen von türkisfarbenen Strahlen und Mustern. Da die Aufnahme des Weltraumteleskops Spitzer an ein Auge erinnert, entschieden sich Nasa-Forscher für den Namen „Auge Gottes“. Es gibt allerdings auch in der Symbolik ein Auge Gottes: ein Dreieck, darin ein Strahlenkranz und im Zentrum ein Auge. Es steht für die immerwährende Wachsamkeit des Allmächtigen – ursprünglich ein kirchliches Symbol. Heute schmückt es auch den Ein-Dollar-Schein.

Zum katholischen Glauben gehört die Beichte: Aber wem beichtet der Papst?

Zu den Aufgaben eines jeden Katholiken gehört es, begangene Sünden zu beichten und um Vergebung zu bitten, und zwar bei einem Priester, stellvertretend für Gott. Dieselbe Pflicht gilt auch für den Papst. Er ist zwar selbst Stellvertreter Christi auf Erden, unterscheidet sich bei der Beichte aber nicht von anderen Gläubigen. Kirchliche Würdenträger nehmen sich in der Regel gegenseitig die Beichte ab, und so wählt sich auch der Papst jemanden aus seinem Umfeld, dem er vertraut.