Riesenstädte – neue Beziehungsspiele

Chancen von sich globalisierenden Stadtregionen

10.06.2009

Silhouette des nächtlichen Hongkong.
Silhouette des nächtlichen Hongkong. Bildquelle: iStockphoto
Die Mehrzahl der Menschen weltweit lebt in Städten. Die Mega-Citys und die sich entwickelnden Regionen ziehen viele Menschen auf der Suche nach Arbeit an – hier Wanderarbeiter in Peking, die in Wohncontainern untergebracht sind.
Die Mehrzahl der Menschen weltweit lebt in Städten. Die Mega-Citys und die sich entwickelnden Regionen ziehen viele Menschen auf der Suche nach Arbeit an – hier Wanderarbeiter in Peking, die in Wohncontainern untergebracht sind. Bildquelle: Klaus Segbers
Ansicht Londons mit Blick in Richtung St. Paul’s Cathedral: London ist neben Moskau die wohl einzige Stadt Europas, die sich im Sinne einer sich globalisierenden Stadtregion entwickelt.
Ansicht Londons mit Blick in Richtung St. Paul’s Cathedral: London ist neben Moskau die wohl einzige Stadt Europas, die sich im Sinne einer sich globalisierenden Stadtregion entwickelt. Bildquelle: Sabrina Wendling

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Konfiguration traditioneller internationaler Beziehungen erheblich verändert. Ursache ist eine sich verstärkende und beschleunigende Globalisierung. Globalisierung ist ein Prozess, der durch ein weltweites Zusammenspiel von Kapital-, Informations-, Güter-, Dienstleistungs- und Menschenströmen entsteht. Er wird ermöglicht durch neue Technik wie die Digitalisierung und wird vorangetrieben durch Gewinnkalkulationen. Globalisierung ist in diesem Sinne zu verstehen als ein „geschehender“, nicht primär inszenierter Prozess. Globalisierung als solche ist nicht „neu“. Internationalisierung von Handel und Produktion gibt es seit langer Zeit. Aber ihr allumfassender Charakter, die Geschwindigkeit des Wandels und der generelle Eindruck von Beschleunigung sind in dieser Form gewiss neu. Was aber bedeutet das für die großen Städte der Welt?

Ströme von Kapital und Inhalten

Im Zusammenhang mit der Globalisierung hat sich der Ost-West-Konflikt aufgelöst und mit ihm das seit dem Zweiten Weltkrieg vorherrschende und insgesamt gesehen stabilisierende bipolare System. Die Zahl inter- und transnational relevanter Akteure hat sich erheblich erhöht.

Zugleich sind diese Akteure nun in Spielen auf mehreren Ebenen befangen – die Fixierung auf die nationalstaatliche Ebene ist bei Weitem nicht mehr ausreichend. Souveränität diffundiert nach oben – zum Beispiel zur Ebene der Europäischen Union – nach unten, etwa zu Regionen und Städten mit globaler Wirkung, und seitwärts in Richtung von Nichtregierungsorganisationen, großen Kapitalgruppen und Firmen. Das klassische, auf dem modernen Nationalstaat basierende „Westfälische System“ existiert nicht mehr.

Die akute Krise der globalen Kapitalmärkte und die damit verbundenen Absatz-, Wachstums- und Investitionskrisen führen zu staatlichen Hilfs- und Notprogrammen, aber nicht zu einer grundsätzlichen Renaissance von Staatlichkeit. Die inzwischen dominanten Ströme von Kapital und Inhalten – Informationen und Unterhaltung – sowie die Migration von Menschen können Regierungen nicht mehr wirksam kontrollieren und steuern.

Stattdessen bewegen sich diese Ströme zwischen Städten verschiedener Bedeutungshierarchien wie Flugzeuge zwischen Flughäfen. Da Ströme ihrer Definition nach grenzüberschreitend sind, bewegen sie sich weniger zwischen Ländern als zwischen Konzernzentralen und -filialen, in Netzwerken unterschiedlicher Art, und – zunehmend – zwischen Städten. Städte sind die Anziehungspunkte für Kapitalbewegungen, für Inhalte und Visionen sowie für Menschen in Bewegung.

Orientierung auf einen globalen Kontext

Damit rücken Städte auch immer mehr in das Blickfeld von Sozialwissenschaftlern und speziell der Politikwissenschaftler. Dabei sind primär weder besonders große noch sehr kleine Städte interessant – Einwohnerzahl und Fläche sind nicht per se von Bedeutung. Als Mega–Citys bezeichnet man Städte mit mehr als zehn Millionen Menschen als Bevölkerung, und die Zahl der Städte in dieser Gruppe wächst rasch. Seit 2008 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten aller Art.

Aber auch eine sehr große Stadt kann politisch unbedeutend sein. Wichtiger ist eine andere Gruppe von Städten – jene, die sich aktiv in die oben erwähnten Ströme einbinden. Solche Städte können keine kleinen sein, sie sind aber auch nicht zwangsläufig besonders groß. Ich nenne diese Einheiten „Globalizing City Regions“ (GCR), im Deutschen etwas umständlich zu fassen als sich globalisierende Stadtregionen. Mit dieser Bezeichnung erfasst sind der Prozesscharakter, in dem sich diese Städte befinden, die aktive Orientierung auf einen globalen Kontext und die Einbeziehung des Umfelds von städtischen administrativen Einheiten, also der Blick über die klaren Stadtgrenzen hinaus in Vororte und funktional eingebundene Nachbargemeinden.

Um die politische und transnationale Rolle dieser GCRs zu verstehen, müssen Disziplinen wie Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Urbanistik, Soziologie, Kulturwissenschaften und regional bezogene Wissenschaften zunehmend kooperieren. Diese Kooperationserwartung richtet sich auch an die Überbrückung der oft als heikel empfundenen Grenze zwischen Sozial- und Naturwissenschaften und auch der Medizin. Public Health, Klimaforschung, Veterinärmedizin, Architektur und andere Disziplinen sollten hier unter sinnvollen und präzisen Fragen zueinander finden. Einige sollen genannt werden, ohne dass hier Antworten gegeben werden könnten.

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Die technische Infrastruktur einer sich globalisierenden Stadtregion sollte hervorragend sein. Besonderes Augenmerk sollte auch Bildungseinrichtungen gelten sowie Kommunikation und Unterhaltung.
Die technische Infrastruktur einer sich globalisierenden Stadtregion sollte hervorragend sein. Besonderes Augenmerk sollte auch Bildungseinrichtungen gelten sowie Kommunikation und Unterhaltung. Bildquelle: Fotolia, Vasiliy Koval
Ehemals weltführend: Der Berliner Flughafen Tempelhof nahm 1923 den Linienverkehr auf und war einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands.
Ehemals weltführend: Der Berliner Flughafen Tempelhof nahm 1923 den Linienverkehr auf und war einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands. Bildquelle: Berliner Flughäfen / Archiv
Berlin ist ein sozialwissenschaftliches Rätsel – die Stadt genießt weltweit einen guten Ruf, obwohl sie wirtschaftliche und soziale Defizite hat.
Berlin ist ein sozialwissenschaftliches Rätsel – die Stadt genießt weltweit einen guten Ruf, obwohl sie wirtschaftliche und soziale Defizite hat. Bildquelle: Land Berlin – Presse- und Informationsamt des Landes Berlin und Berlin Partner GmbH 62 Freie Univer si tät Berlin

Wer regiert die Städte?

Diese Frage wirkt zunächst vielleicht eigenartig. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass gewählte oder ernannte Stadtverwaltungen nur eine Spielergruppe sind unter mehreren. Mit viel Kapital ausgestattete Investorengruppen treten hinzu, ebenso wie örtliche Medien und möglicherweise Graswurzelbewegungen (die sich oft gegen Planungsvorhaben wenden). Die Interaktion zwischen diesen Gruppen muss jeweils im Einzelfall bestimmt werden, wobei die informelle Seite von Beziehungen oft wichtiger ist als die formale Seite.

Wird Steuerung verlagert von der nationalen zur regionalen Ebene? Werden private Lösungen den öffentlichen zunehmend vorgezogen? Manche ehemals auf nationaler Ebene geregelten Fragen sind heute dezentralisiert. Zugleich sind einige früher als öffentliche Güter angebotene Dienstleistungen nun teilweise privatisiert – vor allem in der Grundversorgung wie Wohnen, Wasser, Müllabfuhr, Sicherheit oder Ausbildung. Hier sind Effizienz- und Kostenvergleiche interessant.

Welche Voraussetzungen müssen Städte und globalisierte – oder sich globalisierende – Stadtregionen erfüllen, um sich erfolgreich in globalisierte Ströme einbinden und Investitionen anziehen zu können? Regionale und politische Einheiten, die sich vorteilhaft in einer sich globalisierenden Welt positionieren wollen, müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen – oder sich bemühen, die Entwicklung in diese Richtung zu lenken. Sechs Punkte können hier genannt werden:

Identität schafft Wettbewerbsvorteil

Erstens muss die territorial-politische Einheit überschaubar und erkennbar sein. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Überschaubarkeit und guter Organisationsfähigkeit (governance). Zum anderen ist Identitätsbildung, und zwar glaubwürdige Identitätsbildung, eine wesentliche Voraussetzung dafür, Wettbewerbsvorteile zu erlangen – beim Marketing und bei der Platzierung angefangen bis zu Kriterien wie Avantgarde- und Coolness-Werte.

Zweitens sollten transnationale Unternehmen und Holdings in einer solchen Region mit Stabsquartieren präsent sein oder zumindest mit Filialen oder Repräsentanzen. Das ist ein wichtiges Anzeichen dafür, dass einer Region Entwicklungspotenzial zugeschrieben wird. Entsprechend sollte eine aussichtsreiche territorialpolitische Einheit eine kritische Masse von spezialisierten Dienstleistungen aufweisen – das sind Finanzdienstleistungen, Rechtsberatungen, Banken, Börsen und andere.

Die inter- und transnationale Einbindung (Außenhandelsverknüpfung, internationale Organisationen, internationale Konferenzen, internationale Messen, transnationaler Tourismus, Anteil ausländischer Studierender) einer solchen Region sollte drittens hoch sein. Zudem bedarf es als Grundlage einer guten Infrastruktur (Punkte vier bis sechs). So wird viertens eine ausgezeichnete Verkehrsanbindung benötigt. Das betrifft insbesondere den Fracht- und Personenflugverkehr. Die Einheit sollte ein transregionaler Gateway sein.

Fünftens müssen die Bildungseinrichtungen aller Stufen hervorragend sein. Sogenanntes Humankapital sollte nicht überwiegend „importiert“ werden müssen, zumal Leistungsträger auch für ihre Familien und Kinder exzellente Bildung nachsuchen werden.

Sechstens muss die Versorgung der Region mit einem breit angelegten Unterhaltungsangebot gewährleistet sein. Die Dichte an Internet-Dienstleistungen und Providern sollte hoch sein, DSL und weitere neue Kommunikationsangebote müssen im Wettbewerb stehen sowie Sport und Unterhaltung blühen – im internationalen Maßstab, zum Beispiel die Champions League im Fußball und die Formel 1 im Autorennen. Auch ist es nötig, elementaren Sicherheitsbedürfnissen der Bevölkerung und der Zuziehenden zu entsprechen.

Insgesamt muss die trans- und internationale Vernetzung stark ausgeprägt und verankert sein. Nicht alle diese Bedingungen müssen unbedingt sofort und in gleichem Umfang erfüllt sein. Keine Region kann in kurzer Zeit von einer hinteren Startreihe in die Pole-Position kommen. Das Ziel aber sollte realistisch gesteckt werden. Und es sollte lauten, die relativen Positionen in den kommenden fünf bis zehn Jahren um eine Klasse zu verbessern. Das wird heißen, dass in einigen dieser Bereiche Zweitliga-, in anderen Erstliga-Format angestrebt werden sollte.

Messbare und „weiche“ Faktoren

Insgesamt kommt es auf zwei Faktorengruppen an, um die Chancen einer potenziellen sich globalisierenden Stadtregion (GCR) zu beurteilen: auf objektive, messbare Indikatoren und auf „weiche“ Faktoren wie die Fähigkeit, ein erfolgreiches Marketing in eigener Sache zu betreiben. Die Stellung und Funktion einer GCR im Spiel der globalen Ströme ist sehr wichtig. Nicht minder wichtig aber sind die Markenfähigkeit und die „Verkaufsargumente“, also die Reputation einer GCR.

Werden diese und ähnliche Kriterien exakt angelegt, ergibt sich für Europa, dass vielleicht nur zwei Städte einen GCR-Status beanspruchen können: London und Moskau. Wenige wichtige GCRs gibt es auch in den USA, immer mehr dagegen in Asien. Das spiegelt die wachsende Bedeutung nicht so sehr dieses Kontinents als solchem, sondern der Richtungen, die Kapital- und Inhaltsströme nehmen. Städte wie Tokio und Singapur oder Hongkong überraschen hier nicht so sehr, Schanghai und Peking schon mehr. Auch Bombay und Bangalore sind in diesem Zusammenhang zu nennen, ebenso Guangzhou/Kanton.

Berlin hat ein gutes Ansehen

Es sei noch kurz auf Berlin eingegangen. Nach allen messbaren Kennziffern ist Berlin weit entfernt vom Status einer GCR. Berlin ist gewiss kein Verkehrsknotenpunkt – es ist in Ermangelung internationaler Verbindungen aus der Luft schwer erreichbar, anders als Frankfurt am Main und München. Berlin hat keine nennenswerte Industrie, kein Finanzkapital gemessen an Frankfurt und Düsseldorf, und ist nur ein mäßiger Medienplatz, anders als München und Hamburg. Rund 60 Milliarden Euro Schulden schon weit vor der aktu- ellen Finanzkrise sind kein Qualitätsausweis für gute Politik.

Die Berliner Politik weiß das und sucht aus ihren Schwächen eine Tugend zu machen – „arm aber sexy“, lautete ein Slogan im Wahlkampf der Landes-SPD. Und in der Tat – wer viel reist, weiß, dass die Auskunft auf die Frage, woher man kommt, oft ein staunendes, anerkennendes „Wow“ hervorruft. Wir haben hier den interessanten Fall einer guten Reputation weltweit bei durchgängig fehlenden positiven ökonomischen und sozialen Kennziffern, zum Beispiel Überalterung und ein hoher Anteil sozial Schwacher: So gesehen ist Berlin ein sozialwissenschaftliches Rätsel.

Tendenz zur Abriegelung

Die zunehmende Bedeutung von GCRs kann für zahlreiche Politikfelder belegt werden: Grundversorgung, städtische Planung, transnationale Vernetzung von Stadtregionen, Eigentumsrechte, Steuersätze, Infrastruktur, Identitätsbildung, Markenbildung, außerdem Sicherheit. In Zeiten grassierenden Unsicherheitsempfindens richten sich besonders viele Erwartungen von Bürgern auf die Organisation von Sicherheit.

In diesem Politikfeld gibt es sowohl nach außen wie im Innern bedeutsame Entwicklungen. An internationaler staatlicher Sicherheit arbeiten noch immer primär Soldaten – sofern militärische Aktionen nötig erscheinen. Zunehmend aber gibt es hier auch eine private Komponente, wie die Erfahrungen nicht nur im Irak klar zeigen. In den Städten allerdings, vor allem in den großen mit erheblichen sozialen und kulturellen Klüften, gibt es eine klare Tendenz zur Privatisierung von Sicherheit. Diejenigen, die es sich leisten können, nehmen die Absicherung ihrer Wohn- und Arbeitsstätten in eigene Hände oder übertragen diese privaten Sicherheitsfirmen. Dasselbe gilt für ehemals öffentliche Plätze wie Einkaufszentren. Es gibt eine klare Tendenz zu einem abgeriegelten Leben, die eine tendenzielle Privatisierung ehemals öffentlicher Güter zeigt. Ähnliche Trends gibt es in der Grundversorgung – Wasser zum Beispiel oder auch Transport und Wohnen.

Die Ergebnisse dieser Entwicklung sind nicht eindeutig. Es kommt teilweise zu Effizienzgewinnen, aber nicht immer und nicht unbedingt. Teilweise wird Sicherheit erhöht, aber bestehende soziale Differenzen werden so auch akzentuiert. Die GCR sind ein umfassendes, bei Weitem nicht erforschtes Feld – viel Stoff für künftige Forschung.

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Weitere Informationen

Prof. Dr. Klaus Segbers

Freie Universität Berlin, Osteuropa-Institut, Center for Global Politics, Garystraße 55, 14195 Berlin

www.oei.fu-berlin.de/index.html