Networking for Knowledge and Information

Netzwerken für erfolgreiches Unternehmertum

21.11.2006

Abb.1: Beziehungsstruktur der Teilnehmer des ersten Weiterbildungsdurchgangs in kreisförmiger Darstellung (circle view).
Abb.1: Beziehungsstruktur der Teilnehmer des ersten Weiterbildungsdurchgangs in kreisförmiger Darstellung (circle view). Bildquelle: Haase/Müller-Prothmann
Abb.2: Bewertung der jeweiligen Networking-Aktivitäten.
Abb.2: Bewertung der jeweiligen Networking-Aktivitäten. Bildquelle: Haase/Müller-Prothmann

Als die Mitarbeiter des Projekts Unternehmertum in der Wissensgesellschaft (UWG) beim Europäischen Sozialfonds Mittel für die Unterstützung einer Weiterbildung zum Unternehmer beantragten, stand vor allem eine Frage im Raum: Kann man Unternehmer ausbilden? Nach Abschluss des Projekts lautete die Antwort: Ja, man kann. Man kann Wissen vermitteln, das für das unternehmerische Handeln in einer Wissens und Dienstleistungsgesellschaft wichtig ist, man kann Handlungskompetenz fördern und persönliche Barrieren bezüglich der Unternehmerperspektive angehen. Universitäten können in diesem Teil der Erwachsenenbildung eine Rolle übernehmen, indem sie Unternehmer beim Aufbau von handlungsrelevantem Wissen und bei der Entwicklung unternehmerischer Kompetenzen unterstützen. Allerdings: Es gibt Besonderheiten der universitären Unternehmer-Weiterbildung. Eine davon ist, dass nicht nur Wissen von den Dozenten an die Teilnehmer weitergegeben wird, sondern dass die Teilnehmer selbst füreinander eine wichtige Wissensquelle sind, die durch Networking angezapft werden kann.

Unternehmer gelten schon seit Längerem als Personen, die intensives Networking betreiben, und das aus den unterschiedlichsten Gründen: etwa, um Ressourcen besser zu nutzen, um Innovationen einzuführen oder Prozesse, Produkte und Dienstleistungen zu verändern oder zu erneuern. Da Networking ein wichtiger Erfolgsfaktor für die unternehmerische Tätigkeit ist beziehungsweise Wissen für die unternehmerische Tätigkeit ganz wesentlich auch durch Networking erzeugt wird, muss es möglich sein, Networking durch Weiterbildung zu ermöglichen und zu fördern. Mit diesen Voraussetzungen startete im April 2004 das Weiterbildungsprojekt UWG als Kooperation der Fachbereiche Wirtschaftswissenschaft sowie Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin, das Ende September diesen Jahres nach fünf Durchgängen abgeschlossen wurde. Etwa 150 Personen hatten während der Projektlaufzeit an der Weiterbildung teilgenommen: Unternehmer und Freiberufler, Erwerbstätige und Nicht-Erwerbstätige. Von Anfang an wurde Wert darauf gelegt, Möglichkeiten für die Teilnehmer zu schaffen, sich zu vernetzen – so wurde die elektronische Infrastruktur eingerichtet, Kleingruppen (Erfolgsteams) gebildet, die sich neben dem „Weiterbildungsbetrieb“ trafen, und soziale Events organisiert.


Networking spielte und spielt bei der Entwicklung von unternehmerischen Fähigkeiten und Kompetenzen eine wichtige Rolle
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Unternehmertum in der Wissensgesellschaft

Unternehmertum in der Wissensgesellschaft – der Name der Weiterbildung betont bereits die Wissensperspektive und fokussiert jenen Teil der unternehmerischen Aktivitäten, der mit dem Aufbau von Wissen und der Suche nach Information zu tun hat. Dabei wird zwischen Wissen und Information unterschieden: Wissen wird dem Aufbau langfristiger Kompetenzen zugerechnet und Information dem zweckorientierten Handeln. Wissen und Information hängen daher eng zusammen, doch steht bei Informationen der Handlungsaspekt im Vordergrund. Networking dient aus dieser Perspektive der Wissensgenerierung und -konsolidierung sowie der Informationsgewinnung. Vor dem Hintergrund der großen Bedeutung, die dem Networking für unternehmerische Aktivität zugeschrieben wird, fragten sich die Projektmitarbeiter, ob sich auch unter den Teilnehmern der Weiterbildung wissensbezogene Netzwerke herausbilden würden, ob es Unterschiede zwischen den Teilnehmern im Hinblick auf die Netzwerkaktivitäten gäbe und ob eine Verbindung zwischen den Netzwerkaktivitäten der Teilnehmer und ihrer unternehmerischen Aktivität festzustellen sei. Diese Fragen wurden in einer Fallstudie mit den 29 Teilnehmern des ersten Durchgangs auf der Basis von zwei Fragebögen beantwortet (zu Beginn im August 2004 und zum Ende des Durchgangs im Februar 2005). Dabei wurden folgende Formen des Wissens- und Informationsaustauschs unterschieden:

  1. Austausch allgemeinen Wissens und allgemeiner Informationen,
  2. Austausch spezialisierten Wissens und spezialisierter Informationen,
  3. Austausch von Wissen und Informationen mit Bezug auf Kundengewinnung und Auftragserzielung,
  4. Austausch von Wissen und Informationen mit Bezug auf Kooperationen oder gemeinsame Projekte.

Der wesentliche Unterschied zwischen 1. und 2. sowie 3. und 4. liegt im konkreten Bezug zur unternehmerischen Aktivität: Der Austausch allgemeinen Wissens und allgemeiner Informationen hat nichts mit der unternehmerischen Aktivität und der Geschäftsidee zu tun. Der Austausch speziellen Wissens und spezieller Informationen dagegen berührt fachliche Bereiche oder Kompetenzen, die für die (Weiter-)Entwicklung der Geschäftsidee wichtig sein können. Während sich der Austausch von Wissen und Informationen bei 1. und 2. auch auf nichtunternehmerische Tätigkeiten beziehen kann, wird bei 3. und 4. nach Wissens- und Informationsaustausch in Bezug auf Neukunden, Aufträge und mögliche Kooperationen gefragt. Die zu Beginn und zum Ende des Durchgangs verteilten Fragebögen erzielten eine hohe Rücklaufquote: 24 von 29 Teilnehmern füllten den Fragebogen zu Beginn des Durchgangs aus und – nachdem sechs Personen die Weiterbildung in der Zwischenzeit verlassen hatten – 18 von 23 zu dessen Ende. Die Fragebögen wurden mittels Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse ausgewertet.

Abbildung 1 zeigt die Beziehungsstrukturen der Teilnehmer des ersten Weiterbildungsdurchgangs in einer kreisförmigen Darstellung (circle view), wobei jeder mit einer Nummer versehene Punkt einen Teilnehmer darstellt. Mit den Verbindungslinien zwischen den Punkten wird gezeigt, welche Teilnehmer Verbindungen zueinander haben. Die vier Netzwerke unterscheiden sich anhand der oben angeführten Formen des Wissensaustauschs, die die Verbindungen begründen. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Austausch unspezifischen Wissens und unspezifischer Informationen am weitesten verbreitet, gefolgt vom Austausch spezifischen Wissens und spezifischer Informationen. Beim Wissensaustausch in Bezug auf die konkrete unternehmerische Tätigkeit geht die Dichte des Netzwerks (das Verhältnis von aktuellen zu potenziellen Verbindungen) drastisch zurück – zu erkennen an der geringeren Zahl von Verbindungslinien zwischen den Punkten. Die Gründe dafür können vielfältig sein: Vorsicht oder Misstrauen der Teilnehmer, bisher kaum vorhandene unternehmerische Tätigkeit beziehungsweise Entwicklung der Geschäftsidee. Dies zeigt sich auch in der subjektiven Bewertung der jeweiligen Networking-Aktivitäten durch die Befragten. Die Bewertung des Wissensaustauschs bezüglich allgemeinen Wissens und allgemeiner Informationen einerseits (1.) und speziellen Wissens und spezieller Informationen andererseits (2.) wurde nahezu gleich hoch eingeschätzt, obwohl die Netzwerkdichte bezüglich 2. gegenüber 1. bereits deutlich zurückgeht. Man könnte dies so interpretieren: Die Teilnehmer sehen zwar die Wichtigkeit von Kommunikation, aber es fehlt der Gegenstand der Kommunikation, oder es hat sich noch nicht die Gelegenheit ergeben zu kommunizieren. Die subjektive Bewertung des Austauschs von Wissen und Informationen bezüglich der Kunden- und Projektakquisition (3.) stimmt mit dem Austausch von Wissen und Informationen im Hinblick auf gemeinsame Projekte (4.) überein. Dabei ist 3. „anspruchsvoller“ als 4., weil dafür wenigstens Erwartungen bezüglich zukünftiger Kunden oder Aufträge gebildet werden müssen. Sich über eine zukünftige Zusammenarbeit auszutauschen, kann dagegen auch bedeuten, dass man etwas über die jeweils andere Person erfährt und sich versichert, „mal etwas zusammen zu machen“. Es ist daher nicht verwunderlich, dass 3. das am wenigsten „dichte“ Netzwerk ist. Dass sich dieses Ergebnis auch in der subjektiven Bewertung des Wissensaustauschs durch die Teilnehmer widerspiegelt, belegt, dass die Teilnehmer die Relevanz dieser Form – möglicherweise aufgrund von schlechten oder fehlenden Erfahrungen – nicht erkennen.

Solche Interpretationen sind mit Hilfe der Sozialen Netzwerkanalyse nicht möglich. Diese Methode ist jedoch ein gutes Mittel, um Aufschlüsse über zentrale Akteure im Netwerk zu erzielen. Damit wird eine Frage nach der Art der Verbindungen zwischen Akteuren im Netzwerk gestellt: Gibt es Personen, die durch eine besonders hohe Zahl ein- und ausgehender Verbindungen (die quasi „auf der Wegstrecke zwischen anderen Akteuren“ sitzen) gekennzeichnet sind, das heißt durch eine hohe „Gradzentralität“ gekennzeichnet sind? Sind zentrale Akteure in allen vier Netzwerken aktiv? Und nicht zuletzt die wichtigen Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Netzwerkaktivität und unternehmerischer Aktivität: Schätzen zentrale Akteure die Bedeutung des Wissens- und Informationsaustauschs anders ein als der Durchschnitt der Teilnehmer? Sind sie unternehmerisch stärker aktiv als nichtzentrale Akteure? Die Datenanalyse liefert Ergebnisse: Zu Beginn der Weiterbildung konnten zwölf zentrale Akteure ermittelt werden. Die meisten waren in ein bis zwei Netzwerken „zentral“, einer sogar in allen vier Netzwerken. Zentrale Akteure bewerten die Bedeutung des Networking in allen vier Dimensionen (1. bis 4.) höher als der Durchschnitt. Besonders groß ist der Unterschied zwischen einem zentralen Akteur und dem Durchschnitt im Hinblick auf die „kritische“ Austauschform 3., dem Austausch von Wissen und Informationen mit Bezug auf Kunden- und Auftragsakquisition. Und: Die zentralen Akteure sind stärker aktiv, und ihre Projekte sind weiter fortgeschritten als die des Durchschnitts. Die subjektive Bewertung von Networking-Aktivitäten und das persönliche Engagement gehen in die gleiche Richtung. Aber nicht nur im Networking waren diese Akteure reger, sondern auch bei ihrer unternehmerischen Tätigkeit.

Netzwerke können von Dauer sein, aber sie verändern sich auch: Bei jeder Darstellung handelt es sich um eine „Augenblicksaufnahme“. Die Fragebögen zum Anfang und zum Ende des ersten Durchgangs dienten als Grundlage, um die Netzwerkentwicklung darzustellen und zu analysieren. Dabei wurden die Netzwerkbeziehungen in der Anfangsphase (August 2004) und der Abschlussphase (Februar 2005) bezüglich der subjektiven Bedeutung des Networking und der individuellen Fortschritte bei den unternehmerischen Aktivitäten betrachtet. Das Netzwerk der Abschlussphase ist durch sechs zentrale Akteure gekennzeichnet (im Vergleich mit zwölf zentralen Akteuren in der Anfangsphase). Dies ist eine Konsolidierung, nachdem sich die Teilnehmer der Weiterbildung im Lauf der Zeit besser kennengelernt haben und sich einschätzen können. Dazu passt, dass das gesamte Netzwerk der Abschlussphase, das alle Beziehungen abbildet, auch eine geringere Dichte aufweist als das vergleichbare Netzwerk der Anfangsphase: Während also in der Anfangsphase mehr als die Hälfte der möglichen Beziehungen zum Wissensaustausch zum Tragen kam, war das in der Endphase bei nur einem Drittel der Fall. Es hat sich eine gewisse Routine bei der Beziehungsstruktur entwickelt; die Ansprechpartner werden nicht mehr so häufig gewechselt.

Auch zum Ende der Weiterbildung zeigte sich, dass die zentralen Akteure (verglichen mit dem Durchschnitt) in einem höheren Maß aktiv waren, sie die Relevanz der Erfolgsteams und des universitären Wissenstransfers während der Weiterbildung höher bewerteten und die Relevanz des Wissens- und Informationsaustauschs in Bezug auf alle vier Wissensarten stärker gewichteten – insbesondere aber in Bezug auf die Gewinnung von Kunden und Aufträgen und gemeinsame Kooperationen. Besonders taten sich hierbei Personen hervor, die sowohl zu Beginn als auch zum Ende des Weiterbildungsdurchgangs „zentral“ waren (drei Personen). Die Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Es besteht eine starke Wechselbeziehung zwischen der Bewertung von Networking für den Wissensaustausch, den tatsächlichen Networking-Aktivitäten und den unternehmerischen Aktivitäten.
  2. Zentrale Netzwerkpositionen sind der Ausdruck einer Übereinstimmung zwischen der subjektiven Bewertung der Wichtigkeit von Networking bezüglich unternehmerisch relevanter Wissensformen und den tatsächlichen Networking-Aktivitäten.

Wie schätzen Unternehmer die Bedeutung des Wissens- und Informationsaustauschs ein?
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Damit hat sich im vorliegenden Fall bestätigt, was die Autoren Howard E. Aldrich und Catherine Zimmer bereits vor 20 Jahren in ihrem Buch „Entrepreneurship Through Social Networks“ festgehalten haben: „Entrepreneurs are more likely to be found in positions whose centrality is high and which are connected to lots of diverse information sources.“ Unbeantwortet bleiben allerdings Fragen nach den Ursachen: Sind die subjektive hohe Bewertung des Wissens- und Informationsaustauschs und der praktische Wissens- und Informationsaustausch ursächlich für die positive Entwicklung der eigenen unternehmerischen Tätigkeit? Hat das Networking innerhalb der Weiterbildung einen Anstoß zur positiven Entwicklung – insbesondere bei den zentralen Akteuren – gegeben? Oder haben die zentralen Akteure nur innerhalb der Weiterbildung fortgeführt, was sie auch außerhalb praktizieren? Gibt es persönliche Neigungen oder gar eine Disposition zum Networking bei unternehmerisch tätigen Personen, oder entwickeln sie diese erst durch die unternehmerische Tätigkeit? Die Ergebnisse des Projekts Unternehmertum in der Wissensgesellschaft haben vor allem eins bestätigt: Networking spielte und spielt bei der Entwicklung von unternehmerischen Fähigkeiten und Kompetenzen eine wichtige Rolle. Ob Networking auf persönlichen Neigungen beruht oder erlernt werden kann, sei dahingestellt – vermutlich aber spielen beide Faktoren zusammen.