Eva Cancik-Kirschbaum: Warum Finsternis Staatskrisen auslöste

Warum Finsternis Staatskrisen auslöste

Die "Natur" der Sonne im alten Zweistromland

von Eva Cancik-Kirschbau

König und Sonnengott besaßen im alten Orient eine Gemeinsamkeit: Die Zahl 20, die sowohl Symbolzahl des mächtigen Sonnengottes als auch Wortzeichen des menschlichen Herrschers war. So wie die Sonne und der Sonnengott die rechte Weltordnung symbolisierten, galt der König als Sonne der Völker.

„Aufheller der Finsternis, Erleuchter der Dunkelheit, der das Dunkel aufbricht, die weite Erde licht macht, den Tag erhellt, die Hitze auf die Erde hinabsendet zur Mittagsstunde, einem Feuerstrahl gleich auflohen lässt die weite Erde, die Tage verkürzt, die Nächte länger werden lässt, Kälte, Frost, Eis (und) Schnee [kommen lässt!]“

Mit diesen Worten besingt um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends ein unbekannter Dichter aus dem Zweistromland die Naturgewalt Sonne. Licht und Dunkel, Hitze und Kälte bestimmen die Bilder, mit denen er ihr Wirken umschreibt. Die Bedeutung des Sonnenlichtes war den Menschen an Euphrat und Tigris evident. Neben den Wassern der beiden großen Ströme war es die Sonne, die als Licht- und Wärmequelle Umwelt und Alltag bestimmte. Daher nimmt es nicht wunder, dass man die Sonne in Gestalt eines Sonnengottes verehrte. Die sumerisch sprechenden Bewohner des Tieflandes nannten ihn im dritten Jahrtausend Utu („Gleißender“), in jüngerer Zeit kannte man ihn unter dem Namen Schamasch.

Der Sonnengott zählte zu den großen Göttern des mesopotamischen Pantheons, als sein Vater gilt der Mondgott Nanna/Sîn, seine Schwester ist Inanna/Ischtar, die Göttin der Fruchtbarkeit und des Streites. Kulte des Sonnengottes lassen sich in ganz Mesopotamien nachweisen, doch genoss er als Hauptgott zweier Städte, dem nördlich von Babylon am Euphrat gelegenen Sippar und dem im Süden gelegenen Larsa, besondere Verehrung. Neben einigen bildlichen Darstellungen (siehe Titelbild) vermittelt vor allem die keilschriftliche Überlieferung Informationen nicht nur zu den kultischen Institutionen, sondern auch zur gesamtgesellschaftlichen Bedeutung des Sonnengottes in den verschiedenen Epochen mesopotamischer Geschichte.

Auf den ersten Blick mag der Sonnengott als „typische“ Personifikation einer Naturgewalt in einer polytheistischen Religion erscheinen. Bei näherem Hinsehen jedoch erweist sich seine ‘Natur’ als durchaus komplex: In ihm verbinden sich die elementaren, sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des Gestirns – Licht, Wärme, Regelhaftigkeit – mit Prinzipien, die für die menschliche Gemeinschaft wichtig waren: Wissen, Gerechtigkeit, Ordnung, Beständigkeit. Mit ihrer Einbindung in die göttliche Sphäre kommt diesen Prinzipien Normcharakter zu. Ihre Durchsetzung wird durch den Sonnengott exemplarisch veranschaulicht, zugleich eingefordert und ihre Wirksamkeit durch die Sonne selbst garantiert. Dabei ist die Konstruktion des Sonnengottes eklektisch. Keineswegs alle „natürlichen“ Eigenschaften der Sonne werden übernommen: Für die sengende, zerstörerische Glut, die lebensfeindlich die Wasserstellen austrocknet und damit eine tödliche Bedrohung für Mensch, Tier- und Pflanzenwelt ist, wird nicht der Sonnengott, sondern vielmehr der Unterweltsgott Nergal oder aber der Feuergott Gibil verantwortlich gemacht. Die ‘Natur’ Sonne erweist sich somit als kulturell definiert.

„Es jauchzen Dir zu die Lebenden allesamt, Schamasch, nach Deinem Licht sehnt sich das Universum...“

An einer babylonischen ‘Weltkarte’, die wohl um 700 v.Chr. angefertigt wurde, wird die Vorstellung von diesem Universum anschaulich: Die Erdscheibe ist ringförmig umgeben von der „Bitteren“, dem Ozean. Jenseits dieses Meeres – so beschreibt es der beigegebene Text – liegen acht Inseln, auf denen seit der Schöpfung allerlei wunderliche Kreaturen hausen. Verschiedene Städte und Länder sind durch Kreise und entsprechende Beischriften markiert, das Rechteck nahe dem Zentrum steht für die Stadt Babylon. Der Weg der Sonne über diese scheibenförmige Erde vermittelt die Kenntnis selbst der entferntesten Landstriche. Welches Gebiet freilich durch die Zacke rechts oben und die Beischrift „drei Doppelstunden weit inmitten da, wo die Sonne nicht gesehen wird“ bezeichnet wird, ist unklar.

Die so genannte „babylonische Weltkarte“. Fragmentarische Tontafel mit schematischer Zeichnung der Erde und einem beschreibenden Text.
Abb.: Institut für Altorientalistik, FU Berlin

Für das allabendliche „Verschwinden“ der Sonne und ihre Wiederkehr am Morgen finden sich verschiedene, teils widersprüchliche Erklärungen. Eine Tradition begründet des Gottes Abwesenheit mit seiner nächtlichen Reise durch das „Land ohne Wiederkehr”. Diese Welt der Toten dachte man sich weit jenseits des Meeres oder aber unter der Erdscheibe gelegen. Unter trostlosen Bedingungen vegetierten dort die Totengeister der Verstorbenen. Einige Texte berichten, dass der Sonnengott des Nachts durch die Unterwelt reise und dort sein Licht scheinen lasse, andere deuten an, dass seine nächtliche Fahrt vor allem der Rechtsprechung in der Unterwelt diene.

Daneben war die Vorstellung verbreitet, der Sonnengott begebe sich – wie die anderen Götter auch – des Abends im Inneren der Himmel zur Ruhe. So heißt es in einem Lied an die ‘Götter der Nacht’ (gemeint sind die Sternbilder): „Zur Ruhe gekommen sind die Fürsten (gemeint sind die anderen Götter), vorgelegt die Riegel, die Türgewichte angelegt. Die lärmenden Menschen sind nun still, die offenen Tore versperrt. Die Götter des Landes und die Göttinnen des Landes (...) sind eingetreten in den Schoß des Himmels; sie geben keinen Richtspruch, sie fällen keine Entscheidung. Verhüllt ist die Nacht, der Palast totenstill (...), der Richter der Wahrheit, der Vater der Waisen, der Sonnengott, tritt nunmehr in sein Gemach (...).“

Der „Schoß“, das „Innere der Himmel“, ist durch gewaltige Tore verschlossen und liegt – dem Menschen normalerweise unzugänglich – jenseits des Horizonts im Osten und Westen. Mit der Einrichtung des Kosmos wurde dem Sonnen- und dem Mondgott die Aufgabe zugewiesen, diese Tore tagtäglich zu öffnen: „Dem (Mondgott) Sîn und dem (Sonnengott) Schamasch wies er zu den Tag und die Nacht, den beiden Göttern, Hütern des Himmels, die Tore des Anu (d.h.: der Himmel) zu öffnen.“ Dies sind nur zwei Beispiele aus einer Vielzahl von mythologisch- spekulativen Ätiologien, die im Laufe der altorientalischen Geschichte in die schriftliche Überlieferung eingegangen sind. Auch in der darstellenden Kunst ist der Sonnengott ein Thema: So ist der Sonnenaufgang, d.h. das Aufsteigen des Gottes aus den Bergen im Osten, ein beliebtes Motiv der Siegelschneidekunst. Es gibt aber auch Darstellungen des Sonnengottes, die keine Entsprechung in den uns bekannten Texten haben, wie die Säge, die er häufig in der Hand hält; ihre Bedeutung bleibt unklar.

Der regelmäßige Rhythmus der auf- und untergehenden Sonne beruhte – ebenso wie die Rhythmen der übrigen Himmelskörper – nach mesopotamischer Auffassung auf einer den gesamten Kosmos bestimmenden „rechten Ordnung“. Sonne und Sonnengott fungierten gleichermaßen als Sinnbild wie Garanten als „Hüter der Weltordnung“.

Als einer, „der alles sieht, alles kennt“, „die rechte Ordnung wahrt“, „(...) der die Gesamtheit der Menschen recht leitet ...“, übernimmt der Sonnengott die Funktion eines „Richters von Himmel und Erde“. In dieser Funktion stehen ihm mit den Göttern „Recht“ und „Gerechtigkeit“ die Personifikationen der Rechtsordnung zur Seite. In Rechtsstreitigkeiten rief man den Sonnengott um Entscheidungshilfe an, ihm oblag die Sühnung von Vertragsbruch, Meineid, Betrug und Ungerechtigkeit. Über diese gesamtgesellschaftliche Funktion hinaus erhält der Sonnengott zugleich eine besondere Bedeutung für die irdischen Herrscher. Denn Wahrung des Rechtes, Gerechtigkeit, Schutz der Schwachen und Bedrängten erwartete man gerade von denjenigen, die über die Menschen herrschten. Ein Vergleich oder gar die Gleichsetzung eines Königs mit dem Sonnengott ist daher ein häufig anzutreffendes Motiv. Herrscherepitheta wie „Sonne der Menschheit“ vereinigen sich gleichermaßen in ideologischem Anspruch und propagandistischer Aussage. Ein typisches Beispiel ist König Hammurapi von Babylon (etwa 1792-1750 v.Chr.), der uns vor allem durch sein umfängliches Rechtsbuch bekannt ist. Auf einer großen Basalt-Stele, heute im Louvre in Paris, ließ er seine Rechtssprüche einschreiben, auf dass der Rechtsuchende hier Rat und vor allem Recht finden möge. Den oberen Teil der Stele schmückt eine Darstellung des Sonnengottes, der dem vor ihm stehenden Herrscher Messleine und Stab überreicht. Im Prolog des Textes umschreibt Hammurapi seinen Herrschaftsauftrag mit den Worten „(...) dem Sonnengott gleich den Schwarzköpfigen aufzugehen und das Land zu erleuchten“. Eine enge Verbindung zwischen König und Sonnengott erwies sich nach Meinung der altorientalischen Schriftgelehrten nicht zuletzt darin, dass das Keilschriftzeichen für die Zahl 20 – die Symbolzahl des Sonnengottes – auch als Logogramm (Wortzeichen) für das Wort „König“ gedeutet werden konnte.

Folgerichtig dient das Bild vom König als „Sonne der Völker“ auch dazu, einen pflichtvergessenen Herrscher zu mahnen. So schreibt am 2. Mai des Jahres 670 v.Chr. ein gewisser Adad-schumu-usur, Gelehrter und Berater des assyrischen Königs Asarhaddon, an seinen Herrn: „Weshalb wurde nun bereits den zweiten Tag der Tisch nicht vor den König, meinen Herrn gebracht? Wer bleibt (denn hier) länger im Dunkeln als Schamasch, der König der Götter? Wer verharrt im Dunkeln einen ganzen Tag und die Nacht und noch zwei Tage? Der König, der ‘Herr der Länder’, ist (doch) ein Ebenbild des Sonnengottes. Er sollte (der Sonne gleich) nur einen halben Tag im Dunkeln bleiben!“

Aber nicht nur der Bereich des staatlichen Rechtswesens lag in der Zuständigkeit des Sonnengottes. Auch in einer ganz anderen Situation, die für uns auf den ersten Blick nichts mit dem Rechtswesen zu tun hat, wirkt er als Richter. In Mesopotamien glaubte man, dass sich Unheil für Menschen in Form von Zeichen manifestierte. Hatte man mithilfe eines Spezialisten ein solches Unheilszeichen ausgemacht, konnte sich ein jeder an den Sonnengott wenden, um dieses Unheil mithilfe so genannter Löserituale nach Möglichkeit abzuwenden. Die dabei ausgeführten Handlungen verbinden religiöse/magische Praktiken mit juristischen Prozeduren. Das Unheil lösende Verfahren wird als „Rechtsfall“ bezeichnet. Entsprechend einem Gerichtsverfahren treten der betroffene Mensch – unterstützt durch einen Ritualspezialisten – und der Omen-Anzeiger vor den Sonnengott, als den „Herrn des Richtspruches“. Ziel ist es, eine Verurteilung des Omen-Anzeigers und damit dessen ‘legale’ Vernichtung und die Abwendung des angezeigten Unheils zu erreichen. Dem Sonnengott als obersten Richter stehen Gottheiten der Weisheit und der Beschwörungskunst zur Seite. Der Kläger wendet sich an seinen Richter mit den Worten: „Schamasch, großer Herr, (...) erhabener Richter, dessen Spruch unumstößlich ist, dessen Zusage kein anderer Gott zu ändern vermag (...) Meinen Rechtsfall entscheide!“

Einzelheiten der sich anschließenden Zeremonie sind nicht überliefert. Vermutlich fand sie vor einem Bild oder Symbol des Sonnengottes statt. Der Omen-Anzeiger wurde „verurteilt“ und es erfolgten verschiedene symbolische Akte, durch die der Betroffene von dem ihn bedrohenden Unheil befreit wurde.

Die bereits angesprochene Verbindung des Sonnengottes zur Vorzeichenkunde, seine Allwissenheit und seine Mittlerfunktion zwischen Göttern und Menschen prädestinieren ihn für eine weitere Aufgabe. Er zählt zu den Gottheiten, von denen man sich Entscheidungshilfe in schwierigen Situationen erwartet. Eine Vielzahl von „Anfragen an den Sonnengott“ sind uns aus dem assyrischen Königshaus überliefert. Ob es sich um bevorstehende militärische Aktionen, die Verheiratung einer Prinzessin, den Abschluss eines Staatsvertrages oder den Besuch eines befreundeten Herrschers handelte, immer wieder suchte der Herrscher den Rat des Sonnengottes. Als Beispiel mag die folgende kleine Anfrage bezüglich einer Stellenbesetzung am königlichen Hof dienen: „Oh Schamasch, großer Herr, gib mir einen festen, klaren Bescheid: Soll Asarhaddon, der König von Assyrien, diesen Mann, dessen Name auf diesem Papyrus niedergeschrieben und vor Deiner großen Gottheit niedergelegt ist, auf die Position berufen, die auf dem Papyrus niedergeschrieben ist?“


Abb.: Institut für Altorientalistik, FU Berlin

Vor dem Hintergrund der hier skizzierten Ansichten ist verständlich, dass die Verfinsterung der Sonne den Menschen des Zweistromlandes als überaus bedrohliches Zeichen erscheinen musste. Das Phänomen selbst weckte Angst – samt der damit einhergehenden Erscheinungen. Aber auch die Metaebene, die dadurch angedeutete Störung der kosmischen Ordnung, war Furcht erregend. In besonderer Weise waren der König und mit ihm das gesamte Staatswesen bedroht, galten doch des Herrschers Wohlergehen und das Wohlergehen des Landes nach mesopotamischer Vorstellung als voneinander abhängig. Eine systematische Beobachtung der Sonne und der Begleitumstände von partiellen oder totalen Finsternissen scheint daher schon früh institutionalisiert worden zu sein.

Die ältesten schriftlichen Hinweise auf Sonnenfinsternisse finden sich in Texten des frühen zweiten Jahrtausends v. Chr. Sehr viel besser ist jedoch die Situation in Assyrien während des achten und siebten Jahrhunderts bekannt. Im gesamten Reich unterhielt man astronomische Stationen, an denen Experten die Himmelskörper beobachteten und peinlich genau Aussehen, „Verhalten“, Nachbarschaften, Wetterverhältnisse und Umweltbedingungen notierten. Im Laufe der Zeit waren so umfangreiche Kompendien entstanden, aus denen Regelmäßigkeiten im Verhalten der Gestirne sichtbar wurden, die letztendlich die Entwicklung einer astronomischen Prognostik ermöglichten. Umfangreiche Gelehrtenkorrespondenzen haben sich aus den assyrischen Staatsarchiven dieser Zeit erhalten, in denen die Intensität der Beschäftigung assyrischer und babylonischer Gelehrter mit der Himmelskunde deutlich wird. Die Möglichkeit, spätestens seit dem achten Jh. die Verhaltensweisen des Sonnengestirns nicht nur zu beschreiben, sondern auch in gewissem Umfange vorherzusagen, das heißt Prognosen zu erstellen, markiert einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung der wissenschaftlichen Methodik. Damit war den Experten ein mächtiges Instrument in die Hände gegeben, das sie zur Beeinflussung der Politik wohl zu nutzen wussten.

Ein komplexes Bedingungsgefüge erlaubte es zudem, den Wirkungsradius einer Sonnenfinsternis zu bestimmen. Je nachdem, welcher Bereich der Sonne verfinstert war, betraf das so angekündigte Unheil unterschiedliche Länder. So heißt es in einem Bericht zu einer teilweisen Verfinsterung: „Die Sonnenfinsternis, die am 1. Nissan stattfand, berührte den Quadranten für Assyrien nicht.“ Die Bedrohung, die von einer Sonnenfinsternis für die Person des Königs ausging, erforderte entsprechende Abwehrmaßnahmen. War mit dem Schlimmsten – nämlich dem Tod des Herrschers – zu rechnen, griff man in Mesopotamien zu einer List: Ein so genannter Ersatzkönig übernahm den Platz des eigentlichen Herrschers und zog das durch die Sonnenfinsternis angekündigte Unheil auf sich. Während dieser Zeit lebte der echte König unter dem Decknamen „Bauer“. Am 29.11.669 schreiben die Gelehrten Issar-schumu-eresch, Urad-Ea und Marduk-schakin-schumi an ihren König: „In Übereinstimmung mit dem, was unser Herr uns schrieb (nämlich, dass am 29. eine Sonnenfinsternis stattfindet), werden wir das zugehörige Abwehrritual durchführen. Jemand möge dasitzen und das Dir bestimmte Übel tragen.“ Wie man nach Ablauf der bedrohlichen Phase mit dem Unheilsträger verfuhr, ist nicht ganz klar; zumindest in einem Fall ist eine Bestattung eines Ersatzkönigs belegt. Gelegentlich genügten jedoch eine dichte Wolkendecke und ein wenig gelehrte Spitzfindigkeit, um die Situation zu entschärfen, wie der folgende Ausschnitt aus einem Brief an den König zeigt: „Wenn eine Eklipse stattfindet, in der Hauptstadt aber nicht sichtbar ist, dann geht diese Eklipse vorüber. Die Hauptstadt ist diejenige Stadt, in der der König residiert. Nun sind überall Wolken; wir wissen nicht, ob eine Eklipse stattgefunden hat oder nicht! (...) Die großen Götter (...) haben den Himmel bedeckt und die Verfinsterung nicht gezeigt, so dass der König wissen möge, dass diese Eklipse den König, meinen Herrn, und auch sein Land nicht betrifft. Der König möge glücklich sein!“

In einem Lied auf den Sonnengott, das der assyrische König Assurbanipal um die Mitte des siebten Jahrhunderts v. Chr. komponieren ließ, werden die verschiedenen hier skizzierten Aspekte in einer langen Anrufung zusammengefasst:

„...Strahlenglanz der großen Götter! Licht der Erde! Erleuchter der Weltufer!
Schamasch, erhabener Richter, Schöpfer des Oberen und des Unteren!
Gleich einer Keilschrifttafel überblickst Du durch Dein Licht die Gesamtheit der Länder!
Dem, der der Opferschau nicht müde wird, fällst Du Tag für Tag die Entscheidungen der Himmlischen und Irdischen. Sobald bei Deinem Aufgehen Dein Strahlenglanz leuchtet, sind die Sterne des Himmels verdeckt den ganzen Tag. Im Himmel bist Du allein herrlich, keiner unter den Göttern kommt Dir gleich!“

Durch die verschiedenen, der Sonne zuerkannten ‘Naturen’ erstreckte sich der Einfluss des Tagesgestirns über seine elementaren Kräfte hinaus bis in die gesellschaftlichen Strukturen. Dass es sich dabei um eine überaus machtvolle Konstruktion handelte, erweist sich über den konkreten historischen Fall hinaus in ihrer Jahrhunderte, ja Jahrtausende währenden Wirksamkeit, die keineswegs auf die Kulturen des Alten Orients beschränkt ist.