"Die Schreibkunst ist ein gutes Los..."

"Die Schreibkunst ist ein gutes Los..."

Die älteste Schriftkultur der Menschheit in Mesopotamien

von Prof. Dr. Johannes Renger

„Wohlauf, lasset uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! Also zerstreute sie der Herr in alle Länder, dass sie mussten aufhören die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, dass der Herr daselbst verwirrt hatte aller Länder Sprache.“
(Gen. 11,7-9)

Die Erfahrung der Sprachenvielfalt und der Schwierigkeiten der Menschen sich untereinander zu verständigen reflektiert diese biblische Ätiologie, ein Erklärungsversuch jüdischer Theologen aus dem 6. Jh. v. Chr. Dem setzt das Neue Testament im sogenannten Pfingstwunder entgegen:

„Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadokien, Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Libyen bei Kyrene und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen und Araber.“
(Apostelgeschichte 2, 8-11)

Viele der genannten Sprachen werden an verschiedenen Instituten im Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Freien Universität erforscht und gelehrt. Damit steht sie in einer Tradition, die ihre Ursprünge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der alten Friedrich-Wilhelms-Universität hat. Heute gehört die Freie Universität zu den führenden Forschungszentren für die Sprachen des alten Vorderen Orients in der Welt. Ägyptologie, Altorientalistik, Arabistik, Indogermanistik, Iranistik, Judaistik, Semitistik und Turkologie bemühen sich um die zahlreichen Sprachen und Dialekte der nahöstlichen Region, von den ältesten Schriftzeugnissen der Menschheit ca. 3200 v.Chr. in Mesopotamien bis in die Gegenwart, die vor allem durch das Arabische, das Türkische und die Sprachen Äthiopiens bestimmt ist.


Keilschrifttafel aus dem frühen 3. Jh. v. Chr. enthaltend eine systematische lexikalische Liste von Holzgegenständen.
Foto: England/Nissen, Lexikalische Listen Tafel VI

Die Sprachen untergegangener Kulturen sind uns heute nur über das Medium der Schrift zugänglich. Und Schrift verdankt ihre Entstehung besonderen Bedingungen, wie der Notwendigkeit, komplexe Verwaltungsvorgänge für eine gewisse Dauer festzuhalten. So haben sich zunächst im südlichen Mesopotamien, das heißt den im Süden des heutigen Irak gelegenen Gebieten, im Verlaufe des 4. Jahrhunderts sehr komplexe gesellschaftliche und damit verbundene ökonomische Institutionen entwickelt, die ihren äußeren Ausdruck in gewaltigen Monumenalbauten gefunden haben. Dahinter stand eine frühe Form des Staates, die sich in institutionellen Haushalten zeigte. In diese Haushalte war ein Großteil der Bevölkerung als abhängige Arbeitskräfte integriert, die für ihre Arbeit durch tägliche Nahrungsrationen versorgt wurden. Das Registrieren der Feldfluren, der Ernteerträge, der verteilten Rationen, der Viehherden und ihres jährlichen Wachstums erforderte schließlich ein Mittel, alle diese Fakten zum Zwecke der Kontrolle über den Tag hinaus festzuhalten: Das führte um 3200 v. Chr. zur Erfindung der Schrift im südlichen Mesopotamien und in verwandter Form in Elam mit seinem zentralen Ort Susa im Gebiet des heutigen Chusistan, der Landschaft im westlichen Iran, die an die Alluvialebene des Irak angrenzt. Ähnliche Verhältnisse bedingten im alten Ägypten die Erfindung der anders gestalteten Hieroglyphenschrift.


Neuassyrische Verwaltungsurkunde (7. Jh. v. Chr.)
Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Die älteste Schrift aus Mesopotamien war eine Kombination aus Bilder- und Zeichen- oder Symbolschrift, geschrieben auf Tontafeln. Dem Schreibmaterial Ton verdanken wir, dass diese frühen Schriftzeugnisse die Jahrtausende im Boden Mesopotamiens überdauert haben. Mehrere Tausend Verwaltungsurkunden wurden hauptsächlich im südmesopotamischen Uruk, dem biblischen Erech, gefunden. Die frühe Bilder- oder piktographische Schrift hat sich im Verlauf vieler Jahrhunderte zur sogenannten Keilschrift entwickelt, die bis zum Ende des 1.Jahrtausends v.Chr. in Mesopotamien im Gebrauch war. Die Entzifferung und das Verständlichmachen der frühen Verwaltungsurkunden aus Uruk ist in den vergangenen 25 Jahren an der Freien Universität durch ein von Prof. Hans Jörg Nissen geleitetes Projekt gelungen.

Vermutlich sind diese Verwaltungsurkunden in Sumerisch geschrieben. Die sumerische Sprache kann bisher keiner aus späteren Zeiten bekannten Sprachfamilie, wie den semitischen oder indo-europäischen Sprachen, zugeordnet werden. Vielmehr ist das Sumerische eine agglutinierende, keine flektierende Sprache, wie etwa die indo-europäischen und semitischen Sprachen. Grammatische Elemente, wie etwa die ‘Kasus’-Endungen beim Substantiv oder Morpheme zur Bezeichnung der Aktionsart und der agierenden Person beim Verbum, werden den unverändert bleibenden Wörtern am Wortanfang oder Wortende angefügt (agglutinierend = angeleimt). Strukturell ist das Sumerische damit dem Türkischen oder Ungarischen, aber auch verschiedenen sibirischen Sprachen ähnlich. Bis heute steht das Sumerische im Vergleich zu anderen Sprachen isoliert. Dies beruht auf dem Umstand, dass die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung im Umkreis Mesopotamiens weniger fortgeschritten war und sich somit die Notwendigkeit zum Gebrauch von Schrift – mit Ausnahme Elams – nicht ergeben hat. Das Elamische ist nicht mit dem Sumerischen verwandt. Es gibt plausible Theorien, die das Elamische mit in Indien beheimateten proto-drawidischen Sprachen verbinden. Vielleicht war die aus dem 3.Jahrtausend bekannte Bilderschrift der frühen Kulturen am Unterlauf des Indus die Schrift einer (proto)drawidisch sprechenden Bevölkerung.

Eine weitere isolierte, in Keilschrift überlieferte Sprache ist das Hurritische. Seine weitgehende Erschließung verdanken wir einem Team um Prof. Volker Haas an der Freien Universität, das sich seit den siebziger Jahren dieser mühevollen Aufgabe widmet. Die ältesten hurritischen Schriftzeugnisse stammen aus dem späten 3. Jahrtausend, die meisten aber aus dem 14. und 13. Jahrhundert v.Chr. Sie zu lesen war nicht problematisch, da die Schreiber in Mesopotamien Wege gefunden hatten, die meist einsilbigen sumerischen Wörter als Silbenzeichen zu verwenden, mit denen andere Sprachen – das semitische Akkadische (Babylonisch-Assyrisch) oder das indo-europäische Hethitische und auch das Hurritische – keilschriftlich geschrieben werden konnten. Die hurritischen Schriftzeugnisse wurden und werden überwiegend in der alten Hethiterhauptstadt Hattuscha im östlichen Anatolien seit 1907 bei den Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft und des Deutschen Archäologischen Instituts gefunden. Der Rekonstruktion des Hurritischen kommt der Umstand zugute, dass die hurritischen Texte sehr oft Parallelen in den gut verständlichen hethtitschen Texten haben. In einigen Fällen ist auf einer Tontafel ein Text sowohl in hurritischer als auch in hethitischer Übersetzung überliefert. Die bisherigen Ergebnisse dieser Forschungen sind in einer Reihe von Texteditionen publiziert. Auf deren Grundlage werden gegenwärtig die Vorbereitungen getroffen, ein Lexikon der hurritischen Sprache zu erarbeiten.

Die Zweisprachigkeit oder Mehrsprachigkeit ist ein häufiges Phänomen für die Zivilisationen des alten Vorderen Orients, wie in den eingangs zitierten Passagen aus dem Alten und dem Neuen Testament deutlich wird. In Mesopotamien trat neben das zunächst beherrschende Sumerische das semitische Akkadische. Seit dem letzten Drittel des 3. Jahrtausends werden Rechts- und Verwaltungsurkunden, Briefe, Monumentalinschriften der Herrscher und literarische Texte zunehmend in beiden Sprachen geschrieben. Ein besonderes Phänomen der Textüberlieferung sind zweisprachig sumerisch-akkadische Texte, wobei die akkadische Version jeweils interlinear unter den sumerischen Text gesetzt wird. Es handelt sich dabei überwiegend um Texte magischen Inhalts, Beschwörungen zur Abwehr von Krankheiten und Dämonen. Daneben existieren zahlreiche sumerisch-akkadische Vokabulare, deren Vorläufer sich bis an die Wende vom 4. zum 3. Jahrtausend zurück verfolgen lassen. Ursprünglich waren es einsprachige Texte, in denen gelehrte Schreiber ihr Wissen über die irdische und göttliche Welt systematisch in Listenform aufgeschrieben haben. Die logischen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Begriffen ergaben sich dem Kundigen, ohne dass es verbindender Wörter bedurft hätte. Der Grund für das Entstehen zweisprachiger Texte liegt darin, dass das Sumerische seit Beginn des 2.Jahrtausends v.Chr. zunehmend außer Gebrauch kam, zuerst als Umgangssprache, dann auch als Schriftsprache. Ein Phänomen, das dem Gebrauch des Lateinischen im europäischen Mittelalter und der Frühen Neuzeit entspricht. Besonders die zweisprachigen Vokabulare haben die Rekonstruktion des Sumerischen ermöglicht.

Eine Reihe dieser Vokabulare enthält eine syllabische Glossierung eines sumerischen Wortzeichens und in einer weiteren Kolumne die akkadische Entsprechung. Im 1.Jahrtausend wird schließlich das semitische Aramäische – geschrieben in einer Alphabetschrift auf vergänglichem Material, meist Leder – Umgangs- und auch Schriftsprache im gesamten Vorderen Orient. Das keilschriftliche Akkadische ist nur noch auf wenige Enklaven der alten mesopotamischen Kultur beschränkt, die sich vor allem in den Tempelschulen Babylons und weniger anderer Städte bis ins 2. nachchristliche Jahrhundert gehalten haben.


Brief des Königs von Alaschia (Zypern) an den ägyptischen Pharao in akkadischer Sprache (14. Jh. v. Chr.)
Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Die Überlieferungen aus Mesopotamien vermitteln einen guten Einblick in den Betrieb der babylonischen Schule, die Ausbildung zum Schreiberberuf und die damit einhergehende Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zweisprachigkeit. Das Bemühen der Eleven der Schreibkunst um eine gute Handschrift wird durch eine große Anzahl von kleinformatigen linsenförmigen Übungstexten von etwa fünf bis sieben Zentimeter Durchmesser beleuchtet. Auf der Vorderseite hatte der Lehrer ein Pensum von drei bis fünf Zeilen vorgeschrieben. Die Rückseite enthält den mehr oder weniger gelungenen Versuch des Schülers den vorgegebenen Text formvollendet abzuschreiben.

Fortgeschrittene Schüler haben Mythen und Epen, Hymnen und Gebete sowie Vokabulare zu Übungszwecken exzerpiert. Der Alltag der babylonischen Schule ist auch Gegenstand von zum Teil satirischer Reflexion der mesopotamischen Schreiber gewesen. In Dialogform verfasste Texte, die von ihren modernen Herausgebern so bezeichnende Titel wie „Der Vater und sein missratener Sohn“, „Examenstext“ oder „Schultage“ erhalten haben, lassen uns Teil haben an der Alltagswelt der Schüler.

Das Leben eines Schreiberlehrlings war nicht leicht. Ermahnungen, Disziplin und körperliche Züchtigung prägten seinen Alltag. Er solle nicht bummeln, nicht neugierig in den Gassen herumschauen, bescheiden sein und dem Schulaufseher Respekt erweisen, damit er von diesem geschätzt werde. Außerdem wurden die Schüler angehalten, Ehrgeiz zu entwickeln und es ihren Mitschülern in Leistungen gleichzutun:

„Nach Schulschluss ging ich heim,
betrat das Haus,
wo mein Vater saß,
Ich sprach zu meinem Vater über die Schreibübungen,
die ich gemacht hatte,
Ich las sie ihm vor –
und mein Vater war zufrieden:
Wirklich, ich fand Gnade in den Augen meines Vaters.“

Wenn es um das Examen ging, sollte der Kandidat nicht jammern, sich dabei nicht ständig räuspern, keine... [der Text ist hier unverständlich] Worte in den Mund nehmen, seine Aufmerksamkeit nicht auf die Tür richten, sondern sich um sein Schreibpensum kümmern. Abgefragt werden die ‘Fachsprachen’ bestimmter Berufe, Kenntnisse von Multiplikation und Tabellen von reziproken Werten und Koeffizienten (eine Art alter Logarithmentafeln), Buchführung und das Verwaltungswesen, Umrechnung von Silberäquivalenten, das Ausrechnen von Feldflächen, aber auch das mathematische Bestimmen der Tonintervalle von Musikinstrumenten. Wer dieses anspruchsvolle Pensum gemeistert hatte, für den galt:

„Die Schreibkunst ist ein gutes Los;
der Schreiber hat einen guten Schutzengel, nämlich ein klares Auge – und das braucht der königliche Palast!“

Die heutige Altorientalistik widmet sich somit der Erforschung der mesopotamischen Sprachen, der Kultur, Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie ist insofern keine reine Sprachwissenschaft oder Textphilologie sondern Kultur-, Geschichts- und Gesellschaftwissenschaft. Zwar steht die Rekonstruktion der überlieferten Sprachen am Anfang solcher Bemühungen, aber sie ist nicht Selbstzweck. Ziel der Altorientalistik ist es, das Bild einer alten Zivilisation zu rekonstruieren. Diese muss vermeiden, moderne Konzepte und Begrifflichkeiten auf eine alte Zivilisation unreflektiert zu übertragen: So gibt es beispielsweise keine Institution und somit auch kein Wort, das unserem Begriff Staat entspräche. Was wir unter Staat und staatlichem Handeln verstehen, verbirgt sich hinter Begriffen wie ‘Palast’ oder ‘Herrscher’; die ökonomische Seite staatlichen Handelns ist als Haushalt, das heißt als ‘Haus des Herrschers’, organisiert. Wir sprechen von oikos-Wirtschaft, wobei wir das sumerische oder akkadische Wort für Haus – Max Weber folgend – mit dem griechischen oikos ‘Haus’, Haushalt wiedergeben.

In diesem Sinne werden Wirtschaft und Gesellschaft des alten Mesopotamien am Institut für Altorientalistik, das sich zu einem führenden Zentrum zur Erforschung auf diesem Gebiet entwickelt hat, erforscht. Strukturen und Prozesse, die dabei sichtbar geworden sind, dienen dem interdisziplinären Vergleich mit anderen vormodernen Wirtschaften im Orient und der antiken Mittelmeerwelt, wobei das Wissen um die außerhalb Mesopotamiens zu beobachtenden Phänomene zur Erhellung der Verhältnisse in Mesopotamien beitragen. Die Darstellung der Verwaltungsstrukturen und -prozesse Assyriens in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. ist Teil eines langfristig angelegten und von der DFG geförderten Projektes zur Aufarbeitung der Funde aus den Grabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in Assur, der alten Hauptstadt Assyriens, die heute zu einem großen Teil im Vorderasiatischen Museum auf der Museumsinsel liegen.

Eng mit den Erfordernissen der Wirtschaft und Verwaltung verbunden ist die Entwicklung mathematischer Verfahren zur Berechnung von Arbeits- und Bauleistungen, der Vermessung und Berechnung von Feldflächen. Mathematische Texte aus dem 18. Jh. v. Chr. zeigen Lösungswege zur Ermittlung des Aushubs beim Bau von Kanälen oder des Ziegelvolumens von Bauten. Diese Werte werden umgerechnet in menschliche Arbeitsleistung in Form von „Manntagen“ und die dafür erforderlichen Nahrungsrationen in Gerstemengen. Das Ausrechnen von Feldergrößen diente der Berechnung der nötigen Menge an Saatgut, Zahl der benötigten Pflugrinder und der Futtermengen, die für die Pflugrinder bereitzustellen waren. Die zugrunde liegenden algebraischen und geometrischen Konzepte zu erforschen war Gegenstand mehrerer internationaler Workshops zur babylonischen Mathematik, die von den Instituten für Altorientalistik und Vorderasiatische Altertumskunde organisiert worden sind. Dabei spielten neben den eben genannten Problemen auch Fragen nach dem Vorbild- und Vorläufercharakter babylonischer Mathematik und mathematischer Astronomie für Astronomie und Mathematik bei den alten Griechen eine Rolle.