Campus Europa

Zu Polen gehört ein Papst, zu Italien die Pizza, zu Griechenland die Antike, zu Dänemark die Wikinger, zu Spanien die Siesta und zu Ungarn die Paprika: Jedes Land in Europa hat so seine Klischees.

11.06.2015

Welche Erfahrungen Studierende an der Freien Universität Berlin mit der Außenwahrnehmung ihrer Heimat machen und was sie selbst über ihre Heimatländer denken, haben sie fundiert erzählt.

Die Spanierin Pilar Caballero Alvarez studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte
Die Spanierin Pilar Caballero Alvarez studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Pilar Caballero Alvarez hat die spanische und deutsche Staatsangehörigkeit und studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin.

„Natürlich gibt es bei Deutschen viele Klischees über Spanien und die Spanier. Dass man besonders leidenschaftlich sei, und temperamentvoll. ‚Pasión‘ ist angeblich etwas typisch spanisches. So wie Tapas und Sangria. Dabei trinken Spanier den nicht mal besonders häufig. Dann gibt es auch Klischees, die zumindest latent negativ sind. Etwa, dass die Spanier eben gerne ‚Siesta‘ und ‚Fiesta‘ machen, und wie alle Südländer etwas faul sind. Dabei hat es mit Sicherheit nichts mit der Arbeitskraft der Spanier zu tun, dass es der Wirtschaft in Spanien im Moment nicht so gut geht.

Andererseits erlebe ich in Deutschland öfter Situationen, wo ich mir denke: ‚Das ist aber typisch deutsch!‘ Zum Beispiel, dass die meisten Leute sehr pünktlich sind – und zumindest anfangs sehr distanziert, sogar junge Leute. Man muss sie erst besser kennenlernen, um zu merken, dass sie eigentlich sehr offen sind. Meiner Erfahrung nach spielt die Staatsangehörigkeit an der Universität keine Rolle. Es ist kein Thema – und das ist doch auch ein gutes Zeichen für Normalität und gegenseitige Akzeptanz!“

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Nóra Szabó kommt aus Ungarn und studiert im Masterstudiengang Osteuropastudien.
Nóra Szabó kommt aus Ungarn und studiert im Masterstudiengang Osteuropastudien. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Nóra Szabó, aus Hercegszántó/Baja in Ungarn, studiert im Masterstudiengang Osteuropastudien.

„Mit Ungarn verbinden Deutsche oft positive Dinge. Viele waren schon in Budapest oder am Balaton, haben dort Palatschinken gegessen und Pálinka getrunken, den ungarischen Schnaps. ‚Da wollten alle hinreisen, das war unser Traumreiseziel‘, das erzählen vor allem Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind. Wie Ungarn während des Kalten Krieges war, kann ich allerdings aus Erfahrung nicht beurteilen – ich bin erst 1990 geboren.

An der Universität werde ich eher immer wieder gefragt, wie ich die politische Entwicklung in Ungarn heute einordne, insbesondere die Politik der Regierung von Viktor Orbán. Patriotismus in Orbáns Sinne liegt mir fern, trotzdem bin und bleibe ich im Herzen immer Ungarin. Im Berliner Alltag fühle mich mehr als Europäerin, und sehe in einem zusammenwachsenden Europa auch meine Zukunft.“

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Ida Ravn Homilius aus Dänemark studiert Komparative Literatur, Dramaturgie und Theaterwissenschaft.
Ida Ravn Homilius aus Dänemark studiert Komparative Literatur, Dramaturgie und Theaterwissenschaft. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Ida Ravn Homilius aus Aarhus in Dänemark, studiert im Rahmen des Erasmus-Programms Komparative Literatur, Dramaturgie und Theaterwissenschaft.  

„Egal, wo man in der Welt ist: Als Däne im Ausland bekommt man ganz schnell den Wikinger-Stempel aufgedrückt. Das Schicksal teilen wir mit anderen Nordeuropäern. Meistens ist das mit den Wikingern aber eher positiv gemeint, ich finde es jedenfalls lustig. Ansonsten haftet den Dänen das Klischee an, sehr zurückhaltend und kühl zu sein. Fast ungesellig. Lustigerweise denken die Dänen genau das Gleiche über die Deutschen. Dabei brauchen wahrscheinlich beide einfach nur ein bisschen Zeit, bis sie mit anderen Menschen warm werden.

Zum Deutschlandbild in Dänemark kommt dann natürlich noch, dass in Deutschland alles System und Ordnung hat, und dass die Deutschen Bratwurst und Bier lieben. Auch das ist irgendwie lustig, denn die Dänen trinken Bier ja bekanntlich auch sehr gerne. Einen Kulturschock werde ich im Studium vermutlich nicht erleiden. Ich freue mich deshalb eher auf das, was in Deutschland anders ist. Zum Beispiel soll in meinem Studiengang der Praxisbezug an der Freien Universität besser sein als bei uns – darauf bin ich gespannt.“

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Christian Szopi´nski aus Warschau studiert Osteuropastudien mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre und Politik.
Christian Szopi´nski aus Warschau studiert Osteuropastudien mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre und Politik. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Christian Szopi´nski aus Warschau, studiert Osteuropastudien mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre und Politik.  

„Als ich als Kind 1987 nach Deutschland kam, war das Bild von Polen in Deutschland nicht gerade positiv: Polen klauen, natürlich, und vor allem deutsche Autos ... Solche dummen Sprüche bekam ich in der Schule sogar von Lehrern zu hören. Als Kind habe ich mich dagegen noch nicht gewehrt, jetzt würde das anders aussehen. Aber heute hat sich das Bild von Polen stark gewandelt. Polen wird als Wunderkind der Osterweiterung wahrgenommen.

Das Land ist im Gegensatz zu vielen anderen gut durch die letzte Wirtschaftskrise gekommen. Die Arbeitslosigkeit ist teilweise sehr niedrig, vor allem in den Großstädten. Polen wird respektiert, in Deutschland und auch in anderen Ländern. Auch wenn ich mittlerweile viele Jahre in Deutschland lebe, würde ich vermutlich sagen: Ich bin zuerst Europäer, aber im Herzen Pole.“

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Martina Hubacech kommt aus Italien und studiert Spanisch und Französisch auf Lehramt.
Martina Hubacech kommt aus Italien und studiert Spanisch und Französisch auf Lehramt. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Martina Hubacech aus Tregnago bei Verona, studiert Spanisch und Französisch auf Lehramt.

„Ich komme aus der Nähe von Verona, da lebt meine Familie schon seit Generationen. Eigentlich bin ich also ur-italienisch. Wenn ich in Deutschland sage, dass ich Italienerin bin, ist das Erstaunen trotzdem groß. ‚Was, DU bist Italienerin? Aber das hört man ja gar nicht!‘

Offenbar erwarten Deutsche, dass Italiener immer so sprechen, wie die Kellner in einer Pizzeria. ‚Si, aber sichere makke iche eine gute Cappuchino.....‘ Ich habe hart daran gearbeitet, akzentfrei zu sprechen. Wenn mir früher jemand gesagt hat: ‚Ach, das klingt so rich tig nett, dein italienischer Akzent‘, dann habe ich nachgehakt. Und an der Sprachmelodie gefeilt. Auch deshalb bin ich überzeugt, dass Sprache der Schlüssel ist für Integration, auch innerhalb Europas.“

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Der Grieche Phädonas Anastasoposoulos studiert Geschichte an der Freien Universität.
Der Grieche Phädonas Anastasoposoulos studiert Geschichte an der Freien Universität. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Phädonas Anastasoposoulos aus Patras in Griechenland, studiert Geschichte an der Freien Universität Berlin.

„Ich lebe nun schon seit einigen Jahren in Deutschland. Wenn ich mit Deutschen über meine Heimat spreche, gibt es zwei Kategorien von Reaktionen. Die Deutschen, die schon mal im Urlaub in Griechenland waren, schwärmen von der Sonne, dem Essen und der Freundlichkeit der Griechen. Und sie holen alle Vokabeln raus, die sie dort gelernt haben. Meistens ‚Yamas – Prost!‘. Es gibt auch solche, denen nur so was einfällt wie ‚Griechenland ist ja eh pleite...‘. Das passiert mir zwar eher selten.

Doch ich habe schon öfter bemerkt, dass nur sehr wenige Menschen in Deutschland wissen, was die politische Situation in Griechenland etwa für junge Menschen dort bedeutet, die nach einem Bachelor-Studium keine Arbeit finden oder wegen der hohen Arbeitslosigkeit das Land verlassen. Manche haben nur vor, einen Master im Ausland zu machen und dann zurückzukehren. Auch wenn Griechenland derzeit durch seine Regierung ständig in den Schlagzeilen ist, hoffe ich, dass sich das Verhältnis zwischen Griechenland und der EU bald wieder normalisiert.“

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