Frankenstein und die Roboter

Illustration: hoka und hier noch ein längerer text als Bildtitel
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Prof. Rojas

Prof. Dr. Raúl Rojas ist Frankenstein-Fan, Professor am Institut für Informatik und Coach einer Mannschaft international erfolgreicher Fußballroboter.

Was ist Ihr Lieblingsstoff in der Welt der künstlichen Intelligenz?

Mary Shelleys Frankenstein. Das ist eigentlich ein sehr philosophisches Buch. Das Thema ist wohl die Erschaffung des Menschen. Dieses Motiv ist ja durchgängig seit der klassischen Antike (Pygmalion), es begegnet uns in der Bibel oder in der Figur des Golem bis zu den Cyborgs und Androiden der modernen Sciencefiction. Die Frankenstein-Filme haben immer den Grusel hervorgehoben - aber das Hauptmotiv ist die Verantwortung des Wissenschaftlers: Was darf man tun? Wie weit darf man gehen? Außerdem reizt mich die Mischung aus Sciencefiction und einem ernsten Thema.

Was reizt Sie an der Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz?

Mein Forschungsmotiv ist es nicht Menschen nachzubauen, sondern sie zu verstehen, ihre Geheimnisse zu entdecken. Es ist ein populärer Irrtum - und eine übliche Projektion - dass KI-Forscher immer nur menschenähnliche Maschinen herstellen wollen, die uns dann eines Tages überflügeln - oder uns dienen. Ich bilde meine Studenten auch nicht zu lauter Frankensteins aus, eher zu guten Fußballspielern. KI-Forschung ist vielmehr so etwas wie abstrakte Biologie. Nur zwei Prozent von dem, was Menschen tun, tun sie bewusst. der Rest, 98 Prozent, geschieht unbewusst.

Dann ist es zu künstlichen Wesen, die Bewusstsein erlangen, ein gängiges Motiv in der Sciencefiction noch ein weiter Weg?

Zu Zeiten des Computer-Pioniers Alan Turing - in den 30er- und 40er-Jahren - hat man gedacht, dass Bewusstsein lediglich eine Anzahl von Regeln sei und man demzufolge nur eine genügend hohe Anzahl davon schreiben müsse, um es zu begreifen und zu reproduzieren. Man hat dabei wohl die Komplexität des Lebendigen unterschätzt.

Ist die Intelligenz also noch nicht im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit angekommen?

Intelligenz ist ein sozialer Prozess. Das lehren die Geschichte und die KI-Forschung. Intelligenz existiert nicht isoliert, sondern nur in der Welt, im Austausch der Individuen untereinander.

Die reine genetische Codierung ohne Erfahrung nützt überhaupt nichts. In Russland hat ein Paar seine geistig zurückgebliebene Tochter Jahrzehnte lang allein in einen Schuppen gesperrt. Als sie befreit wurde, konnte sie nicht richtig sehen, nicht sprechen, nicht einmal laufen - auch das muss gelernt werden. die genetische Grundausstattung reicht nicht. Was in den Genen gespeichert ist, ist nur die Möglichkeit, mehr nicht.

Wie reagiert die KI-Forschung darauf?

Heute baut man in der KI lernfähige Systeme, denn nur die sind umweltfähig. Auch hier ist die Grundausstattung nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Systeme kommunizieren und sich anpassen können und fähig sind zur Selbstorganisation. Ich habe auch bei Menschen die Erfahrung gemacht, dass es nicht unbedingt die Überflieger sind, die durchkommen oder Karriere machen, sondern die, die sich in ihrer Umgebung zurechtfinden. Insofern ist ein isoliert betrachteter hoher Intelligenzquotient völlig bedeutungslos.

Ist also Mister Data aus Startrek so etwas wie die Verkörperung der guten Utopie der künstlichen Intelligenz - vor allem in seinem Bestreben menschlich zu werden.

In dieser Figur steckt die alte Vorstellung von künstlicher Intelligenz: Man schreibt ein ausreichend komplexes Programm, das alles festlegt, und fertig ist der Android. Und wenn er Gefühle haben soll, programmiert man ihm einen Emotionschip. Dabei hätte er den gar nicht gebraucht! Wenn man einen Roboter bauen kann, der so intelligent ist wie Data, hätten sich Gefühle zwangsläufig von selbst entwickelt. Denn sie sind notwendig, um das Gesamtsystem weiterzuentwickeln. Das eine funktioniert ohne das andere nicht. Ohne Gefühle wären wir nicht so weit gekommen. Deshalb ist es unsinnig, Gefühle und Verstand getrennt voneinander zu betrachten, wie es manche Philosophen tun.

Die Fragen stellte Susanne Weiss.