Telenovela in Barock
Mexiko-USA: Die längste Grenze der Welt
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09.12.2006
Die Grenze zwischen Mexiko und den USA ist 3152 Kilometer lang, die längste Grenze zwischen zwei Nationen, Grenze zwischen Norden und Süden, stellenweise gesichert wie einst die DDR-Grenze, anderswo durchlässig wie ein Sieb.
Und während in den USA eine erbitterte Debatte über die Sicherheit der Grenze tobt, ist die Grenzregion zu einer Sphäre erhöhter Kreativität geworden. Zum Beispiel in der Literatur der Chicanas und Chicanos – der Mexikaner in den USA. Sie ist Ausdruck und Spiegel vielfältiger transnationaler und transkultureller Prozesse, und ihre Erforschung ermöglicht es, das Verständnis der Amerikas neu zu durchdenken und ihre gegenseitige Verschränkung zu verstehen. Zu verstehen, wie die Grenzen tatsächlich verlaufen und wo sie ihre alte Bedeutung verlieren und eine neue gewinnen oder gar einbüßen. Denn auch darin ist diese Grenze paradigmatisch für das Verstehen verwobener Prozesse – vor dem Hintergrund zunehmend global verflochtener kultureller Praktiken – wo Mexico bis nach Chicago-Pilsen reicht.
„La Luna siempre es un amor difícil“ – Der Mond ist stets eine schwierige Liebe – ist die Geschichte des Conquistadors Balboa und einer indigenen Frau Xochitl/Florinda. Der Autor Luis Humberto Crosthwaite, 1962 in Tijuana geboren, mischt darin Vignetten, Textfragmente, Gedichte und andere literarische Formen. Unter denjenigen Schriftstellern, für die die Grenzregion der kreative Nährboden ist, gehört Crosthwaite zu den bekannten und renommierten. „La luna ...“, 1994 erschienen, ist eine Geschichte von Migration und Grenzüberschreitung. Die Protagonisten überqueren die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Als Bewohner eines fiktiven Vizekönigtums namens Neuspanien und eines Nationalstaates namens Mexiko überspringen sie Jahrhunderte und passieren eine Grenze, die in der Vergangenheit von der Conquista, in der Gegenwart von der NAFTA definiert wird. Während Florinda die Armut und den Alkoholismus ihres Zuhauses flieht, überquert Balboa die Grenze, um Arbeit zu finden. Denn als Eroberer ist er ein Opfer der Rationalisierung geworden.
Gegenwart kann nicht von Vergangenheit getrennt werden, gleichzeitig muss sich die fiktive Welt der Erzählung der Logik der Moderne beugen. Crosthwaite spielt mit verschiedenen literarischen Formen und Stereotypen: Telenovela, Ritterroman, Romanze, die Sprache ist geläufig, Regionalismen mischen sich mit dem Repertoire des Barock.
Einer der sichtbarsten Effekte transkultureller Settings ist die Hybridisierung von Genres; so entstehen zum einen Zwischenformen zwischen Essaysammlung, Gedichtband und Roman. Literatur, Kunst und Populärkultur der Chicana/os, der Nuyoricans sowie anderer karibischer und lateinamerikanischer Communities in den USA (und in Kanada) schaffen zwischen Assimilation und transnationaler Anbindung vielfältige Beziehungen zu den Ausgangskulturen und etablieren auf diese Weise neue Repräsentationsformen. Es entstehen literarische Formen, die es vorher so noch nicht gab. Dieses Genre-Crossing kann das Nicht-Homogene in Szene setzen, letztlich die Folgen der doppelten Kolonisierung – der spanischen Mexikos und der US-amerikanischen weiter Teile Mexikos: Chicanos müssen mit mehr als einer Identität fertig werden.
Das gilt auch für ihren Gebrauch der Sprache. Spanglish ist in aller Munde, das Code-Switching innerhalb eines Satzes geht rasendschnell vonstatten. Und eine bestimmte Art der Hispanisierung des Englischen kann den Code einer bestimmten Gegend kennzeichnen. Luis Humberto Crosthwaite ist inzwischen im internationalen literarischen Mainstream angekommen genau wie die Chicana Sandra Cisneros, die, in Chicago geboren, zu einer Galionsfigur geworden ist für eine bestimmte Art der Beschreibung in einer bestimmten Art von Leben, wenn sie aus Sicht der Frauen das Familienleben in einem mexikanischen barrio in Chicago beschreibt.
Prof. Anja Bandau, Literaturwissenschaft
