Gründungstag einer Eliteuniversität in der Hauptstadt

„Die Freie Universität Berlin ist gegründet!"
„Die Freie Universität Berlin ist gegründet!" Bildquelle: HSA
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Am 4. Dezember 1948, einem Sonnabend, ist in Berlin schlechtes Wetter. Lucius D. Clay erklärt: Mein Hauptquartier bleibt in Berlin. Louise Schroeder, amtierende Oberbürgermeisterin, ruft die Berliner Bevölkerung zur Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 5. Dezember auf.

Im Namen von 8 Millionen New Yorkern übermittelt Oberbürgermeister O‘Dwyer in der „Stimme Amerikas“ den Berlinerinnen und Berlinern seine Grüße und versichert ihnen, wie sehr man den Mut und die Solidarität der Berliner in dieser kritischen Situation bewundere. Der amerikanische Dichter Thornton Wilder, zu Gast in Berlin, begeistert die Berliner mit seinen Stücken: „Wir sind noch einmal davongekommen…“

Um 11.15 Uhr an diesem Tag trifft sich eine recht heterogene Gruppe von Menschen in einem großen Berliner Kino. Der Titania-Palast in Steglitz, vor kurzem wieder von amerikanischer in deutsche Verwaltung übergegangen, hat Platz für 2000 Menschen und ist weitgehend unzerstört. In Berlin ist man knapp mit großen Sälen, entsprechend ausgebucht ist der Palast. Am 4. Dezember 1948 ist er frei.

Das politische Berlin ist hochrangig vertreten. Unter den Teilnehmern der Veranstaltung sind Louise Schroeder, die amtierende Oberbürgermeisterin, Ernst Reuter, der gewählte Oberbürgermeister von Berlin, sowie der Kommandant des amerikanischen Sektors, Oberst Frank L. Howley. Zu Beginn spielt das Zernick-Quartett Beethovens Streichquartett f-moll, opus 95, ein wildes, ernstes Stück mit einem Schluss von demonstrativer Leichtigkeit und Heiterkeit. Ernst Reuter eröffnet die Feier. Er begrüßt die Gäste und dankt allen, die dazu beigetragen haben, dass er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vorbereitenden Ausschusses erklären kann:

„Die Freie Universität Berlin ist gegründet!“

Eine großartige Zeremonie sollte und konnte es nicht werden. Dafür standen weder Zeit noch Mittel zur Verfügung. Viele Vorlesungen fanden anfangs in Kinos oder anderen öffentlichen Gebäuden statt. Die Knappheit der Mittel bestimmte die äußere Form. Notlösungen waren typisch für diese neue Universität, zu dieser Zeit und an diesem Ort. Der Geschäftsführende Rektor Edwin Redslob, ehemaliger Reichskunstwart der Weimarer Republik, erläutert das Siegel, das er nach einigen Anläufen geschaffen hatte, anhand der Skulpturen des Naumburger Doms, die die drei Tugenden veritas, iustitia und libertas darstellten.

Fast wäre es schon am Gründungstag zum Eklat gekommen. Redslob, der von einer „Studentengründung“ nichts wissen wollte, hatte für die Studierenden Plätze ab Reihe 22 vorgesehen. Unter diesen Umständen wollten die aber wiederum der Veranstaltung fernbleiben und auch öffentlich mitteilen, warum. Man kam überein, dass Gründungsstudenten und Gründungsprofessoren zusammen auf der Bühne Platz nehmen sollten.

Nur sie konnten die damals beeindruckende Lässigkeit des ersten amerikanischen Redners beobachten. Frank Howley behält, während er redet – unbemerkt vom Auditorium – eine Hand in der Hosentasche. Die, die es sehen können, sind überrascht, über die wohlgesetzte Rede des ruppigen Militärs sind alle verblüfft. Howley ist anwesend in Vertretung von General Lucius D. Clay, dem Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone und Erfinder der Luftbrücke.


Die Freie Universität hatte von Beginn an mit Widrigkeiten zu kämpfen, die heute unvorstellbar sind. Die etablierte Academia stand der Gründung äußerst skeptisch gegenüber und machte auch kein Hehl daraus. Studierende wie Professoren müssen Lern- und Lehrmaterial zum Teil von zuhause mitbringen – sogar die Stühle, auf denen sie sitzen. Gelernt wird im Kino bei Kerzenlicht.

Von Anfang an ist die Freie Universität mehr als „nur“ eine Universität. Sie ist ein Bekenntnis, das ihrem Namen Ehre machen will. Nur so kann es gelingen, bedeutende Lehrende – darunter zahlreiche jüdische Remigranten – nach Berlin zu holen. Wie keine andere Universität war die FU in die Umbrüche der späten 60er-Jahre verstrickt, als Zentrum der Proteste, als eine akademische Anstalt, die mehr als andere die Zerreißproben der Zeit auszuhalten hatte. Eine Zerreißprobe auch die Entwicklung zur Massenuniversität, die irgendwann noch mehr nicht schultern konnte – vor allem als seit den 90er- Jahren die Zuwendungen drastisch gekürzt wurden. In alledem ist die Freie Universität untrennbar mit der Stadt Berlin verbunden, eine Universität in der Hauptstadt, die sich trotz aller Widrigkeiten zu einer der ersten Adressen in der deutschen Wissenschaft entwickelt hat – und die am 19. Oktober 2007 zu einer der Eliteuniversitäten des Landes gekürt wurde.

Im jugendlichen Alter von 60 Jahren.

Den ungekürzten Text zum Gründungstag der Freien Universität finden Sie hier: http://web.fu-berlin.de/fun/1998/12-98/home.htm