Tom Sommerlatte und die realen Systeme

Chairman des Beratungsunternehmens Arthur D. Little GmbH

Tom Sommerlatte ist Chairman des Beratungsunternehmens Arthur D. Little GmbH
Tom Sommerlatte ist Chairman des Beratungsunternehmens Arthur D. Little GmbH
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03.07.2008

Tom Sommerlatte wollte Wissenschaftler sein und sich auf dem Weg von der Theorie zur Praxis in den Dienst der Menschen stellen. Doch schnell lernte er, dass die organisierte Wissenschaft nicht der geeignete Ort dafür sei. Sein eigentliches Terrain sind die realen Systeme. Er gehört zu den Großen der Innovations- und Unternehmensberatung, ist Chairman von Arthur D. Little, Honorarprofessor, Bestsellerautor und Maler.

„Man ist stolz, hier studiert zu haben“, sagt er mit Blick auf seine alte Alma mater, die auch 1958, als er anfing zu studieren, in einem guten Sinne immer noch in Gründung war. Der gebürtige Dessauer, der mit einer Waisenrente über die Runden kommen muss, studiert Chemie, erhält das Diplom und geht zwischendurch als Stipendiat in die USA. 1968 promoviert er in Paris und arbeitet schließlich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Studiengruppe für Systemforschung in Heidelberg – und 1970, lang bevor es Mode wurde, macht er einen MBA. Im selben Jahr tritt er in Brüssel beim Traditionsunternehmen Arthur D. Little ein, damals die Nummer Eins unter den Unternehmensberatungen.

„Technologiebasierte Strategieentwicklung“ ist sein Aufgabengebiet bei ADL, Innovationsberatung ist das Hauptgeschäft der Firma. 1973 gründet Tom Sommerlatte mit anderen die erste deutsche Niederlassung von ADL, 1976 wird er Mitglied des Europäischen Direktorats, übernimmt 1983 die Geschäftsleitung der deutschen Niederlassung, 1990 die Leitung der europäischen Aktivitäten. Er etabliert zahlreiche Büros auf dem ganzen Kontinent und führt seine Firma von Erfolg zu Erfolg. Dass schließlich unter Sommerlattes Leitung über 50 Prozent der Umsätze eines US-Unternehmens in Europa erwirtschaftet wurden, war absolut ungewöhnlich, und das Stammhaus – das inzwischen in Schieflage geraten war – sah es nicht nur mit Freude. „Sie waren eifersüchtig“, erinnert er sich an den Beginn schwieriger Zeiten. In den USA hatte man Trends verschlafen, war im einst gewohnten Erfolg träge geworden und hatte Mühe, eine feindliche Übernahme abzuwehren. Nach einer unsinnigen Umstrukturierung geht Sommerlatte. Das war 1997; die Firma mit der großen Tradition ging pleite. „Ich habe den George Bush von Arthur D. Little erlebt“, bringt Sommerlatte auf den Punkt, was für ihn typisch us-amerikanische Überheblichkeit ist. „Ich habe keine Scheu, deutliche Worte zu sprechen“, erklärt er mit ruhiger Freundlichkeit. Auch als Chef tut er das. Aber der Chemiker weiß, dass auch soziale Systeme in weiten Teilen selbstorganisierend sind. Das erträgt nicht jeder. „Unternehmen gehen zugrunde, wenn sie übersteuert sind“, weiß der Berater. „Und die Chefs mit der größten Kontrollillusion werden von den einschlägigen Magazinen dann auch noch zum ‚Manager des Jahres’ gewählt“, lacht Sommerlatte. „Nach drei Jahren sind sie in der Regel erledigt.“

Auf der europäischen Seite der Firma war genug Substanz für den Management-Buy-Out. „Jetzt heißen wir Arthur D. Little GmbH und sind ein europäisch geführtes Unternehmen“, sagt Sommerlatte ein wenig verschmitzt. Tom Sommerlatte steht für Reputation, Verlässlichkeit und Kreativität gleichermaßen. Der Siebzigjährige ist in Beiräten und Aufsichtsräten zahlreicher Unternehmen, als Berater gesucht und vielfältig gesellschaftlich engagiert. 2005 verleiht ihm der Bundespräsident das Verdienstkreuz erster Klasse.

„Angewandte Systemforschung“ und „Das innovative Unternehmen“ gehören zu den Bestsellern unter den 20 Titeln, die der Autor Sommerlatte verfasst hat. Und mehr Innovation wünscht sich der Vater von elf Kindern, die er mit seiner französischen Frau hat, auch für die Wissenschaft: „Die Professoren sind weitgehend autistisch, Kontakt nach außen wird vermieden, und die Studierenden werden von Menschen ausgebildet, die die Wirklichkeit nicht kennen – die eigentliche Idee der Universität wird ad absurdum geführt“, findet der Honorarprofessor.

Den Menschen will er zu Diensten sein mit seiner Arbeit – ist ihnen denn zu helfen? Davon ist er überzeugt. Freilich nicht mit Pessimismus und Egoismus. Auf der Homepage des Malers Tom Sommerlatte ist zu lesen: „Um ihrer bedrohten Sache willen solidarisieren sich die Einzelgänger.“ Immerhin eine Alternative.

sw

Stand 04.06.2011

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