Von Frühling bis Herbst ist die walisische Insel Skomer Island ein Vogelparadies.

Ein deutsch-britisches Projekt erforscht den gefährdeten Schwarzschnabel-Sturmtaucher

Nr. 008/2008 vom 22.04.2008

Von Frühling bis Herbst ist die walisische Insel Skomer Island ein Vogelparadies. Entlang schroffer Felsen und zerklüfteter Küsten nisten Zigtausende Papageitaucher, Trottellummen und Tordalke, dazu Möwen, Brachvögel, Falken und Austernfischer. Die mit Abstand größte Gruppe sind jedoch die Schwarzschnabel-Sturmtaucher: 150 000 Vogelpaare und damit rund ein Drittel der weltweiten Population leben während der wärmeren Monate auf der Insel, die sich lediglich auf zweieinhalb Kilometer von Nord nach Süd und drei Kilometer von West nach Ost erstreckt. Wissenschaftler schätzen, dass der Schwarzschnabel-Sturmtaucher im Laufe seines Lebens mehrere Millionen Kilometer weit fliegt. Sonst aber ist wenig über den Seevogel bekannt. Um mehr über seine Lebensweise herauszufinden, rücken ihm Forscher der Freien Universität, der Oxford-Universität und des Forschungslabors Microsoft Research Cambridge mit Hightech auf den Leib. Die Forscher wollen so verstehen, wie der Seevogel geschützt werden kann, der auf der Roten Liste gefährdeter Arten geführt wird.

Der 35 Zentimeter große Schwarzschnabel-Sturmtaucher – er ist etwa so groß wie eine Lachmöwe – ist in diesen Wochen aus seinem Winterdomizil in Südamerika zurückgekehrt nach Skomer Island. Hier suchen sich die Vögel einen Partner, bauen ein Nest in einer Erdhöhle und bebrüten gemeinsam ein einziges Ei. Auch während dieser Zeit verbringen die Vögel die meiste Zeit über dem Wasser: Mit der Brutpflege wechseln sich beide Partner ab – während der eine Vogel über der See segelt, bleibt der Partner bei Ei oder Küken. Nur nachts kehren beide für einige Stunden zurück in die Höhle.

Wegen seines unsteten Lebens und seiner weiten Wanderschaften ist es außerordentlich schwierig, den Vogel systematisch zu beobachten – obwohl die Tiere bereits seit den 1950er Jahren beringt werden, um ihre Wege verfolgen zu können. Vor einigen Jahren fand man einen in jener frühen Zeit beringten Veteranen. Ein Beleg dafür, dass die Vögel mehr als 50 Jahre alt werden können. Wissenschaftler der Oxford-Universität betreiben auf Skomer Island bereits seit fünf Jahren ein Forschungsprojekt zum Schwarzschnabel-Sturmtaucher. Sie führten erfolgreich Datensammler auf GPS-Basis ein, einem satellitengestützten Navigationssystem, mit dem die Bewegungen der Vögel aufgezeichnet werden. Der Nachteil: Um die Daten sammeln zu können, mussten die Vogelhöhlen nachts alle 20 bis 30 Minuten inspiziert werden. Das beschränkte die Zahl der beobachteten Vögel und band immense Arbeitskraft von Forschern und Helfern.

Im vergangenen Frühjahr wurde in einem Pilotprojekt die Ausrüstung mit einem technischen System der Freien Universität ergänzt. Die Technik kombiniert drahtlose Sensornetzwerke mit einer Erkennung über Funk, dem RFID (Radio-Frequency Identification). Ultraleichte reiskorngroße RFID-Geräte, die die einzelnen Vögel über elektromagnetische Wellen identifizieren, sind an den Beinringen der Tiere angebracht. Eine Reihe von drahtlosen Sensoren in den Höhlen informieren die Forscher sofort über Ankunft und Abflug der Tiere sowie über Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Höhlen. Alle Daten werden an eine Basisstation übermittelt, die die Informationen an eine Datenbank weiterleitet. Diese ist für beteiligte Wissenschaftler weltweit einsehbar.

„Die Wissenschaftler werden automatisch über die Rückkehr der Vögel in die Höhlen informiert – und müssen nicht immer wieder nachsehen“, erläutert Tomasz Naumowicz, Informatik-Doktorand der Freien Universität Berlin, der an der Entwicklung des Systems beteiligt war und dessen Einsatz überwacht. „Außerdem können mit der neuen Technik mehr Daten erhoben werden, etwa über den Zustand der Höhlen.“ Die Pilotphase hat nach Einschätzung der Forscher gezeigt, dass die Hightech-Ausrüstung das Verhalten der Vögel in keiner Weise verändert. Deshalb sollen die Forschungen in der diesjährigen Brutperiode auf eine größere Zahl von Vögeln ausgeweitet werden, und weitere Fakten sollen gemessen werden, sagt Robin Freeman, Wissenschaftler bei Microsoft Research Cambridge: „Wir wollen beispielsweise das Gewicht der Sturmtaucher bei Rückkehr in die Höhlen messen, um herauszufinden, wie viel Nahrung sie ihren Küken mitbringen“, erklärt der Ökologe. „Durch Vergleich der Flugdaten können wir Rückschlüsse ziehen über bevorzugte Nahrungsquellen.“

Langfristig erwarten die Forscher Erkenntnisse über veränderte Verhaltensweisen der Tiere vor dem Hintergrund von Klimaveränderungen: Seevögel reagieren sehr empfindlich auf eine sich wandelnde Umwelt. Zugleich sind sie ein Indikator für den Zustand der Weltmeere, auf die sie angewiesen sind. Nur wenn Wissenschaftler genauer wissen, in welchen Gebieten und wie lange sich die Sturmtaucher aufhalten, wo sie ihre Nahrung finden und wie sie ihren Nachwuchs aufziehen, können geeignete Schutzgebiete für den umtriebigen Seevogel ausgewiesen werden.

Von Kerrin Zielke