Zeugen des Bombenkriegs

Sammlung von Berichten internationaler Autoren aus dem Dritten Reich

Nr. 003/2007 vom 30.01.2007

Deutsche Autoren haben vor der Aufgabe versagt, von der Zerstörung ihrer Städte durch die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg Zeugnis abzulegen. Mit dieser provokanten These eröffnete der Schriftsteller W. G. Sebald 1997 eine Debatte, die jahrelang die deutsche Öffentlichkeit beschäftigte. Wie aber verhält es sich mit ausländischen Beobachtern? Was haben Schriftsteller wie der Italiener Curzio Malaparte, die Dänin Karen Blixen, der Franzose Louis-Ferdinand Céline oder der US-Amerikaner Kurt Vonnegut überliefert, die den Luftkrieg in Deutschland als Reporter, Flüchtling oder Kriegsgefangener erlebten? Was haben Journalisten in neutrale Länder wie Schweden oder die Schweiz berichtet? Was empfanden in Deutschland lebende Engländer, wenn ihre Landsleute zum Angriff anflogen? Und wie erlebten Häftlinge in Plötzensee oder Bergen-Belsen die Bombardements?

„Ausländische Zeugen befanden sich in einer außergewöhnlichen Situation“, erklärt der Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich von der Freien Universität Berlin. „Sie waren mittendrin – und zugleich distanziert. So konnten sie vieles anders wahrnehmen als deutsche Zeitzeugen.“ Sie beobachteten beispielsweise sehr genau, wie sich die Deutschen verhielten: Reagierten diese voller Hass oder apathisch? Wussten sie, dass ihre Führung nicht nur den Krieg begonnen hatte, sondern auch die Angriffe auf zivile Ziele? Die meisten ausländischen Beobachter befürworteten den Luftkrieg zunächst. Im Verlauf des Krieges jedoch stellten sie immer mehr die Frage, ob er moralisch berechtigt sei, und machten kontraproduktive Wirkungen aus. Eine ideologische Aufrechnung betrieben sie nicht.

Unter dem Titel „Berichte aus der Abwurfzone“ hat Oliver Lubrich eine Auswahl von Texten zusammengestellt, die als Februar-Ausgabe der renommierten Buchreihe ‚Die Andere Bibliothek’ erscheint. Chronologisch zeichnen die Dokumente die Geschichte des Bombenkrieges aus unterschiedlichen Perspektiven nach. Die nicht-deutschen Autoren berichten fast durchweg sachlich und ohne Ausflüchte. Sie bedienen sich zahlreicher Gattungen und Schreibformen: Tagebuch, Reportage, Rundfunkbericht, Erzählung etc. Viele der Beiträge erscheinen zum ersten Mal in deutscher Sprache.

Am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin erforscht Oliver Lubrich seit Jahren internationale Berichte aus Nazi-Deutschland. Er hat ein umfangreiches Archiv historischer Quellen zusammengetragen, aus dem 2004 bereits eine erste Sammlung erschienen ist: „Reisen ins Reich 1933–1945“. Der Literaturwissenschaftler ist des Weiteren Mit-Herausgeber der Werke des Reiseschriftstellers Alexander von Humboldt: „Kosmos“ und „Ansichten der Kordilleren“ (2004), „Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen“ (2006).

Das Buch:

„Berichte aus der Abwurfzone. Ausländer erleben den Bombenkrieg in Deutschland 1939–1945“, herausgegeben von Oliver Lubrich, Die Andere Bibliothek, Band 266, Eichborn Verlag, Frankfurt, 2007, 480 Seiten.

Weitere Literatur:

„Reisen ins Reich 1933–1945. Ausländische Autoren berichten aus Deutschland“, herausgegeben von Oliver Lubrich, Die Andere Bibliothek, Band 240, Eichborn Verlag, Frankfurt, 2004, 430 Seiten.

Dazu: Martha Dodd, Meine Jahre in Deutschland, 1933–1937, übersetzt von Ursula Locke-Gross und Sabine Hübner, mit einem Nachwort von Oliver Lubrich, Verlag Eichborn, Berlin, 2005, 446 Seiten.

Weitere Informationen

Dr. Oliver Lubrich
Freie Universität Berlin
Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Telefon: 030 / 304 18 93
E-Mail: lubrich@zedat.fu-berlin.de
Homepage: www.complit.fu-berlin.de/institut/lehrpersonal/lubrich.html