Buchen statt suchen

Die Hotel-Suchmaschine der Zukunft weiß, was Reisende wünschen

Nr. 007/2006 vom 04.07.2006

Stellen Sie sich vor, Sie wollen beruflich nach London reisen. Um die Planung einfach zu halten, sparen Sie sich den Gang ins Reisebüro: Sie wollen online buchen. Doch schon wartet der erste Stolperstein: Bei der Hotelsuche erscheinen nach Ihren Suchparametern über 100 Hotels zur Auswahl. Hilft eine alphabetische Sortierung? Wohl kaum – es ist Ihnen völlig egal, wie das Hotel heißt. Oder eine Sortierung nach Preis, schließlich wollen Sie günstig reisen? Auch das ist nicht ausschlaggebend, denn vielleicht ist es Ihnen wichtig, dass im Umkreis des Hotels viele Restaurants liegen, und diese Nähe ist Ihnen ein paar Pfund mehr pro Übernachtung wert. Spätestens jetzt gehen Sie doch ins nächste Reisebüro oder rufen ein Callcenter an, um den Mitarbeitern Ihre Wünsche direkt vorzutragen.

„Wer ein Hotel sucht, will nicht das billigste, sondern das für sich beste – das macht die Anforderung an ein Buchungssystem komplex“, sagt Robert Tolksdorf, Professor am Institut für Informatik der Freien Universität Berlin. Er leitet „Reisewissen“, ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Berliner Unternehmen Ehotel, das Online-Buchungen für Geschäftskunden anbietet. Das Projekt wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und von der Investitionsbank Berlin gefördert. „Als Unternehmen sind wir nah am Kunden und kennen die Wünsche und Bedürfnisse – doch die Technik ist noch nicht so weit, deshalb suchen wir Unterstützung in der Entwicklung“, beschreibt Fritz Zerweck, Vorstand von Ehotel, die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft.

Der Kunde, der im Internet nach einem Hotel sucht, steht vor einer paradoxen Situation: Zwar sind meist alle Informationen verfügbar, die seine Entscheidung für oder gegen ein Hotel betreffen. Aber er kann nur einen kleinen Teil der Informationen nutzen: Die Daten liegen weit verstreut, die elektronischen Systeme können sie nicht „erkennen“ und für die Wünsche des Kunden bündeln.

Robert Tolksdorf und sein Team forschen an „Semantic-Web-Technik“, eine Grundlage für die nächste Generation des Internets, die zugleich die Wünsche der Hotelgäste verwirklichen kann. Heute ermöglichen Suchmaschinen lediglich, Datensätze zu finden, die bestimmte Zeichenketten enthalten. Deren Semantik oder Bedeutung kann die Maschine aber nicht in die Suche einbeziehen, denn der „Umgang“ von Mensch und Maschine mit Wörtern und Zeichenfolgen ist zu unterschiedlich. Ein Beispiel: „Ich gehe zur Bank“ – fast immer ist damit ein Geldinstitut gemeint, zumindest, wenn der Sprecher älter als zehn Jahre ist und dieser nicht zufällig in einem Park eine Sitzbank ansteuert. Einer Suchmaschine fehlt jedoch dieser Kontext aus Begriffen und Umständen. Sie zeigt bei der Zeichenfolge „Bank“ zwar Geldinstitute an, aber ebenso eine Landkarte, auf der die Ortschaft Bank Newton zu finden ist, oder „Katze auf einer Bank“. Bei der Suche nach „Geldinstitut“ hingegen findet die Suchmaschine weder „Sparkasse“ noch „Bank“ – außer die Websites der Finanzunternehmen führen diese Begriffe auf. Die Suchmaschine „weiß“ nicht, dass die Kategorie „Geldinstitut“ sowohl „Sparkasse“ als auch „Bank“ umfasst und der Nutzer daran interessiert ist, auch diese Ergebnisse zu finden.

Also erarbeiten Tolksdorf und sein Reisewissen-Team – darunter Magnus Niemann und Malgorzata Mochol –, Bezüge zwischen den Begriffen. Das Ziel ist eine Suchmaschine, die Hotelausstattungen und Interessenprofile zusammenbringt: Wenn sich ein Geschäftsreisender als sportlich einstuft, werden die Hotels automatisch nach diesem Kriterium bewertet. Der Kunde muss dafür nicht alle gewünschten Einrichtungen wie Schwimmbad oder Tennisplatz in seinem Suchprofil anklicken, denn diese sind bereits als „sportlich“ klassifiziert. Und natürlich muss er auch nicht zeitintensiv die Eigenbeschreibungen der Hotels studieren. Je mehr Sporteinrichtungen wie Tennisplatz oder Schwimmbad vorhanden sind, desto höher erscheinen die Hotels in der Rangfolge. „Der Kunde soll seine Entscheidung nach klaren Kriterien treffen können und erkennen, warum ein Hotel weit oben steht“, so Magnus Niemann, „nicht, weil es etwas günstiger ist, sondern weil besonders viele Sporteinrichtungen seinen Interessen entgegenkommen.“

Mit der schnelleren und dabei passgenauen Buchung steige nicht nur die Zufriedenheit mit dem Hotel, so die Forscher. Auch die Abwicklungskosten bei Geschäftsreisen ließen sich reduzieren. Ein enormes Sparpotenzial liegt nicht darin, weniger oder unkomfortabler zu reisen, sondern in der effizienten Verwaltung – ob eine Firma zentral bucht oder es dem einzelnen Mitarbeiter überlässt, seine Dienstreise zu organisieren.

Von Kerrin Zielke

Homepage

http://reisewissen.ag-nbi.de

Weitere Informationen

Magnus Niemann, Freie Universität Berlin, Fachbereich für Mathematik und Informatik, Institut für Informatik, Telefon: 030 / 838-75231, E-Mail: maggi@inf.fu-berlin.de