Vom Höhenflug des Ikarus

Das Archiv für Antikerezeption am Seminar für Klassische Philologie untersucht, wie antike Klassiker die Literatur der Gegenwart beeinflussen

Nr. 004/2006 vom 16.03.2006

Wer ist denn dieser Achill?
Sagte die Schildkröte
Und fraß weiter an ihrem Salatblatt.

Mit der Frage der Schildkröte zielt der Lyriker Arnfrid Astel auf die schwindende Präsenz der Antike in der heutigen Zeit. Auf der anderen Seite verlangt sein Dreizeiler einen Leser, der weit mehr kennt als nur die homerische Ilias. Dieser muss sich daran erinnern, dass Achill und die Schildkröte dem antiken Philosophen Zenon als Beispiel für das mathematisch-logische Problem der unendlichen Teilbarkeit der Linie diente. Der ‚fußschnelle Achilleus’, erklärte Zenon, kann die Schildkröte niemals einholen, da diese, so langsam sie auch kriechen mag, immer, wenn er an den Punkt gelangt ist, wo sie gerade war, schon wieder ein Stückchen weiter ist.

Astels raffiniertes Spiel mit der unterstellten Ignoranz und dem implizit verlangten Wissen des Lesers bringt das paradoxe moderne Verhältnis zur Antike auf den Punkt. Spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Antikenicht mehr selbstverständlicher Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Andererseits begegnet uns die alte Welt im täglichen Leben auf Schritt und Tritt: Die Werbung arbeitet gern mit archäologischen Denkmälern und Orten oder mit den unsterblichen Göttern und Heroen der griechischen Mythologie. Karikaturisten spielen in immer neuen Variationen mit Sisyphos und seiner sprichwörtlichen Arbeit oder mit Europa auf dem Stier. Im Theater haben die Aufführungen griechischer Tragödien in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Im Kino feiern Troja, Alexander der Große oder die römischen Gladiatoren Triumphe. In den Museen überraschen uns antike Zitate, Motive und Themen in den Bildern so unterschiedlicher Maler wie Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer, Anselm Kiefer oder Cy Twombly. E- und U-Musik lassen sich immer wieder von antiken Texten oder Stoffen inspirieren. Die sensationellen Erfolge von Christa Wolfs „Kassandra“ und Christoph Ransmayrs Ovidroman „Die letzte Welt“ machten schlagartig auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welche Bedeutung die großen Texte der antiken Literatur für viele moderne Autoren und ihre Leser haben.

 Es waren diese überraschenden Erfolge, aber auch Günter Kunerts und Heiner Müllers lebenslange Arbeit mit antiken Elementen, die zu der Idee führten, am Seminar für Klassische Philologie der Freien Universität Berlin ein „Archiv für Antikerezeption in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart“ aufzubauen. Ziel des von der Freien Universität Berlin und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützten Projekts ist die Untersuchung von Umfang, Formen und Funktionen der literarischen Antikerezeption nach 1945. Herzstück ist die Sammlung der relevanten Texte und die systematische ‚Verzettelung’ der Rezeptionsbezüge. Analysiert sind alle wichtigen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart sowie eine umfangreiche Auswahl an weniger bekannten Autoren.

 Um die Ergebnisse der Recherchen auch weltweit verfügbar zu machen, sind im vergangenen Jahr zwei große Datenbankenfür den Zeitraum 1945 bis 2000 ins Internet gestellt worden. Sie ermöglichen es
dem interessierten Nutzer, gezielt nach Texten zu suchen, in denen mythologisch-literarische Figuren, historische Gestalten oder Orte, sowie antike Autoren, Werke, Themen und Zitate rezipiert sind bzw. die relevante Forschungsliteratur zu recherchieren. Per Mausklick kann sich der Interessierte etwa darüber informieren, ob Sappho und ihre Poesie auch für moderne Lyriker noch eine wichtige Inspirationsquelle sind. Dabei wird er auf Sapphogedichte von Erika Burkart und Rose Ausländer, Johannes Bobrowski, Heinz Piontek und vielen anderen stoßen. Ein Lehrer, der seinen Schülern Homers Odyssee schmackhaft machen will, kann sich in wenigen Minuten zeitgenössische Paralleltexte über die Sirenen, die Zauberin Kirke oder den Kyklopen Polyphem zusammenstellen. Mit einem weiteren Klick findet er auch gleich die passende Sekundärliteratur dazu, die ihm die Unterrichtsvorbereitung erleichtern kann. Auch der Student, der wissen möchte, ob und wie Albert Camus’ radikale Korrektur des Sisyphosmythos – „wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen!“ – auf andere Autoren gewirkt hat, wird fündig werden.

Das Archiv hat die ins Internet gestellten Schätze für die Edition eigener Anthologien genutzt – „Unterm Sternbild des Hercules“ (1996), „Mythos Sisyphos“ (2001), „KunertsAntike“ (2004) – und so den Reichtum der modernen Antikerezeption dokumentiert. Viele Publikationen anderer, etwa die Mythosreihe des Reclamverlags, Museumskataloge oder Theaterprogramme, haben aus dem Fundus des Archivs geschöpft und dazu beigetragen, thematische Schwerpunkte und Tendenzen der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit der Antike herauszustellen.

 Unter anderem hat sich gezeigt, dass es insbesondere die Gestalten und Geschichten des griechischen Mythos sind, deren „Materialwert“ (Brecht) besonders groß ist. Prometheus, Ödipus, Odysseus, Kassandra, Medea, Sisyphos oder Ikarus sind als Sinnbilder menschlicher Existenz auch heute noch omnipräsent. Gerade Ikarus hat, nachdem es im 18. und 19. Jahrhundert ziemlich still um ihn geworden war, im 20. Jahrhundert einen neuen Höhenflug angetreten. Die spannungsreiche Verbindung von Kühnheit und Maßlosigkeit, stürmischem Aufbruch und kläglichem Sturz, Streben und Gefährdung lässt diese Gestalt zu einem einzigartigen Sinnbild der Moderne werden, in der menschliche Intelligenz, experimentelle Neugier und Risikobereitschaft zu ungeahnten zivilisatorischen Fortschritten geführt, zugleich aber auch nie da gewesene Gefahren und Katastrophen gebracht haben. Nach dem zweiten Weltkrieg wird das ambivalente Bild des abstürzenden Himmelsstürmers neben Prometheus und Sisyphos zu einer der wichtigsten mythischen Chiffren der Gegenwart. In der ehemaligen DDR ist die Gestalt sogar so intensiv rezipiert worden, dass man zu recht von einer Schlüsselgestalt gesprochen hat. Wolf Biermanns Ballade vom „Preußischen Ikarus“, Kunerts lange Reihe von Ikarusgedichten oder Bernhard Heisigs und Wolfgang Mattheuers zahlreiche Ikarusvariationen sind die wohl bekanntesten Beispiele.

 Das Archiv für Antikerezeption hat in den letzten Jahren damit begonnen, das umfangreiche Material in Gesamtdarstellungen und Aufsatzsammlungen aufzuarbeiten und in Symposien und Ringvorlesungen an eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln. Höhepunkte dieser Arbeit waren die Kooperationen mit Autoren wie Durs Grünbein und Günter Kunert. Die beiden Datenbanken, die im Internet zur Primärliteratur und zur Forschungsliteratur aufgerufen werden können,stellen nicht nur einen reichen Fundus an Texten und Materialien bereit. Die insgesamt mehr als 8000 Datensätze des Archivs bieten eine solide Basis für die zukünftige literatur- und geistesgeschichtliche Forschung über die Bedeutung der Antike.

Homepage

www.antikerezeption.fu-berlin.de

Weitere Informationen

Prof. Dr. Bernd Seidensticker, Seminar für Klassische Philologie der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-54293 oder 801 40 36, E-Mail: bs1@zedat.fu-berlin.de