Das Märchen von der glücklichen Kuh

Die Historikerin Veronika Settele erforscht die Geschichte der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Deutschland

18.05.2016

Felder, Schweinestall, Hühnerstall, Traktor, Hofhund und in der Mitte ein großes Haus – so stellen sich viele Deutsche noch immer Bauernhöfe vor. Die meisten wissen wohl, dass dieses Bild nicht mehr stimmt, doch wie es tatsächlich in deutschen Puten-, Schweine- und Kuhställen aussieht, wissen nur wenige.

Fürs Image: Die moderne Landwirtschaft ist weniger romantisch.
Fürs Image: Die moderne Landwirtschaft ist weniger romantisch. Bildquelle: Fotolia/ahavelaar

Und noch weniger, wie die Ställe jene „Tierfabriken“ geworden sind, die man sich heute lieber nicht vorstellt, vor allem nicht, wenn man gerade ein Stück Fleisch vor sich auf dem Teller liegen hat.

Veronika Settele untersucht in ihrer Dissertation am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität die Geschichte der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Deutschland zwischen 1950 und 1980 – ein historisch bisher wenig beleuchtetes Kapitel. „Du bist, was du nicht isst! Gesundheit und Ernährung seit 1850“ hieß eine Tagung, die Settele vor Kurzem mit ihrem Fachkollegen Norman Aselmeyer an der Freien Universität organisiert hat.

Dort wurde an Fallbeispielen aus Europa, Japan, Russland, Brasilien und den USA deutlich, wie prägend und unterschiedlich die Vorstellungen von richtigem und gesundem Essen in verschiedenen Zeiten waren und wie sehr dies mit gesellschaftlichen, politischen und technologischen Faktoren zusammenhing.

Das zeigt sich auch an der Entwicklung des Fleischkonsums in der jüngsten Geschichte: Während im Jahr 1950 in der Bundesrepublik pro Person etwa 37 Kilogramm Fleisch konsumiert wurden, waren es 1980 mehr als 100 Kilogramm. „Fleisch galt lange als essenziell für eine gesunde Ernährung“, erklärt Veronika Settele den hohen Stellenwert des Nahrungsmittels nach dem Zweiten Weltkrieg.

Veränderte Konsumgewohnheiten seien ein Grund für den Wandel in der Tierhaltung gewesen: Während 1950 noch viele bäuerliche Kleinbetriebe existierten, habe sich in den folgenden drei Jahrzehnten die rationalisierte Fleischproduktion in Deutschland etabliert.

Das Tier als individuelles Lebewesen mit all seinen Lebensphasen von der Geburt bis zu Schlachtung geriet aus dem Blick: Die Betriebe spezialisierten sich auf die Nutzung einer Tierart und einer Altersstufe wie Bullenmast oder Ferkelaufzucht, und technische Erfindungen wie die Melkmaschine ermöglichten die Bewirtschaftung immer größerer Bestände mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft.

Die Zeit sei von großem Fortschrittsoptimismus und Machbarkeitsfantasien geprägt gewesen, sagt die Wissenschaftlerin. Neue Formen der Stallhaltung seien nicht selten experimentell getestet worden. Als Beispiel nennt Settele die Offenstallhaltung von Rindern in der DDR in den späten 1950er Jahren.

Um die tierische Produktion zu steigern und den Versorgungsengpass zu überwinden sei dort ein besonders radikaler Weg zur tierischen Intensivproduktion eingeschlagen worden. Bei der Offenstallhaltung wurden die Tiere in Ställen ohne Wände untergebracht, es gab lediglich einen Regenschutz. Doch das Experiment, das zuvor im Süden der Sowjetunion erfolgreich getestet worden war, ging in Deutschland schief: Im mecklenburgischen Winter verendeten Jungtiere, bei den Kühen nahm aufgrund der Kälte die Milchleistung ab.

„In der Branche und in der Breite herrschte ein naturwissenschaftlich-mechanisches Tierverständnis vor“, sagt Settele, „Haltungsmethoden wurden stets für gut befunden, solange die Produktivität der Tiere stimmte.“ Kritik an Massentierhaltung und industrieller Fleischproduktion hat es Settele zufolge in Deutschland in dieser Zeit wenig gegeben.

Auch in der Friedens- und Ökologiebewegung in den 1970er Jahren habe man sich kaum für die landwirtschaftliche Tierhaltung interessiert, dafür aber für Böden, Flüsse und Bäume. „Es ging dort zwar auch um Tierschutz, aber der bezog sich eher auf Wald- und Wildtiere, deren Lebensraum bedroht war“, sagt die Historikerin.

Erst in den 1990er Jahren habe sich mit der biologischen Landwirtschaft ein Alternativmodell zur Massenproduktion von Fleisch entwickelt, das in der Breite wahrgenommen wurde. „Unser Blick von heute ist ein zurecht verunsicherter“, sagt Veronika Settele.

Fleischbetriebe machen mit einem romantisierenden Bild von der Landwirtschaft Werbung, parallel präsentieren Tierschutz- und Tierrechtsinitiativen Schockberichte aus den Ställen. „Immer weniger Menschen haben Kontakt zu landwirtschaftlicher Tierhaltung, und so gibt es große Wissenslücken bei Verbrauchern darüber, wie die Produktion von Tieren in der modernen Landwirtschaft abläuft – und wie sie sich entwickelt hat“, erklärt Settele.

Gerade der historische Blick auf die Jahrzehnte seit 1950, in denen die Tierhaltung in Deutschland mit großen Schritten den Weg ihrer Industrialisierung genommen hat, könne helfen, sagt Settele, Verunsicherung abzubauen und zu eigenen Positionen jenseits von Idylle und Skandal zu finden.

Weitere Informationen

Veronika Settele, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Friedrich-Meinecke-Institut, Tel.: +49 30 838 72786, E-Mail: veronika.settele@fu-berlin.de