„Koranforschung ist immer auch politische Arbeit“

Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth mit Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen ausgezeichnet

07.09.2015

„Wir kommen um die Anerkennung einer jüdisch-christlich-islamischen Kultur nicht herum“, sagt Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik der Freien Universität.
„Wir kommen um die Anerkennung einer jüdisch-christlich-islamischen Kultur nicht herum“, sagt Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik der Freien Universität. Bildquelle: Christoph Jäckle/Universität Tübingen

Jährlich wird an der Universität Tübingen der Dr.-Leopold-Lucas-Preis für Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, Geistesgeschichte, Geschichtsforschung und Philosophie verliehen. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung stiftete Generalkonsul Franz D. Lucas 1972 zum 100. Geburtstag seines Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas, der im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde.

In diesem Jahr ehrt die Hochschule mit diesem Preis die Arabistik-Professorin Angelika Neuwirth. Zu deren wissenschaftlichem Werk gehören grundlegende Beiträge zum Koran und zur Koranexegese, die Analyse moderner arabischer Literatur der Levante sowie die Erforschung der palästinischen Dichtung und der Literatur des israelisch-palästinensischen Konflikts. Campus.leben sprach mit der international renommierten Wissenschaftlerin über die Auszeichnung.

Frau Professorin Neuwirth, was bedeutet Ihnen diese Ehrung?

Dieser Preis ist einzigartig, weil er von einer Familie kommt, der in Deutschland während der Nazizeit unsägliches Unrecht angetan worden ist, die sich aber trotzdem der Tradition des deutschen Judentums verpflichtet fühlt. In den von mir geleiteten Projekten untersuchen wir die Rolle der deutsch-jüdischen Gelehrten, die im 19. Jahrhundert den Islam und den Koran als Teil der auch Europa betreffenden Kulturgeschichte entdeckt haben. Dr. Leopold Lucas, dessen Gedenken dieser Preis dient, war einer der letzten großen Gelehrten der „Wissenschaft des Judentums“.

In dieser jüdischen Reformbewegung ging es darum, die damals in der christlichen Theologie revolutionäre Neulektüre der Bibel als einer historischen Schrift für das Judentum zu adaptieren. Dabei wurde aber auch der Koran erstmals einer solchen historischen Lektüre unterzogen. Abraham Geigers bahnbrechendes Werk aus dem Jahr 1833 kann als Gründungsurkunde einer modernen kritischen Koranforschung gelten, die der über Jahrhunderte praktizierten Verunglimpfung des Korans ein Ende setzt.

Ziemlich genau 100 Jahre – bis zum gewaltsamen Abbruch der Tradition mit der gewaltsamen Eliminierung jüdischer Wissenschaftler aus deutschen Universitäten 1933 – standen den Gelehrten zur Verfügung, um die von ihnen erkannte enge Verwandtschaft des Koran mit der jüdischen und christlichen Tradition wissenschaftlich zu verfechten. Wir haben hier ein Stück verschütteter Wissenschaftsgeschichte vor uns, die endlich ans Licht gehoben zu werden verdient.

Mit dem Preis wird Ihre Rolle im Dialog zwischen Islam, Judentum und Christentum gewürdigt. Wie stellen Sie die Verbindung zwischen diesen drei Religionen her?

Der Koran ist zwar in einer geographisch abgelegenen Gegend entstanden, der arabischen Halbinsel, doch weiß man inzwischen, dass auch dieser Raum Ort eines intensiven kulturellen Austausches war. Juden und Christen lasen die Bibel neu, im Licht griechischer Philosophie und altorientalischer Weisheitslehren, Araber revidierten die in ihrer Stammesdichtung archivierten tribalen Wertvorstellungen in neuartigen Gedichten. In diesen Prozess stellt sich die Verkündigung Muhammads hinein, sie leistet mit eigenen Antworten auf die großen Fragen der Zeit einen noch einmal neuen Beitrag zu der Reflektion des religiösen und heidnischen Erbes.

Die Einschätzung des Koran – sowohl in der Forschung als auch in der Öffentlichkeit – ist nach wie vor kontrovers. Man übersieht leicht, dass der Koran von Anfang an eine werdende Gemeinde anspricht, dass er nicht primär ein Buch, sondern die Mitschrift eines historischen Dramas ist. Er kann nicht von dem Ereignis der Verkündigung des Propheten im 7. Jahrhundert getrennt werden. Deswegen ist es unzulässig, wie es sowohl bei islamischen Fundamentalisten als auch bei westlichen Korankritikern geschieht, beliebige Verse aus ihrem Kontext gerissen als Zeugnisse eines für heute unmittelbar verbindlichen Denkens zu werten.

Es ist natürlich sinnlos, einen Text des 7. Jahrhunderts auf seine für heute geltende „politische Korrektheit“ hin zu lesen. Wie andere heilige Schriften auch verdient der Koran, nicht dem Buchstaben, sondern dem tieferen Sinn nach verstanden zu werden. Hier sind literaturwissenschaftliche Methoden gefordert. Der Koran muss als Text der Spätantike neben die Grundtexte der beiden anderen Religionen, die in dieselbe Spätantike gehören, das Neue Testament und die rabbinische Literatur, gestellt werden. Wir kommen um die Anerkennung einer jüdisch-christlich-islamischen Kultur nicht herum.

Seit 2014 sind Sie emeritiert. Weiterhin leiten Sie an der Freien Universität seit 2012 das Teilprojekt „Von Logos zu Kalām: Figurationen und Transformationen von Wissen in der vorderorientalischen Spätantike“ im Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ sowie seit 2007 das Forschungsprojekt „Corpus Coranicum“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Woran forschen Sie genau?

Das SFB-Projekt geht verschiedenen Prozessen von Wissenstransfer in der vormodernen arabischsprachigen Kultur nach. Dagegen ist das Projekt „Corpus Coranicum“ auf den Koran als den ältesten arabischen Text fokussiert, der mit modernen Methoden untersucht und elektronisch dokumentiert werden soll. Komplementär entsteht eine Datenbank über die zur Zeit der Koranentstehung im Umlauf befindlichen nachbiblischen jüdischen, christlichen und heidnischen Texte, die Echos im Koran gefunden haben. Auf dieser Basis wird ein historisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar erstellt, der den Text erstmals vor dem Hintergrund seines theologischen Entstehungskontextes auslegt.

Gleichzeitig beleuchten wir auch die neue Religionsgemeinschaft, die in kurzer Zeit die kulturelle und auch die politische Landkarte des Nahen Ostens veränderte. Wir wollen zeigen, dass sich der Koran nicht anders als die Grundschriften der jüdischen und christlichen Kultur aus der Religionen-übergreifenden Debattenkultur der Spätantike gebildet hat und er folglich auf dieselben großen theologischen Fragen antwortet, die auch die anderen Religionen beschäftigt haben.

Und wir möchten die koranischen Antworten heutigen Religionsinteressierten zugänglich machen. Zugleich verstehen wir den Koran als Dokument eines historischen Ereignisses im 7. Jahrhundert, das revolutionäre Veränderungen der arabischen Gesellschaft ausgelöst hat. Diese doppelte Perspektive auf den Koran wurde in der bisherigen Koranforschung nicht eingenommen. Unser langfristig und mehrschichtig angelegtes Projekt ist am ehesten geeignet, die Lücke endlich zu schließen. Wir veröffentlichen die Ergebnisse sukzessiv elektronisch auf einer Webseite, die bereits eingesehen werden kann.

Die Fragen stellte Marina Kosmalla

Weitere Informationen

Zur Preisträgerin

Angelika Neuwirth, 1943 in Niedersachsen geboren, studierte persische Sprache und Literatur in Teheran sowie Semitistik, Arabistik, Islamwissenschaft und klassische Philologie in Göttingen und Jerusalem. 1972 wurde sie an der Universität Göttingen promoviert, 1977 habilitierte sie sich an der LMU München. Nach Stationen in Amman, München, Kairo und Bamberg übernahm Angelika Neuwirth 1991 den Lehrstuhl für Arabistik an der Freien Universität Berlin. Zudem war sie von 1994 bis 1999 Direktorin des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft Beirut und Istanbul.

Kontakt

Prof. Dr. Angelika Neuwirth, Seminar für Semitistik und Arabistik, Fachrichtung Arabistik, Tel.: +49 30 838-53597, E-Mail: angelika.neuwirth@fu-berlin.de