Reden lassen

Annette Gerstenberg, Professorin für Französische und Italienische Sprachwissenschaft, untersucht die Sprache im höheren Lebensalter

07.09.2015

Wie verändert sich Sprache im Laufe des Lebens und wie zwischen verschiedenen Generationen? Annette Gerstenberg hat hierzu in Frankreich geforscht.
Wie verändert sich Sprache im Laufe des Lebens und wie zwischen verschiedenen Generationen? Annette Gerstenberg hat hierzu in Frankreich geforscht. Bildquelle: misterQM/photocase.com www.photocase.de/foto/196891-stock-photo-informationstechnologie-technik-technologie-sprechen-kunst-denken-kultur
Aus ihrem Leben erzählten die Gesprächspartnerinnen, die die Sprachwssenschaftlerin für ihre Studie in Frankreich besuchte. Die meisten waren zwischen 70 und 94 Jahre alt.
Aus ihrem Leben erzählten die Gesprächspartnerinnen, die die Sprachwssenschaftlerin für ihre Studie in Frankreich besuchte. Die meisten waren zwischen 70 und 94 Jahre alt. Bildquelle: Annette Gerstenberg
Das Foto von 1944 zeigt eine Szene der Befreiung der Stadt Orléans von den deutschen Besatzern durch die US-Armee. Die Studienteilnehmerin hatte es Annette Gerstenberg zur Verfügung gestellt.
Das Foto von 1944 zeigt eine Szene der Befreiung der Stadt Orléans von den deutschen Besatzern durch die US-Armee. Die Studienteilnehmerin hatte es Annette Gerstenberg zur Verfügung gestellt. Bildquelle: privat
Annette Gerstenberg, Professorin für Sprachwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität.
Annette Gerstenberg, Professorin für Sprachwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität. Bildquelle: Tobias Mayer

Geht es darum, die Sprache bestimmter Altersgruppen zu erforschen, beschäftigen sich die meisten Wissenschaftler mit der Jugendsprache. Die Romanistin Annette Gerstenberg von der Freien Universität Berlin widmet sich einer anderen Generation: Sie untersucht die Sprache im höheren Lebensalter.

Vielleicht hat das Praktikum in einem Altenheim in Florenz, das Annette Gerstenberg nach dem Abitur absolvierte, ihr Interesse an der Sprache der Älteren geweckt. In jedem Fall aber war es die Wissenslücke, die in diesem Bereich existierte. „Vor allem in der Romanistik war die Zahl der Forschungsarbeiten zu diesem Thema sehr übersichtlich“, sagt die Sprachwissenschaftlerin für Italienisch und Französisch. „Mir war es bei meiner Habilitation wichtig, auf einem Gebiet zu arbeiten, das noch nicht gut erforscht ist.“

In der Fachliteratur sah sie sich vor allem mit der sogenannten Defizithypothese konfrontiert, wenn es um die Sprache der Älteren ging: „Die Sprachentwicklung wurde im Verlauf eines Menschenlebens wie ein umgedrehtes U beschrieben, mit ihrem Höhepunkt zur Mitte des Lebens und einem Verfall der Sprache in den älteren Lebensjahren.“

„Es gibt keine typische Sprache der Alten“

Annette Gerstenberg ging jedoch nicht davon aus, dass Sprache im Alter vor allem pathologische Prozesse zeigt. „Den häufig zitierten Begriff der ‘Alterssprache‘ verwende ich nicht“, sagt die 41-Jährige. Nach ihrer Erfahrung gibt es keine typische Sprache der Alten, denn die Generation sorge für die jeweilige sprachliche Prägung, und jede Generation führe andere typische Sprachmuster mit sich, die sich zudem an den Sprachgebrauch in der Gesellschaft anpassen.

2005 begann Annette Gerstenberg mit dem empirischen Teil ihrer Habilitationsarbeit. Sie reiste für mehrere Wochen nach Orléans und führte Gespräche mit 56 Älteren. 48 davon waren zwischen 70 und 94 Jahre alt. Für Orléans gab es gute Gründe: Zum einen wird dort, in der weiteren Umgebung von Paris, Standardfranzösisch gesprochen – Dialekte konnten also nur wenig ablenken.

Zum anderen konnte Gerstenberg auf einem sogenannten linguistischen Korpus aufbauen: Englische Französischlehrer hatten 1968 begonnen, Sprachaufnahmen aller Generationen in der Region zu sammeln und zu dokumentieren. Mit dem sogenannten Orléans-Korpus begann auch die Kooperation der dortigen Arbeitsgruppe von Sprachwissenschaftlern, deren assoziiertes Mitglied Gerstenberg heute ist.

Wer Annette Gerstenberg, erlebt, kann sich gut vorstellen, dass Menschen sich ihr gegenüber schnell öffnen und dass sie eine gute Zuhörerin ist. Auch wenn ihre Heimatregion, das Rheinland, sich in ihrer Sprache nicht verrät, zeigt die Wissenschaftlerin doch typisch rheinisches Gesprächsverhalten, wie sie selbst sagt: „Dazu zählt, dass man als geborene Düsseldorferin im Aufzug auch dann redet, wenn man nicht reden muss.“

Andere ansprechen und gut zuhören

Gesprächspartner für ihre Forschung in Frankreich fand sie über Freunde, in Altenheimen – oder aber sie sprach Menschen auf der Straße an. Für jedes Interview wollte Gerstenberg eine möglichst ähnliche Situation schaffen. Die Teilnehmer sollten ihren eigenen Redefluss entwickeln, deshalb setzte die Sprachwissenschaftlerin auf die Strategie des „aktiven Zuhörens“. In jeweils etwa 45 Minuten erzählten die Älteren aus ihrem Leben, sie wussten, dass es um ein Universitätsprojekt ging und sie Teil eines Projektes zur „Oral History“ waren.

2011 veröffentlichte Annette Gerstenberg ihre Habilitation unter dem Titel „Generation und Sprachprofile im höheren Lebensalter“ – mit den Ergebnissen der Untersuchung von Orléans. Dabei spiele der Begriff der Generation eine zentrale Rolle, viele der Befragten maßen der Schulbildung hohen Wert bei: „Für diese Kinder der Dritten Republik in Frankreich wird die Schulbildung als das Mittel für den sozialen Aufstieg gesehen“, sagt die Wissenschaftlerin, „Schulbildung ist für sie Sprachbildung, viele der Gesprächspartner achteten daher sehr auf ihre Worte und Sätze.“

„Sprechen ist anstrengend“

2012 reiste die Sprachwissenschaftlerin noch einmal nach Orléans, um ihre Gesprächspartner von damals zu treffen. 34 von 56 konnte sie wieder ausfindig machen. Das Setting war das gleiche, bei der Auswertung konzentrierte sie sich auf kleine Einheiten aus den sieben Jahre zurückliegenden Interviews, auf Anekdoten und bestimmte Erinnerungen, die meist spontan in gleicher Weise wieder erzählt wurden. In einigen Fällen provozierte Gerstenberg bewusst, dass die Gesprächspartner ihre Geschichten wiederholten und verglich beide Versionen. Welche Strategien wurden verwendet, um Geschichten zu erzählen? Wie haben sich diese beim späteren Erzählen verändert?

Die Erzähleinheiten waren nun kürzer, die Pausen länger geworden. „Sprechen ist anstrengend“, konstatiert Gerstenberg, „das zeigt sich an solchen Veränderungen.“ Dazu gehöre auch, dass die Älteren im Jahr 2012 weniger Füllwörter verwendeten, die zusätzliche Energie kosten. Der Anteil sehr häufig verwendeter Wörter war insgesamt zurückgegangen. Bei Erzählkernen – den wichtigsten Informationen zu einer Geschichte – gibt es eine erstaunlich hohe Stabilität, sagt sie, etwa in der Wiedergabe wörtlicher Rede.

„Jüngere erzählen unstrukturierter und sprunghafter“

In einem weiteren Schritt führte die Wissenschaftlerin ein Experiment des „Narrative Priming“ durch: Sie konfrontierte die Studentinnen und Studenten, die sie während einer Gastdozentur an der Universität Orléans unterrichtete, mit den Geschichten der Älteren. Dann brachte sie die Jüngeren zum Erzählen, indem sie nach deren eigenen Anekdoten aus der Kindheit fragte. Anschließend verglich die Sprachwissenschaftlerin die Erzählweisen und Erzählstrategien der beiden Gruppen miteinander.

„Bei den Älteren ist deutlich ein Zuwachs an pragmatischer Kompetenz zu erkennen“, sagt Gerstenberg. „Ihre Erzählungen sind stärker gegliedert, sie sind wie schriftliche Texte komponiert, mit einer Einleitung, einem Höhepunkt und einer Bewertung, während die Jüngeren knapper erzählen und auf strukturierende Elemente eher verzichten.“

2013 wurde Annette Gerstenberg als Professorin für Sprachwissenschaft an das Institut für Romanische Philologie der Freien Universität berufen. Kann sie noch unbefangen Gespräche führen, wenn sie abends ausgeht – oder achtet die Wissenschaftlerin stets auf Sprechmuster? „Ja, darauf achte ich schon“, sagt sie. „Ich möchte das auch gar nicht anders haben. Dafür interessiert mich Sprache einfach zu sehr. Sie hat mich immer schon fasziniert – in jeder Form.“

Weitere Informationen

Zum Weiterlesen

Im Juli 2015 erschien „Language Development: The Lifespan Perspective“, herausgegeben von Annette Gerstenberg und Anja Voeste (John Benjamins Publishing Company). Der Band vereint Aufsätze zum Deutschen, Englischen, Französischen und Italienischen und widmet sich der Entwicklung der Sprache im mittleren und höheren Lebensalter und der Möglichkeit, sie in Längsschnittstudien zu untersuchen. Dafür werden unterschiedliche Quellentypen erschlossen wie Briefsammlungen, Autobiographien, literarische Texte und Audioarchive.

Kontakt

Prof. Dr. Annette Gerstenberg, Tel.: +49 30 838 60789, E-Mail: annette.gerstenberg at fu-berlin.de